Tierforschung Jahresrückblick Juli: Dürfen wir Vögel im Garten füttern?

Nicht nur Corona – auch Vulkane, Vögel, Planeten, Spinnen und Ähnliches fesselten unsere Leser in diesem Jahr. MDR WISSEN zeigt im Jahresrückblick 2021 die beliebtesten Artikel jedes Monats abseits von Corona. Im Juli gaben Wissenschaftler eine neue Antwort auf die scheinbar banale Frage: Dürfen wir die Vögel in den Gärten und Parks füttern? Tun wir ihnen etwas Gutes oder machen wir sie abhängig vom Menschen?

Ein Vogel füttert sein Junges am Nistkasten
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Füttern oder nicht? Es ist eine Grundsatzfrage, auf die die Forscher um Jim Rivers vom College of Forestry der Oregon State University/USA jetzt eine neue Antwort geben – und mittlerweile ist es auch eine Frage, die mit viel Geld verbunden ist. Denn es betrifft weltweit vermutlich hunderte Millionen Vogelfreunde, in den USA 50 Millionen, so Rivers. Die finanzieren damit allein in den Vereinigten Staaten eine vier Milliarden Dollar schwere Industrie, die sich auf Futter und Zubehör spezialisiert hat. Doch das Ergebnis der aktuellen Studie dürfte alle Vogelfreunde beruhigen.

"Wir wissen noch nicht viel darüber, ob die Fütterung durch Menschen Veränderungen in Wildvogelpopulationen bewirken könnte," sagt Tierökologe Jim Rivers, "aber unsere Studie legt nahe, dass das Ausbringen von Futter für kleine Vögel im Winter nicht zu einer erhöhten Abhängigkeit von menschlichem Futter führt."

Wie haben die Forscher das herausbekommen?

Jim Rivers und seine Kolleginnen Lisa Ganio und Janel Lajoie von der Oregon State University untersuchten dafür die Futtergewohnheiten von 67 Schwarzkopfmeisen, einer in Nordamerika weit verbreiteten Meisenart. Die wurden dafür einer von drei Flugfeder-Clipping-Behandlungen unterzogen: starkes Clipping, leichtes Clipping oder, als Kontrolle, kein Clipping. Dieses Clipping, die experimentelle Entfernung von primären Flugfedern, ist den Forschenden zufolge eine etablierte Technik, um die Flügelbelastung zu ändern und die Energiekosten des Fluges zu erhöhen.

Black-Capped Chickadee
Die Vögel wurden mit Chips versehen und die Futterhäuschen mit Chiplesegeräten. Bildrechte: Jim Rivers, OSU

Außerdem erhielten die Tiere RFID-Chips und es wurden 21 Vogelfutterhäuschen entlang einer 3,2 Kilometer langen Uferzone mit Sonnenblumenkernen gefüllt und mit Chip-Lesegeräten ausgestattet, um die Besuche der markierten Vögel zu messen. Da die nur 15 Gramm schweren Schwarzkopfmeisen bei jedem Besuch meist nur einen Kern mitnehmen, war es "eine ideale Art, um zu bewerten, wie energetische Herausforderungen zu Verhaltensänderungen bei der Futternutzung im Winter führen", sagte Rivers. "Unsere Studie ergab, dass die experimentell behinderten Meisen, die erhöhte Flugkosten hatten, ihre Besuchsraten bei den Futterstellen nicht erhöhten."

Weder bei der Anzahl der Besuche noch bei der Menge der aufgenommenen Nahrung fand das Team erkennbare Unterschiede zwischen gestutzten und nicht gestutzten Meisen. Das bedeutet, dass die Meisen mit den gestutzten Flügeln ihren erhöhten Energiebedarf jenseits der Futterstellen decken konnten. Dabei hätten sie am meisten von dem angebotenen Futter profitieren können, so Rivers. Für ihn und seine Kolleginnen ist das der Nachweis, dass es trotz des menschlichen Futterangebotes keine Abhängigkeit gibt.

Ist die Diskussion damit beendet?

Vermutlich nicht. Auch wenn das Lager der Futterfreunde jetzt ein Argument mehr hat, neben der Tatsache, dass das Füttern auch positive Auswirkungen auf die Körperkondition der Vögel haben kann, oder dafür sorgt, dass die Tiere überleben und sich fortpflanzen können. Denn die andere Seite bleibt – die mit den unbeabsichtigten Folgen für freilebende Tierpopulationen. Rivers: "Auf der negativen Seite kann es beispielsweise die Übertragung von Krankheiten erleichtern, lokale Gemeinschaften umstrukturieren und das Zugverhalten verändern. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass es zu Veränderungen der Schnabelstruktur von Vögeln führen kann."

Link zur Studie

Die Studie über das Futterverhalten der Schwarzkappen-Meisen ist im Journal of Avian Biology erschienen.

gp

Vögel am Fettkloß 4 min
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4 Kommentare

Topehlen am 30.06.2021

Ich füttere seit über 30 Jahren in der kalten Jahreszeit unsere Vögel. Dies Jahr, wegen der langen Kälteperiode, bis in den April hinein. Und, siehe da, die letzte Futterstelle mit Körnermischung hängt immer noch halbvoll im Baum! Ergo: irgendwann schmeckt das frische Angebot doch besser und das der alte Körnerrest wird verschmäht! 🕊😉

Anni22 am 29.06.2021

Dürfen dürfen Sie auf jeden Fall , ob es sinnvoll ist, ist eine andere Frage ;-)! Auf jeden Fall ziehen Insektenfresser den Kürzeren und es profitieren die Samenfresser. Also vor allem bitte keinen "aufgeräumten" Garten.

wolle010 am 29.06.2021

Ob eine Studie mit 67 Voegeln aussagekraeftig ist, sei mal dahingestellt. Ich glaub es nicht.
Aber was fast so sicher wie das Amen in der Kirche ist, ist wo immer der " schlaue " Mensch in die Natur eingreift, gibt es nur Schaden. Die Voegel wie alle anderen Lebewesen leben auch ohne die Klugsch**sserei des Menschen.

Futtertheke für Gartenvögel 1 min
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1 min

Futterstellen für Vögel lassen sich einfach selber machen. Ein Einweckglas wird mit Strick und Ast zur Futterstation. Auch eine ausgehöhlte Orange kann mit Körnern gefüllt werden. Äste dienen als Landeplatz.

MDR FERNSEHEN So 14.02.2021 08:30Uhr 00:30 min

https://www.mdr.de/mdr-garten/pflegen/futterstellen-fuer-gartenvoegel-basteln-selber-machen-100.html

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Verwelkte Sonnenblume 1 min
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1 min

Wer verwelkte Sonnenblumen, Malven und Königskerzen im Winter stehen lässt, sorgt gleich für Vogelfutter: Die gefiederten Gäste im Garten können sich einfach bedienen.

MDR FERNSEHEN So 27.12.2020 08:30Uhr 00:39 min

https://www.mdr.de/mdr-garten/pflegen/schaedlinge/blumen-winter-voegel-vogelfutter-100.html

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Blaumeisen, Meisenknödel, die in einem Schneebesen angeboten werden 4 min
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4 min

Im Winter kann man nichts falsch machen, oder? Karsten Peterlein, NABU Leipzig

MDR AKTUELL Mi 06.01.2021 11:54Uhr 03:59 min

https://www.mdr.de/wissen/podcast/audio-1637952.html

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