Verrücktes Tierreich Wenn es mal juckt: Delfine suchen Korallen-Klinik auf

Wenn es einmal juckt, dann suchen Delfine die Korallen-Klinik ihres Vertrauens auf - oder den nächsten Schwamm. Das machen sie nicht aus purem Vergnügen, sondern wenn sie an für sie unerträglichen Hautkrankheiten wie Pilzbefall leiden.

Delfine
Zwei Delfine beim Schwimmen. Bildrechte: imago images/Ardea

Hach, das kennen wir alle: Wenn es mal wieder am Rücken juckt und der Arm zu kurz zum Kratzen ist. Wir fragen dann um Hilfe oder suchen uns eine Verlängerung wie einen Kratzstock. Bären kratzen sich an der Rinde von Bäumen, Delfine hingegen schwimmen zu Korallen und Schwämmen – besonders wenn es der Selbstbehandlung von Hautproblemen dient.

Ein internationales Forschungsteam hat sich das genauer angeschaut und seine Erkenntnisse im Fachmagazin «iScience» veröffentlicht. Im Roten Meer vor der Küste Ägyptens haben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Indopazifische Große Tümmler (Tursiops aduncus) – eine Delfinart, die vor allem in der Nähe von Küsten heimisch ist – beobachtet, die sich an ausgewählten Schwämmen und Korallen rieben und sich dafür sogar in einer Reihe angestellt hatten.

Koralle und Schwämme: Wo ist der Unterschied?

Anemonenfisch
Ein Anemonenfisch im Schutz der Koralle. Bildrechte: imago images/Nature Picture Library

Korallen sind Nesseltiere, die ihren Standort nicht wechseln können und Nesselkapseln besitzen, mit denen sie Beute fangen können. Sie wohnen vor allem am Grund von offenen Gewässern und in Küstenregionen. Sie bieten einem Viertel der bekannten Meerestiere Schutz und dienen als Brutstätte und Kinderstube – wie man vielleicht noch aus "Findet Nemo" weiß.

Und mit einem Schwamm ist keinesfalls das gemeint, was wir in der Küche oder Badewanne liegen haben. Und es ist auch kein SpongeBob aus Bikini Bottom. Schwämme sind Unterwasserlebewesen, die ein wenig wie lebendige Vasen aussehen. Es gibt über 8.300 verschiedene Arten, die wenige Millimeter oder über drei Meter groß sein können, keines von ihnen hat Organe oder Nervenzellen. Aus ihnen kann man chemische Substanzen gewinnen, die vor allem in der Medizin eingesetzt werden – als hätten es die Delfine gewusst.

Delfine scheinen die Apotheker der Meere zu sein

Unter den angesteuerten Meeresorganismen, für die die Delfine anstanden, fanden die Wissenschaftler 17 Substanzen mit verschiedenen Eigenschaften. Sobald sich die Delfine wiederholt an den Korallen rieben, sonderten deren winzigen Polypen Schleim ab, der entweder antimikrobielle, antioxidative, hormonelle oder toxische Eigenschaften besitzt.

Ein indopazifischer Grosser Tümmler mit einer Pilzinfektion auf der Rückenflosse.
Ein indopazifischer Grosser Tümmler mit einer Pilzinfektion auf der Rückenflosse. Bildrechte: Angela Ziltener/ Universität Zürich

Über 13 Jahre hat es gedauert, bis das Forschungsteam die Schwämme und Korallen ausfindig machen konnte, die die Delfine ansteuern. Einfach war das nicht, denn "manche Delfine, wie die Spinnerdelfine im südägyptischen Roten Meer, sind schüchterner, wenn es um Luftblasen geht", erzählt die Wildtierbiologin der Universität Zürich und Mitautorin Angela Ziltener. Schließlich konnte das Team die Proben der Gorgonienkoralle (Rumphella aggregata), der Lederkoralle (Sarcophyton sp.) und eines Schwamms (Ircinia sp.) nehmen und untersuchen.

Warum suchen Delfine die Korallen-Kliniken auf?

Gertrud Morlock, eine Mitautorin der Studie von der Universität Gießen, erklärt sich den Besuch der Korallen-Klinik so:

Wir haben die Hypothese gewagt, dass die Delfine die Korallen und Schwämme nutzen, um die Haut prophylaktisch oder bei vorhandenen Irritationen mit den darin befindlichen günstigen Substanzen zu versorgen.

Gertrud Morlock, Mitautorin der Studie

Die Delfine nutzen diese Orte, um das Mikrobiom der Delfinhaut zu regulieren und Infektionen zu behandeln oder vorzubeugen. Ob es tatsächlich zu einer Heilung führt oder ein Placebo-Effekt ist, wissen die Forschenden noch nicht. Morlock vermutet, "dass das Reiben an den marinen Organismen, die reich an Wirkstoffen sind und von den Delfinen speziell ausgesucht wurden, etwas bewirken kann, da sie direkten Kontakt zur Delfinhaut haben."

Delfine
Eine Gruppe von Delfinen im Meer. Bildrechte: imago images/Ardea

Die Delfine besuchen die Riffe nicht nur, um sich auszuruhen: "Viele Menschen wissen nicht, dass diese Korallenriffe Schlafplätze für die Delfine sind, aber auch Spielplätze", so Ziltener. Zwischen den Nickerchen wachen die Delfine oft auf, um sich an den Korallen zu reiben. "Es ist fast so, als würden sie duschen und sich reinigen, bevor sie schlafen gehen oder für den Tag aufstehen."

Studie

Die Studie wurde am 19. Mai um 17:00 Uhr (MESZ) im iScience-Fachmagazin unter dem Namen Watch dolphins line up to self-medicate skin ailments at coral "clinics" (engl. Beobachten Sie, wie sich Delfine anstellen, um Hautkrankheiten in Korallen-"Kliniken" selbst zu behandeln) veröffentlicht.