Die schwimmende Messtation mit ihren senkrecht aufragenden Stahlrohren und Drähten auf dem Stausee.
Messtation der Dresdner und Magdeburger Forscher auf der Rappbode-Talsperre im Harz. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Methan in mitteldeutschen Stauseen Ist Wasserkraft so schädlich wie Kohle?

Eigentlich schützen Talsperren das Klima, denn Stromgewinnung aus Wasserkraft kommt ohne Abgase aus. Doch Stauseen haben auch eine negative Seite, zeigt ein mitteldeutsches Forschungsprojekt: Dort entsteht Methan, ein Klimagas, das 25 Mal schädlicher als CO2 ist.

von Karsten Möbius

Die schwimmende Messtation mit ihren senkrecht aufragenden Stahlrohren und Drähten auf dem Stausee.
Messtation der Dresdner und Magdeburger Forscher auf der Rappbode-Talsperre im Harz. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Uwe Spank sieht aus wie der amtierende Weltmeister im Hammerwerfen, ist aber Forscher an der TU Dresden, genauer: Meteorologe. Er leitet das gemeinsame Projekt mit dem Umweltforschungszentrum Magdeburg, bei dem die Entstehung von Methan in mitteldeutschen Stauseen untersucht wird.

Wenn es um Methan geht, dann reden alle gern über pupsende Kühe, sagt Spank und lächelt. "Die Methanbildung im Tiefenwasser hat man bislang immer vernachlässigt. Der Aufhänger des Projektes ist, den Beitrag von Standgewässern in der Treibhausgasbilanz besser abbilden zu können."

Treibhauseffekt durch Stauseen

Ein Mann mit kurzen blonden Haaren und schwarzer Jacke schaut in die Kamera. Im Hintergrund ist die Messtation auf dem See zu sehen.
Forschungsgruppenleiter Uwe Spank von der TU Dresden Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Ein Grund für die Messungen sei auch eine Studie aus dem tropischen Französisch-Guyana. Dort hat man festgestellt, dass in einem Stausee so viel Methan entstanden ist, dass man den Strom, der durch Wasserkraft erzeugt wurde, auch gleich mit einem Kohlekraftwerk hätte herstellen können. Der Treibhauseffekt wäre der gleiche gewesen.

Spank wirft den Bootsmotor an, und fährt mit einem Schlauchboot an die Messstation mitten auf der Rappbodetalsperre. Auf der pontonartigen kleinen, etwa sechs Quadratmeter großen Plattform stehen senkrechte Gerüststangen. Daran sind jede Menge Kästchen und allerlei kleine Messgeräte geschraubt. An den Enden der Gerüststangen sind Stahlseile gespannt, so als ob man ein Zelt überwerfen wollte. "Jetzt haben wir hier versucht, unsere Messstation wie so eine Art Faradayschen Käfig einzupacken, um die Messgeräte, die sehr teuer sind, vor den Schäden von einem Blitz zu schützen", erklärt Spank.

Die Mess-Insel liefert den Biologen und Meteorologen ein Riesenpaket an Informationen, darunter Wasser- und Lufttemperatur, Wind-, Wasser- und Luftzusammensetzung, den Austausch der Wasser- und Luftschichten bis hin zur Energieeinstrahlung in den Stausee und was davon wieder nach oben geht. Und natürlich messen sie das Methan im und über dem Wasser.

Methan entsteht durch verrottende Pflanzen

"Man hat das Methan im Tiefenwasser, aber das bedeutet noch nicht, dass es auch an die Oberfläche kommt. Dieser Ausgasungsprozess in die Atmosphäre, der ist noch unzureichend beschreibbar", erklärt Spank die wissenschaftliche Herausforderung. Die These der Forscher ist, dass bei starkem Wind und Regen und bei niedrigen Wasserständen verstärkt Methan aus dem Wasser in die Atmosphäre gelangt. Genau das wollen sie drei Jahre lang mit ihrer schwimmenden Insel auf mindestens zwei verschiedenen Stauseen messen.

Stauseen sind deshalb so interessant, weil dort durch die Zuflüsse viel organisches Material eingespült wird und im stehenden Gewässer absinkt. Und wenn dann vor allem im Sommer auf dem Grund der Sauerstoff knapp wird, entsteht beispielsweise beim Zersetzen von Blättern und Zweigen das Methan. Nächstes Jahr wird die Messstation auf der Talsperre Bautzen schwimmen "Die ist leider das Gegenteil von der sehr sauberen Rappbode-Talsperre", sagt Spank. "Ganz lax ausgedrückt: Im Spätsommer sah das Wasser vergleichbar mit Spinatsuppe aus."

Trotz Spinatsuppe ist in unseren Breiten keine so extreme Methanentwicklung zu erwarten wie im tropischen Französisch Guyana. Aber es geht zunächst darum zu wissen, wieviel Methan in unseren Stauseen entsteht und wie viel davon in die Atmosphäre gelangt und vielleicht sogar um neue technologische Lösungen.

Möglichkeit zur zusätzlichen Energiegewinnung

Man kann ja ein bisschen träumen. Es ist auch eine Überlegung, ob man Talsperren, wo große Methanmengen gebildet werden, vielleicht auch bautechnisch so herrichten kann, dass man das Methan nutzbar machen kann.

Uwe Spank, TU Dresden

Ob die Menge an Methan aus unseren Stauseen überhaupt ausreicht, um sie industriell zu nutzen, darüber können die Messungen in den Stauseen Auskunft geben. Stauseen sind so eine Art Referenzgewässer, denn Methan wird auch in natürlichen Seen gebildet.

Über dieses Thema berichtete MDR KULTUR: im Radio | 17.10.2017 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juli 2019, 16:09 Uhr