Citizen-Science Bessere Stadtplanung mit Radler-Daten

Immer im Sommer konkurrieren deutschlandweit Städte um die meistgefahrenen Fahrradkilometer ihrer Bürger: "Stadtradeln" nennt sich die Aktion. Dresdner Wissenschaftler machen Radler-Daten für die Stadtplanung nutzbar.

drei Radler radeln auf Zuschauer zu 4 min
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Mo 05.08.2019 15:59Uhr 04:06 min

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Was nützt es schon, ein paar Wochen aufs Rad umzusteigen und das Auto für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, Arzt, Schule oder zum Kindergarten stehen zu lassen? Eine klassische Gegenfrage, die man hört, wenn man jemanden fragt, ob er oder sie mitmacht bei der Aktion "Stadtradeln". Tatsächlich ist es nützlich für ein paar Wochen umzusteigen, selbst wenn man danach den Drahtesel wieder zum Winterschlaf in den Keller schickt und wieder Auto fährt. Die TU Dresden weidet die Daten der Stadtradler für die künftige Verkehrsplanung aus.

Stadtradeln - was ist das denn?

Aber was ist Stadtradeln eigentlich? Dahinter steckt das europäische Netzwerk Klimabündnis. Die Aktion gibt es immer im Sommer und dient auf den ersten Blick dazu, die fleißigste Radelkommune des Landes zu ermitteln - in Deutschland machen inzwischen mehr als 1.000 Kommunen mit. Sven Lißner, Verkehrsökologe der TU Dresden, kennt die Zahlen:

Im Jahr 2018 haben europaweit 300.000 Aktive etwa 60 Millionen Kilometer zurückgelegt - das entspricht 1.500 Erdumrundungen. Damit wurden laut Klima-Bündnis rund 8.500 Tonnen CO2 eingespart.

Die Aktion birgt aber weit mehr Potential, wie das Beispiel Dresden zeigt. Wissenschaftler der TU Dresden machen die Daten der Radler nutzbar für die Planung von Radwegen.

Radweg in Kopenhagen
Stadtplanung Kopenhagen - Radwege seit Jahrzehnten Teil der Stadtplanung Bildrechte: imago/ecomedia/robert fishman

Dass das geht, zeigen Städte wie Kopenhagen, die seit 30 Jahren Radstrecken konsequent mitdenken, planen und bauen und deren Bewohner mehr als ein Viertel ihrer Wege per Rad erledigen. Ohne langfristiges Konzept entstehen Flickenteppiche, wie wir sie aus Dresden, Leipzig oder Halle kennen: Statt durchgängiger Radstrecken enden Fahrradwege einfach so, zwingen Radler zu gefährlichen Einfädelaktionen an Auto-Abbiegerspuren oder Kreuzungen.

Radltertracking per App

Radfahrer in Dresden
Radfahrer in Dresden Bildrechte: MDR/Karsten Wolf

Wer beim Stadtradeln mitmacht, kann seine Rad-Kilometer als Einzelperson oder für ein Team zählen lassen und seine gefahrenen Kilometer von Hand in ein Formular eintragen. Diese Daten dienen rein der Kilometererfassung. Wer die Stadtradeln-App dagegen auf sein Handy runterladen kann (die funktioniert allen neueren Geräten), lässt zu, dass seine Fahrwege registriert werden und nicht nur die nackte Kilometerzahl. Aus diesen Daten lassen sich Radverkehrsströme einer Stadt analysieren und herausfinden, wie groß das Radler-Aufkommen ist und wo Radwege gebraucht werden.

Mann schaut auf Monitore auf einem Schreibtisch
Dr. Philipp Grubitzsch gewinnt aus App-Daten Planungshilfen für die Stadt Bildrechte: MDR/Jürgen Magister

Die Informatiker der TU Dresden erstellen zunächst sogenannte Heat-Maps. Diese Karten zeigen über verschiedene Farben, wie oft verschiedene Radwege und Straßen benutzt werden. Sie geben Stadtplanern Hinweise auf neuralgische Punkte im Wegenetz. Aber die Appdaten verraten noch mehr, sagt Dr. Philipp Grubitzsch, Informatiker, an der TU Dresden:

Man kann den Beschleunigungssensor dazu verwenden, die Oberflächenbeschaffenheit zu ermitteln. Je gröber die Oberfläche ist, umso stärker vibriert das Gerät, ob es am Rad festgemacht ist oder im Rucksack oder in der Hosentasche steckt.

Stadtplanung mit Radlerdaten

Die Stadtplaner arbeiten inzwischen mit ersten Daten der Forscher und die kommen quasi zur rechten Zeit: Bis 2030 wird in Dresden mit einem Bevölkerungswachstum von 10 Prozent bei fast gleichbleibendem Autoverkehr gerechnet. Beim Radverkehr aber wird eine Zunahme von 18 Prozent erwartet. Das stellt die Stadtplaner vor große Herausforderungen. Aber nicht nur die Dresdner können in Zukunft von den Daten ihrer "Stadtradler" profitieren. Alle Kommunen, die beim Stadtradeln mitmachen, sollen ab 2020 solche Planungshilfen bekommen.

Hovenring, eine Art Kreisverkehr Brücke für Zweiräder und Fußgänger, über einer verkehrsstarken Straßenkreuzung in Eindhoven
Eine Art Kreisverkehr-Brücke für Radler und Fußgänger, über einer gefährlichen Straßenkreuzung in Eindhoven Bildrechte: imago images / Jochen Tack

Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen | MDR um vier | | 26. Juni 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. August 2019, 10:20 Uhr