Insektizide, Fungizide, Herbizide Der Giftcocktail auf unseren Äckern

Die Weltbevölkerung wächst, der Bedarf nach Lebensmitteln steigt. Um die Produktion zu steigern, nutzen Landwirte einen der Wetterlage angepassten, ständig veränderten Cocktail aus Herbiziden, Fungiziden, Insektiziden und anderem. Was davon wird wirklich gebraucht?

von Peter Kaiser

Ein Feld nahe Erfurt: Ebenso wie manche Weizensorten kann der Raps im Herbst eine Düngung benötigen. Doch damit ist es nicht getan, denn vielfach wird jetzt zusätzlich ein Fungizid, also ein Wirkstoff gegen Pilzbefall, mit verspritzt. Und generell kommt noch mehr auf deutsche Böden, sagt Michael Lohse, Pressesprecher des Deutschen Bauernverbandes in Berlin.

Es gibt Insektizide gegen Insekten, Fungizide gegen Pilzbefall, und Herbizide gegen Unkrautbefall. Das sind die drei großen Gruppen. In diesem Bereich ist es jedes Jahr unterschiedlich. Dieses Jahr war sehr nass, dadurch wurden weniger Insektizide gespritzt, weil es auch weniger Insekten gab. Dafür hatten wir mehr Pilzbefall, also mussten Pilzmittel angewendet werden in den unterschiedlichen Kulturen.

Michael Lohse, DeutscherBauernverband

Zwar war das Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zu keinem Interview bereit, doch lieferte man die Informationen gemäß Paragraph 64 des Pflanzenschutzgesetzes für das Jahr 2016. Danach teilen sich die drei großen Wirkstoffgruppen in diverse Untergruppen auf. Es gibt Mittel gegen Insekten, Mittel gegen Spinnmilben, Mittel gegen Nematoden, Schnecken, Nagetiere, Pilzkrankheiten, Unkräuter, sonstige Schadorganismen, Saatgutbehandlungsmittel, Abschreckmittel, Wachstumsregler inklusive Keimhemmungsmittel, Mittel zur Veredlung und zum Wundverschluss. Insgesamt sind 658 Mittel mit 257 Wirkstoffen wie Harnstoff, Phythormone, Glyphosat, Carbamate, Neonicotinoide, inerte Gase, Morpholin und vieles mehr zugelassen. Diese Mittel, die zum Teil auch im ökologischen Landbau eingesetzt werden, tragen insgesamt 1.103 Handelsnamen.

Pflanzenschutzmittel sind wie Arzneimittel: Sie verlangen auch eine wissenschaftliche Prüfung von Staats wegen. Es gibt eine Zulassung für jedes Pflanzenschutzmittel, ohne die geht gar nichts. Und darauf muss sich auch der Landwirt verlassen können, dass das Mittel keine Schäden für die Umwelt hat, keine Schäden für die Menschen hat, und das Flora und Fauna nicht so negativ beeinflusst werden, dass wir dauerhafte Schäden haben.

Michael Lohse, Deutscher Bauernverband

Ein frommer Wunsch. Denn das aktuelle Insektensterben ist inzwischen eine wissenschaftlich erwiesene Realität, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Auch Thomas Schmitt, Leiter des Senckenberg Entomologisches Institut in Müncheberg, sieht das so.

Es werden immer wirksamere Insektizide und Pestizide eingesetzt, die sich in der Landschaft ansammeln, aber auch die Intensität der Nutzung ist natürlich sehr wichtig. Die Intensität ist auch oft verbunden mit einem höheren Einsatz an Pflanzenschutzmitteln, aber bewirkt auch eine Ausräumung der Landschaft, wo dann eben die entsprechenden Habitate für die Arten nicht mehr da sind.

Thomas Schmitt, Senckenberg Entomologisches Institut

Mal angenommen, man würde komplett auf Pflanzenschutzmittel verzichten, wäre das die Lösung der Probleme? Harald Witzke, Agrarökonom an der Berliner Humboldt-Universität ist vor einiger Zeit in einer Studie dieser Frage nachgegangen.

Das Ergebnis ist, dass die Wertschöpfung, die zusätzlich generiert wird durch Pflanzenschutz in Deutschland im Bereich von vier Milliarden Euro liegt. 40 Prozent der potenziellen Weltproduktion geht verloren durch Pflanzenkrankheiten und Pflanzenschädlinge. Davon könnten wir die Hälfte einsparen, wenn wir überall auf der Welt hinreichend Zugang zu Pflanzenschutzmaßnahmen hätten.

Dass das so ist, dafür sorgen die Hersteller. Auch mit guter Lobbyarbeit, sagt Frank Schöne vom NABU. Denn "die neue Zulassungsverordnung sieht vor, dass ein Industrieunternehmen sich die Zulassung für sein Pestizid in anderen EU-Mitgliedsstaaten innerhalb der gleichen Zone, und die Zone geht von Rumänien bis Irland, besorgen kann", so der Naturschützer.

Auf dem Wege der sogenannten gegenseitigen Anerkennung wird das Mittel automatisch auch in Deutschland zugelassen. Wenn sich zum Beispiel BAYER oder BASF eine Zulassung in Rumänien besorgen, dann ist das Umweltbundesamt raus aus der Diskussion und hat kein Veto-Recht in der Sache mehr.

Frank Schöne, NABU

In der Diskussion um Pflanzenschutzmittel ist Sachlichkeit nötig. Michael Lohse vom Deutschen Bauernverband betont die Verantwortung der deutschen Bauern im Umgang mit Pflanzengift.

Der Landwirt beobachtet seine Bestände und wenn ein Pilz besonders heranwächst, weil die klimatischen Verhältnisse, also feucht und warm, gut vorhanden sind, dann gibt es eine Schadschwelle. Und ab da fängt er an, hier eine Spritze durchzuführen. Also pauschal wird gar nichts gespritzt.

Michael Lohse, Deutscher Bauernverband

Leider ist das so nicht ganz richtig. Greenpeace etwa schreibt, dass das Totalherbizid Glyphosat vor der Aussaat vielfach auf dem Acker gespritzt wird, damit alles vor der Aussaat dort vernichtet ist. Dann wird die Kulturpflanze angebaut. Doch Wind und Regen verbreiten das Glyphosat und bringen es so in die Nahrungskette mit bislang unabsehbaren Langzeitfolgen. Und auch das Saatgut wird vor der Aussaat oftmals gebeizt, das bedeutet, mit Pflanzengiften behandelt. Die Pflanzen, die daraus wachsen, sind dann selbst giftig für bestimmte Insekten. Auch das kann eine Ursache des beobachteten Artensterbens sein.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR im Radio: MDR KULTUR Spezial | 16.11.2017 | 18:00-19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2017, 18:15 Uhr