Mikroplastik im Meer Gefährliche Mikroorganismen surfen auf unserem Plastikmüll

Auf dem Meeresgrund, im Magen von Walen oder wie ein Boot auf der Wasseroberfläche: Plastikmüll ist überall in unseren Ozeanen. Besonders große Sorgen macht Forschern die Mikroplastik – also Teilchen kleiner als fünf Millimeter. Und während wir Menschen noch darüber nachdenken, wie wir das wieder aus dem Wasser bekommen, haben winzige Lebewesen die Partikel bereits als Lebensraum erobert und gelangen so an Orte, die sie ohne diese Mitfahrgelegenheit nie erreicht hätten.

von Kristin Kielon

Mikroplastik-Partikel im Größenvergleich neben einer Ein-Cent-Münze
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Wasserflaschen, Einkaufstüten und Fischernetze, Plastikkügelchen aus Kosmetik oder der Abrieb unserer Autoreifen – unsere Ozeane gleichen einer riesigen Plastik-Müllhalde. Die Langlebigkeit des Materials, die an Land ein Segen ist, ist im Wasser ein Fluch. Es dauert etwa 450 Jahre bis eine einzige Plastikflasche komplett abgebaut ist. Vorher zerfällt sie zu kleinen Teilchen: der Mikroplastik. Und auf der siedeln sich Mikroorganismen wie etwa Bakterien an, erklärt Mikrobiologe Matthias Labrenz von Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde:

Auf Mikroplastik reichern sich die gleichen Mikroorganismen an, die man auch auf anderen Partikeln im Meer findet. Der entscheidende Unterschied ist, dass sich andere Materialien, etwa Holz, zersetzen und damit das ‚Mikrobenvehikel‘ zerfällt.

Matthias Labrenz, Mikrobiologe

So wie zum Beispiel Holz. Denn Holzpartikel überleben gerade einmal ein paar Jahre im Wasser. An Bord der Mikroplastik-Partikel dagegen treten die Mikroorganismen eine Weltreise an: Strömungen, Wind und Wellen treiben sie auch in die entlegensten Gegenden. Und an gewissen Stellen sammelt sich der Plastikmüll sogar, so Labrenz. “Es entstehen regelrechte Müllinseln von riesigen Ausmaßen, die zum großen Teil aus kleinen Plastik-Fragmenten oder Mikroplastik bestehen, die von Mikroorganismen besiedelt sind. Man weiß nicht, woher diese Organismen stammen – aus den Gebieten der Müllstrudel oder möglicherweise wurden sie auf ihrem Plastiklebensraum von weither dorthin verdriftet. Wenn Letzteres zutrifft, wären sie ohne den Transport auf den Plastikpartikeln wohl nie dorthin gelangt.“

Diese neuen Arten in fremder Umgebung bergen Risiken: Sie könnten beispielsweise Krankheitserreger verbreiten oder Algenblüten auslösen. Welche Folgen diese Mikroplastik-Reise für die Ozeane genau hat, ist noch unklar. Dazu werde gerade weltweit geforscht, sagt Mikrobiologe Labrenz. Er selbst forscht in der Ostsee zu Plastik und dessen winzigen Bewohnern. Doch warum suchen sich die Mikroorganismen überhaupt so einen unnatürlichen Lebensraum?

Anstatt frei im Meer zu treiben, bevorzugen es viele Mikroorganismen, die Oberflächen fester Strukturen zu besiedeln, wo sie sogenannte Biofilme bilden. Denn dort – und das gilt auch für die Oberflächen von Mikroplastikpartikeln – reichern sich Nährstoffe an. Außerdem bieten die Biofilme einen gewissen Schutz vor Fressfeinden und anderen Umwelteinflüssen.

Matthias Labrenz, Mikrobiologe

Als Biofilme bezeichnet man die schleimigen Schichten, die auch an Buhnen oder Bojen zu finden sind. Eine wichtige Frage, an der geforscht werde, sei auch, ob die Mikroorganismen auf der Mikroplastik in die Nahrungskette gelangen. Wenn Miktrobiologe Labrenz in seinem Institut Fische untersucht, dann sieht er das regelmäßig. “Es ist keine Seltenheit mehr, dass man im Magen und im Darm von Fischen Mikroplastik findet.“

Labrenz vermutet, dass so auch potentielle Krankheitserreger, die sich an der Mikroplastik angesiedelt haben, in den Fisch kommen könnten. Und der landet am Ende wieder bei uns Menschen auf dem Teller.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 02.08.2017 | 06:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2017, 16:36 Uhr

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