University of California US-Forscher "transplantieren" Schnecken-Gedächtnis

Wäre es nicht toll, wenn wir etwas Gelerntes aus dem Gedächtnis eines anderen in unser eigenes kopieren könnten? Forscher aus dem US-Bundesstaat Kalifornien wollen genau das geschafft haben. Zwar nicht bei Menschen, sondern nur bei Meeresschnecken. Trotzdem könnte das unser Verständnis davon, wo unsere Erinnerungen eigentlich abgespeichert werden, grundlegend verändern. Fragen und Antworten zur "Gedächtnistransplantation".

Kalifornischer Seehase
Die Nervenzellen der Meeresschnecke Aplysia californica funktionieren ähnlich wie die des Menschen. Bildrechte: imago/Nature Picture Library

Wurde wirklich Gedächtnis von einer Schnecke auf die andere übertragen?

Naja, nicht ganz. Die Biologen der University of California haben genau genommen eine bestimmte Erinnerung übertragen. Und zwar an ein Verhalten, das die Forscher den Schnecken zuvor beigebracht hatten. Das ist aber trotzdem ziemlich beeindruckend, denn so etwas hat vorher noch niemand geschafft. Die untrainierten Schnecken konnten also plötzlich etwas, was sie nie selbst eingeübt hatten.

Welche Erinnerung genau war das?

Es geht um eine übertriebene Abwehrreaktion: Bei Gefahr zucken die Schnecken, um sich zu schützen. Eigentlich zucken sie nur ein paar Sekunden. Aber die Forscher haben sie mit elektronischen Reizen darauf trainiert, ganze 50 Sekunden am Stück zu zucken. Sie sind also auf den Stimulus konditioniert worden. Die Forscher betonen, dass die Tiere dadurch aber keine Schmerzen gehabt hätten.

Wie haben die Forscher diese Erinnerung übertragen?

Die Neurobiologen haben aus den Nervenzellen ihrer trainierten Schnecken einen speziellen Botenstoff entnommen und den dann einigen anderen Meeresschnecken in den Nacken gespritzt. Und siehe da: Obwohl sie es nie gelernt hatten, zuckten die beim elektronischen Reiz der Forscher auch bis zu 40 Sekunden. Die Kontrollgruppe zuckte aber immer noch nur einige wenige Sekunden.

Was ist das für eine Meeresschnecke, die die Forscher genutzt haben?

Die Meeresschnecke Aplysia californica sieht nicht so aus, wie man sich eine Schnecke normalerweise so vorstellt. Sie erinnert eher an eine überdimensionale bucklige Nacktschnecke. Und ihr Kopf sieht mit viel Phantasie im Wasser und von oben betrachtet wie der eines Hasen aus. Deshalb heißt sie in Deutschland auch Kalifornischer Seehase. Die Neurowissenschaftler interessieren sich aber eigentlich für sie, weil sie extrem große Nervenzellen hat. Und die funktionieren ganz ähnlich wie die beim Menschen. Außerdem ist ihr Nervensystem vergleichsweise überschaubar: Die Schnecke hat 20.000 Nervenzellen, der Mensch dagegen etwa 100 Milliarden.

Welcher Nutzen lässt sich aus den neuen Erkenntnissen ziehen?

Die Forschung klingt zwar zunächst nicht sonderlich sinnvoll, könnte aber dabei helfen eine umstrittene wissenschaftliche Frage zu lösen: Wo im Körper sitzt unser Gedächtnis? Bisher gibt es dazu mehrere Theorien. Derzeit glauben viele Wissenschaftler, dass unsere Erinnerungen in den Synapsen sitzen, also in den Verbindungen zwischen unseren Nervenzellen. Würde das stimmen, hätte das Schnecken-Experiment aber niemals funktionieren können, sagen die Neurobiologen. Sie tendieren deshalb zu der Theorie, dass unsere Erinnerungen im Zellkern unserer Nervenzellen liegen. Wenn wir wissen, wie unser Gedächtnis physisch funktioniert, wäre es vielleicht einmal möglich, Krankheiten wie Alzheimer oder posttraumatische Belastungsstörungen zu behandeln.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 15. Mai 2018 | 19:21 Uhr