Ornithologie Zwitschern beim Fliegen wird Zugvögeln zum Verhängnis

Beim Autofahren schnell eine Nachricht tippen, das kann tödlich enden. Das gilt offenbar nicht nur für uns Menschen. Auch Zugvögel verlieren die Kontrolle, wenn sie während des Fluges mit ihren Artgenossen kommunizieren. Ihre Orientierungslaute, die ihnen eigentlich helfen sollen, den Kurs zu halten und zusammenzubleiben, werden ihnen dabei zum Verhängnis.

Ein Mann neben Schubfächern mit toten Vögeln
Biologe Ben Winger mit einer traurigen Sammlung: Auf ihrem Flug verunglückte Weißkehlammern - eine Sperlingsart. Bildrechte: Roger Hart/University of Michigan Photography

Der jährliche Vogelzug ist schon ein großes Wunder. Nicht nur, dass die Tiere offenbar durch die ostatlantische Oszillation in ihrem Überwinterungsgebiet ein Startsignal zum Aufbruch bekommen. Dieser Luftstrom gibt ihnen möglicherweise ein Zeichen, wann es in der Heimat warm genug ist für die Rückkehr. Auch die Distanz ist beachtlich: Mehrere tausend Kilometer legen Zugvögel zurück. Dabei fliegen sie gezielt einen bestimmten Ort an.

Wo bitte geht´s denn hier nach Hause?

Zugvögel finden nicht einfach so in eine bestimmte Gegend zurück. Sie landen jedes Jahr wieder an ihrem persönlichen Schlafplatz - sowohl zu Hause als auch im Überwinterungsgebiet. Wie sie das genau schaffen, ist bis heute noch nicht vollständig erforscht. Fest steht, dass die Tiere ein sehr komplexes Orientierungssystem haben. Sie lassen sich durch die aktuelle Sonnenrichtung leiten. Manche Arten haben eine Art "Magnetkompass", mit dem sie sich zwischen den beiden Polen orientieren. Auch Geruchsinformationen und der Stand der Sterne spielen eine Rolle.

Zugvögel fliegen vor dem Mond am Himmel entlang.
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Hochfrequenzlaute geben nachts die Richtung an

Damit ein ganzer Schwarm auch in der Dunkelheit sicher Kurs halten kann, stoßen einige Vogelarten wie Grasmücken, Drosseln und Spatzen Hochfrequenzlaute aus. Flugrufe nennen Ornithologen diese Art der Kommunikation. Was helfen soll, das Ziel sicher zu erreichen, wird den Vögeln jedoch zum Verhängnis, wenn sie Großstädte überfliegen. Offenbar verlieren sie dann durch die Reflexion des Schalls zwischen den Mauern die Orientierung, kollidieren mit den Wänden und sterben.

Cleveland: 70.000 tote Vögel pro Jahr

Allein in Cleveland verunglückten innerhalb eines Jahres etwa 70.000 Singvögel. 93 verschiedene Arten dokumentierten die Forscher der University of Michigan für ihre Studie, die jetzt im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society B" erschienen ist. Außerdem zogen sie die Langzeitaufzeichnungen aus Chicago hinzu, die die Flugunfälle aus 40 Jahren erfassten.

Nach Auswertung aller vorliegenden Daten schlussfolgern die Forscher: Großstädte werden durch ihre hohen Gebäude und die hellen Nächte für Zugvögel zur Todesfalle. Das künstliche Licht irritiere sie derart, dass sie häufiger ihre Flugrufe ausstoßen und damit weitere Vögel anlocken, die dann ebenfalls verunglücken. Ein Teufelskreis also, erklärt Evolutionsbiologe Benjamin Winger von der Universität von Michigan.

Licht aus!

Die Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse dazu beitragen, die gefiederten Freunde besser zu verstehen und sie zu schützen. Sie wünschen sich, dass die Menschen darüber nachdenken, wieviel Licht sie nachts wirklich brauchen.

Die Oper Leipzig bei Nacht 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 07. März 2019 | 06:22 Uhr