Anthropologie Forschungsteam aus Jena findet Afrikas älteste Grabstätte

Ein Kleinkind, das liebevoll und fürsorglich beigesetzt wurde und zwar vor 78.000 Jahren: Diese verblüffende Entdeckung verdankt die Welt der Wissenschaft einem Archäologenteam aus Jena.

Pangy ya Saidi-Höhle
Bildrechte: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Jena/ Mohammad Javad Shoaee

Alles nahm seinen Anfang vor 13 Jahren: Nicole Boivin und Michael Petraglia, heute beide Archäologen am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, hatten sich gerade mit Macheten durch einen dichten Wald nahe der Küste in Kenia gekämpft. Es war heiß und stickig, als sie oben auf der Anhöhe ankamen: Vor ihnen erstreckte sich Panga Ya Saidi, erinnert sich Archäologin Boivin:

Es ist ein absolut wunderschöner Ort, ein Höhlensystem. Teile der Höhlendecken sind aber eingestürzt. Dadurch kommt Sonnenlicht durch. Weinreben wachsen hinein und Blumen, wilde Natur eben.

Prof. Dr. Nicole Boivin, Direktorin der Abteilung für Archäologie am MPI Jena
Virtuelle Rekonstruktion der Lage des Skeletts 4 min
Bildrechte: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Jena/Jorge González/Elena Santos

Beide Archäologen wussten sofort: Dieses Höhlensystem ist etwas ganz Besonders. Der Boden war übersät mit gut erhaltenen Relikten aus der Eisenzeit und Tierknochen. 2010 kehrten sie dorthin zurück. Diesmal um zu graben, sagt Michael Petraglia:

Die erste wichtige Entdeckung machten wir 2013: Wir waren drei Meter tief in die Erde vorgedrungen, als wir eine flache Grube entdeckten. Wir wussten, dass diese drei Meter Grenze im Erdreich etwa 78.000 Jahre zurücklag. Das hatten wir bereits datiert. Also war klar, dass dies eine sehr ungewöhnliche Grube war. Aber wir wussten nicht, was es war. Am Ende stellte sich heraus, dass es die Grabstätte von Mtoto war.

Michael Petraglia, Professor für Archäologe

Vier Jahre vergingen, bis die Archäologen die Grube freilegen konnten. Sie enthielt eng zusammengedrängte, aber auch stark zersetzte Knochen, die zu zerbröseln drohten. Wie transportiert man so etwas fragiles, vor allem wenn auch die Lage der Knochen zueinander wichtig sind für die Forschung?

Die Lösung: Man goss die Knochenfunde in Gips ein. Das ermöglichte einen unkomplizierten Transport zunächst in Kenias Nationalmuseum und dann ins spanische Burgos zu Anthropologin María Martinón-Torres. Sie arbeitet in den Laboren des Nationalen Forschungszentrums für menschliche Evolution.

Nach und nach haben wir festgestellt, dass sich tatsächlich das Skelett eines Kindes in diesem Sedimentblock befindet, dass zu unserer eigenen Spezies Homo Sapiens zählt. Das Kind ist etwa zwei bis drei Jahre alt.

María Martinón-Torres, Anthropologin

Daher auch der Name Mtoto, das suahelische Wort für Kind.

Behutsames Begräbnis: Beleg für menschliche Eigenschaften

Was die Anthropologin besonders faszinierte, war die Art, wie das Kind dort lag:

Das Kind wurde absichtlich sehr spezifisch und behutsam positioniert. Es liegt auf der rechten Seite mit zur Brust gezogenen Knien. Noch dazu in einer Grube, die eigens dafür ausgehoben wurde.

María Martinón-Torres, Anthropologin

Der Zustand der Knochen deutet darauf hin, dass der Körper unversehrt in die Grube gelegt und dann mit Erde bedeckt wurde, wahrscheinlich eng umhüllt mit großen Blättern oder Leder. Die Position des Kopfes verrät zudem, dass er auf einer Unterlage, wie einem Kissen, gelegen haben könnte. Alles sehr gute Hinweise dafür, dass das Kleinkind kurz nach seinem Tod bewusst beerdigt wurde.

Hauptblock des Teilskeletts
Außenansicht mit dem auseinandergebrochenen Teilskelett (oben) und Außenansicht der linken Seite von Mtotos Schädel und Unterkiefer  Bildrechte: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Jena/ Martinón-Torres, et al., 2021

Das ist deswegen wichtig, weil nur Menschen ihre Toten mit der gleichen Fürsorge behandeln wie die Lebenden. Dieser Respekt, diese Zärtlichkeit, wenn wir ein Kind in eine schlafende Position legen, das ist einer der wichtigsten und frühesten Nachweise in Afrika dafür, dass Menschen in der physischen, aber auch in der symbolischen Welt leben. Es ist also der früheste Nachweis für eine sehr menschliche Eigenschaft, nämlich wie wir mit unseren Toten umgehen.

María Martinón-Torres, Anthropologin

Steinalte Begräbnisstätten: In Europa ist schon mehr ausgegraben worden

Damit ist der Fund in Panga Ya Saidi der früheste Beweis für eine Bestattung in Afrika, aber nicht weltweit. Die Forschung hat schon früher Bestattungen von Neandertalern und modernen Menschen in Eurasien von vor 120.000 Jahren untersucht. Das scheint geradezu paradox, gilt Afrika doch als Wiege der Menschheit, erzählt Archäologe Michael Petraglia:

Wir wissen eindeutig, dass sich die Menschheit vor rund 300.000 in Afrika entwickelt hat. Das älteste Grab ist aber nur 78.000 Jahre alt. Warum also diese Lücke? Wir wissen einfach nicht, ob es noch ältere Grabstätten gibt. Man muss bedenken, dass Archäologen in Europa und im Nahen Osten in den vergangenen 150 Jahren sehr viele Ausgrabungen gemacht haben. Man kennt hier also einfach deutlich mehr Grabstätten als in Afrika, obwohl Afrika riesig ist.

Michael Petraglia, Archäologe

Die Bestattung von Panga ya Saidi zeigt ihm zufolge, dass die Beerdigung der Toten eine kulturelle Praxis ist, die Homo sapiens und Neandertaler gemeinsam haben. Ein Fund, der viele neue Fragen aufwirft, über den Ursprung und die Entwicklung von Bestattungspraktiken und zu verschiedenen Verhaltensweisen und Emotionen.

Das Höhlensystem Panga Ya Saidi könnte durchaus noch weitere Überraschungen bergen. Schließlich hat der Ort bis heute eine starke kulturelle und spirituelle Bedeutung für die Bewohner dort, erzählt Archäologe Emmanuel Ndiema, Leiter der Archäologie der Nationalmuseen Kenias:

Die tieferen und früheren Erdschichten sind noch nicht komplett freigelegt und ausgewertet. Wer weiß, vielleicht entdecken wir noch etwas Früheres.

Emmanuel Ndiema, Archäologe

Knochen und Schädel in Schaukästen
Virtuelle Rekonstruktion der Homininreste von Panga ya Saidi am Fundort (links) und Rekonstruktion der ursprünglichen Position des Kindes zum Zeitpunkt des Fundes Bildrechte: Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Jena/Jorge González/Elena Santos

(kd/lw)

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