Feldhase
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Dürre in Mitteldeutschland Wildtier-Nachwuchs tut die Trockenheit gut

Mancherorts gibt es kaum mehr einen grünen Halm: Viele Wiesenflächen haben sich im Zuge der anhaltenden Trockenheit regelrecht zur Steppe entwickelt. Da könnte man annehmen, dass das ein Problem für Wildtiere ist, weil ihnen ihre Nahrungsgrundlage abhanden kommt. Aber falsch gedacht: Tatsächlich sind Wildtiere weit anpassungsfähiger als wir denken. Ganz im Gegenteil war die Trockenheit nämlich gut für den Wildtier-Nachwuchs. Nur Arten, die auf feuchte Gebiete angewiesen sind, haben Probleme.

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Die gelb-braunen Wiesen machen Tierfreunden Sorge: Können die Wildtiere da überhaupt noch Nahrung finden? Das ist gar kein Problem, beruhigt Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Für Hasen, Fasane, Rebhühner und Feldvögel sei es bisher sogar ein eher gutes Jahr. Auf Pfützen angewiesene Insekten wie Mücken gebe es hingegen weniger als in verregneten Sommern.

Die Situation mag übel aussehen, aber die Natur ist an solche Wetterperioden angepasst und übersteht sie gut.

Andreas Kinser, Deutsche Wildtier Stiftung

Insgesamt gebe es kaum Grund zur Sorge. Zwar sei die Dürreperiode für manche Landwirte existenzbedrohend, aber nicht für die Natur. Sie habe in Millionen Jahren gelernt, mit solchen Hitzeperioden umzugehen.

Hasen-Nachwuchs profitiert von weniger Erregern

Vor allem für den Wildtier-Nachwuchs sei die Trockenheit sogar gut: Krankheitserreger breiten sich dann nämlich weniger stark aus als bei feuchtem Wetter, erklärt Kinser. Das ist vor allem für junge Hasen ein Segen. Denn für sie kann anhaltende Nässe tödlich sein. Junge Hasen litten sehr unter Dauernässe, weil ihr Fell noch kaum Wasser abweise.

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Kein grünes Gras in Sicht? Für den Hasen kein Problem. Bildrechte: Colourbox.de

Den Mangel an grünem Gras können Tiere wie Hasen, Kaninchen oder Rehe dagegen gut abfangen: Sie weichen einfach auf die Blätter und frischen Triebe von Büschen und Bäumen aus. Die Bäume reichten mit ihren Wurzeln meist tief genug, um noch ausreichend Wasser zu bekommen. "Am Jahresring für 2018 wird man später aber wohl sehen können, dass es ein Mangeljahr war", sagt Kinser. Der Holzzuwachs werde sicher geringer ausfallen als sonst. Für die Nadelbäume allerdings könnten Schädlinge zum Problem werden, die sich dank anhaltender Trockenheit und Wärme ebenfalls prächig entwickelten. "Aber viele Insekten bedeuten natürlich auch wieder ein gutes Jahr für die Feldvögel, die davon leben", so Kinser. Außerdem überleben Wildtiere ja auch die lange Winterzeit, in der es noch weniger zu fressen gibt, ergänzt Kinser von der Deuschen Widltier Stiftung.

Die Tiere haben auch Strategien entwickelt, um der größten Hitze aus dem Weg zu gehen, sagt Teresa Bose vom Staatsbetrieb Sachsenforst, der zuständig ist für die Wälder in Sachsen. So blieben etwa Fuchs oder Dachs länger in ihrem kühlen Bau. Wildschwein und Rotwild suchen einen kühleren Bereich im Wald, zum Beispiel legen sie sich in Tümpel oder Matschlöcher.

Mehr Bruterfolg bei den Störchen

Auch bei einem Tier, das eigentlich deutlich auf feuchte Gebiete zur Nahrungssuche angewiesen ist, ist die Trockenheit dem Nachwuchs eher zu Gute gekommen: Zwar seien zunächst wegen der Trockenheit auch ein paar Junge gestorben, aber insgesamt habe sich das Wetter eher positiv auf den Bruterfolg ausgewirkt, sagte der Storchexperte Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut in Bergenhusen.

Thomson zufolge gibt es in ganz Deutschland in diesem Jahr etwa genau so viele Brutpaare wie im vergangenen Jahr. 2017 seien es 6.914 Storchenpaare gewesen - die meisten davon in Brandenburg, Baden-Württemberg und Niedersachsen. Erhoben werden die Daten von ehrenamtlichen Mitarbeitern der Bundesarbeitsgruppe Weißstorchschutz im Naturschutzbund (NABU).

Aber brauchen die Störche keine Regenwürmer für ihre Jungvögel? Nicht zwangsläufig meint Thomasen, denn das Wetter habe nicht nur dafür gesorgt, dass Regenwürmer sich in tiefere Bodenschichten zurückziehen, sondern auch, dass andere Beutetiere wie Mäuse und Heuschrecken zahlreich vorhanden sind.

Grundsätzlich gibt es ja auch Störche in Spanien, Marokko, Algerien und Tunesien, also in Lebensräumen, die durchaus erheblich trockener sind, und dann finden sie entsprechend dort Heuschrecken und Insekten​.

Kai-Michael Thomsen, Michael-Otto-Institut

Mittlerweile ist der Storchennachwuchs "aus dem Gröbsten heraus", so Thomsen. Deshalb brauchen sie nicht mehr so viel Futter wie nach dem Schlüpfen. Wenn sie nicht genug Futter auftreiben können, kann es aber passieren, dass das Kleinste und Schwächste aus dem Nest geworfen wird. In Deutschland dürfte es dem Storchenexperten zufolge trotzdem bis zu zwei Junge pro Nest geben. Das sei allerdings auch von Region zu Region unterschiedlich. In Thüringen haben die Störche offenbar etwas mehr mit den Temperaturen zu kämpfen. Unter dem Strich geht er dennoch von einem höheren Bruterfolg als im regional teils verregneten Vorsommer aus. Unter solchen Bedingungen im Frühsommer können Junge auskühlen und sterben.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 16. Juli 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2019, 14:04 Uhr