Klimaforschung Bringt uns ein schwacher Golfstrom Wärme?

Eine neue Studie sorgt für Aufregung und viel Kritik. Darin geht es um den Golfstrom. Bisher hieß es: Wenn er schwächer wird und womöglich ganz ausbleibt, dann wird es kalt. Ein Forscherteam aus China und den USA behauptet nun das Gegenteil. Sie sagen, ein schwächer werdender Golfstrom heizt die globale Temperatur nochmal so richtig an.

von Annegret Faber

Im Atlantik treiben tausend Messbojen. Zwischen Skandinavien, Grönland und Nordamerika, Afrika und Südamerika schwimmen sie im Wasser und übertragen Wassertemperaturen aus bis zu 2.000 Metern Tiefe. Klimaforscher Prof. Mojib Latif sagt, sie messen die Umwälzzirkulation im Ozean. Kälte und Wärme, die von oben nach unten gestapelt wird. Kurz gesagt: Sie messen die Geschwindigkeit des Golfstroms. Der ist eigentlich nur der Teil einer warmen Meeresströmung, der vor der Küste Floridas längsläuft, sagt Latif.

Er verlässt irgendwann die Küste, fließt Richtung Europa. Dann spricht man schon vom Nordatlantikstrom und in den hohen Breiten sinken die Wassermassen ab, weil sie sehr stark abkühlen und strömen dann in mehreren Kilometern Tiefe zurück in Richtung der Tropen. Wir sprechen von einer Umweltzirkulation. Im Volksmund sagt man Golfstrom dazu.

Prof. Mojib Latif, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel GEOMAR

Damit der in Gang bleibt, müssen bestimmte physikalische Gesetzmäßigkeiten eingehalten werden. Zum einen sind da die Temperaturunterschiede, denn warmes Wasser trifft auf kaltes. Erwärmt sich das kalte Wasser durch das Klima, wird der Strom langsamer. Zum anderen spielt der Salzgehalt des Wassers eine Rolle. Schmelzende Gletscher und mehr Regen verdünnen den Salzgehalt des Atlantiks seit Jahren und bremsen ebenso den Golfstrom aus.

Dies sei in vorangegangenen Studien bereits nachgewiesen wurden, sagt Johann Jungclaus vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Bisher ging man davon aus, dass es dadurch zu einer Abkühlung in Europa kommt. "Bis hin zu dem berühmten Szenario, des 'Day after Tomorrow' mit einer kleinen Eiszeit in Europa", ergänzt Jungclaus. Die Autoren der neuen Studie behaupten nun etwas ganz anderes, erläutert der Meteorologe.

Sie sagen, wenn die Umwälzzirkulation schwächer wird, wird weniger Wärme in den tiefen Ozean gebracht und da diese Wärme ja irgendwo bleiben muss, wird die globale Oberflächentemperatur - also das, was wir als globale Erwärmung kennen - wesentlich stärker ausfallen.

Dr. Johann Jungclaus, Max-Planck-Institut für Meteorologie

Im Umkehrschluss bedeutet das: Fällt der Golfstrom ganz weg, kommt keine Eiszeit, sondern Hitze. Die kühlende Umwälzpumpe funktioniert dann nicht mehr.

Beobachtete Temperaturänderungen im Golfstrom seit 1870.
Beobachtete Temperaturänderungen im Golfstrom seit 1870. Bildrechte: PIK

Der Forscher bezweifelt diese These allerdings. Eine Grund: Die Messungen fanden in 1.500 bis 2.000 Meter Tiefe statt. Das sei nicht tief genug, sagt Jungclaus. "Von allem, was darunter ist, haben wir keine Daten und es gibt andere Studien, die besagten, dass man auch unterhalb dieser Grenze schauen muss, wenn man so ein Budget berechnen will."

Der Atlantische Ozean ist mehr als 8.000 Meter tief. Die Studie erfasst davon nur einen kleinen Teil. Der Klimaforscher Mojib Latif kritisiert außerdem, dass die Zeitreihen viel zu kurz seien. "Was wir tatsächlich brauchen sind Langzeitbeobachtungen der Strömungen über viele Jahrzehnte", sagt er. "Die haben 2004 begonnen und deshalb ist es unheimlich schwer jetzt schon belastbare Aussagen zur Stärke des Golfstroms zu machen."

Die neue Studie unterstützt Latif trotzdem. Sie stelle eine gewagte Behauptung auf, die man überprüfen müsse. Und sie zeige abermals, dass der Klimawandel nicht kontrollierbar sei. Er sei vielmehr ein gewagtes, globales Experiment mit ungewissem Ausgang.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 19. Juli 2018 | 09:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2018, 13:07 Uhr