Dichtes Gedränge am Ostseestrand in Zinnowitz. Hunderte Strandmuscheln und Badeurlauber.
Bildrechte: IMAGO

Umweltverschmutzung Die Ostsee, das dreckigste Meer der Welt?

Im Urlaub zieht es viele an die Ostsee. Doch die Idylle - blauer Himmel, blaues Meer, ist trügerisch: Die Natur, die wir in unserem Urlaub am Badestrand genießen wollen, ist aus dem Gleichgewicht. Unser liebstes Binnenmeer soll nämlich auch das dreckigste Meer der Welt sein, voll mit sogenannten Todeszonen. Aber stimmt das wirklich?

von Kristin Kielon

Dichtes Gedränge am Ostseestrand in Zinnowitz. Hunderte Strandmuscheln und Badeurlauber.
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Berge von Plastik türmen sich am weißen Sandstrand, auf dem Wasser der Brandung glänzt ein schleimiger Dreckfilm: Genau so sieht es aus, wenn das Meer verdreckt ist, an Stränden in Mittelamerika oder in Asien. Jedenfalls ganz weit weg.

Strand mit Meer an der Ostsee.
Bildrechte: Gerald Perschke

Aber doch nicht am weißen Ostseestrand? Der Schein trügt: Denn nicht nur Abfall macht ein Meer dreckig. Betrachtet man etwa nur den Plastikmüll, ist die Ostsee zwar eines der, aber nicht DAS dreckigste Meer der Welt. Im Mittelmeer etwa schwimmt noch mehr Plastik. Anders ist das, wenn man alle Arten von Verschmutzung betrachtet, sagt Dirk Scheelje von der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, dem Mitherausgeber des sogenannten Meeresatlas, der den Zustand der Meere seit Jahren beobachtet. Denn dann wird deutlich:

Die Ostsee ist das besterforschte, aber auch das belastetste Meer der Welt, mit der größten Todeszone.

Dirk Scheelje – Heinrich Böll-Stiftung

Todeszone klingt krass. Und genau das sind sie auch: Todeszonen sind Meeresbereiche, in denen es kaum bis gar keinen Sauerstoff mehr gibt, erklärt Meeresökologie-Professor Thorsten Reusch vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR. In einer Überblicksstudie hat er die Forschungen von 26 Wissenschaftlern aus sieben Ländern zusammengetragen. Das mache sie besonders aussagekräftig. Dabei handelt es sich um "zahlreiche Langzeitdatenserien, die teilweise Jahrzehnte bis sogar über ein Jahrhundert zurückgehen", so Reusch.

Die Grafik zeigt die Ostsee mit schraffierten und gepunkteten Teilbereichen die als Todeszonen gelten.
Die Karte der Todeszonen gemessen bei einer Überwachungsfahrt im Mai 2017. Herausgegeben vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde.
Die Graphik zeigt Gebiete mit Sauerstoffmangel (< 2 ml/l) und Schwefelwasserstoff in der grundnahen Wasserschicht der Ostsee sowie maximale Sauerstoff- und Schwefelwasserstoffkonzentrationen.
Bildrechte: IO Warnemünde

Beispielsweise hat die Ostsee eine der besten Zeitserien was die prekäre Sauerstoffsituation betrifft in tieferen Becken. Die geht 115 Jahre zurück und wenn sie so lange zurückgehen, dann wird das Rauschen sozusagen herausgemittelt und man kann dann eben wirklich sehen, dass sich beispielsweise der Sauerstoffmangel in den letzten 115 Jahren verzehnfacht hat.

Prof. Thorsten B. Reusch – GEOMAR Kiel
Dichtes Gedränge am Ostseestrand in Zinnowitz. Hunderte Strandmuscheln und Badeurlauber.
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Die Folge ist, dass das Bodenleben in der Ostsee zu großen Teilen nur noch aus Bakterien besteht - alle anderen Lebewesen gibt es nicht mehr. Und das heißt wiederum, dass auch die Fische kein Futter mehr finden. Außerdem bilden sich dort Organismen, die für den Menschen giftig sind. Im Extremfall hieße das: Badeverbot in der Todeszone! Schuld daran sind Gülle und Dünger aus der Landwirtschaft, die über Grundwasser, Bäche und Flüsse ins Meer gelangen. Deshalb bemühen sich die Anrainer-Staaten der Ostsee schon seit einiger Zeit darum die Situation zu verbessern.

Hervorzuheben ist da die Helsinki-Konvention aus den 1970er-Jahren bereits und daraus wurden immer wieder Schutzziele abgeleitet. Der ehrgeizigste ist der Baltic Sea Action Plan aus dem Jahr 2007 und da steht drin, dass innerhalb von 15 Jahren alle entscheidenden ökologischen Parameter wieder in einem guten Zustand sein sollen.

Prof. Thorsten B. Reusch – GEOMAR Kiel

Dass dieses Ziel nicht mehr erreicht werden kann, ist heute allen Beteiligten klar. Aber dennoch gibt es Erfolge, sagt Meeresökologe Reusch. Die Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft seien deutlich zurückgegangen, aber trotzdem immer noch zu hoch. Doch egal wie sehr sich die Ostsee-Anrainer auch bemühen, Verschmutzungen durch Chemikalien oder Müll zu vermeiden, gibt es da noch ein Problem, dass nur global zu lösen ist: den Klimawandel.

Die Erwärmung und auch die Versauerung ist, wenn Sie so wollen, der Elefant im Raum. Da kann regionales Management nur versuchen, das abzupuffern – die Ökosysteme also so widerstandsfähig zu machen, dass sie diesen zusätzlichen Stress auch noch ertragen können.

Prof. Thorsten B. Reusch – GEOMAR Kiel

Ob die Ostsee das künftig ertragen kann, wissen die Meeresforscher noch nicht. Was allerdings längst klar ist: Auch wenn man es nicht mit bloßem Auge sieht, kann das Meer verdammt dreckig sein.

Dieses Thema im Programm: Mdr Aktuell | Radio | 14. Juni 2018 | 21:49 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2018, 15:21 Uhr