Statt Frühlingsanfang Schwache Polarwinde: Warum jetzt immer noch Winter ist

Eigentlich beginnt am 20. März der Frühling. Stattdessen schneit es in Mitteldeutschland. Die Ursache dafür sei das warme Meer, das die Polarwinde schwächt, sagen Klimaforscher und Meteorologen.

Veronika, der Lenz ist… immer noch nicht da: Eigentlich beginnt am 20. März offiziell der Frühling doch der verspätet sich 2018 wohl um einige Wochen. Stattdessen erleben wir einen Märzwinter mit reichlich Schnee und Frost. Ist das nun der Beweis, dass die Theorien vom Klimawandel falsch sind? Schließlich ist es doch noch kalt geworden, von Erderwärmung zumindest gerade nichts zu merken. Oder doch?

Deutsche Meteorologen und Klimaforscher beobachten seit einiger Zeit, dass die Erwärmung der Erde bei uns nicht einfach zu höheren Temperaturen führt, sondern dass sich die Wettermuster ändern. Deshalb gehen sie davon aus, dass das aktuelle Wetterphänomen auch eine Folge dieser Erderwärmung ist.

Bereits im Februar beobachteten Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI), dass die Eisfläche über dem Nordpolarmeer lediglich 14 Millionen Quadratkilometer groß war. Damit sei in diesem Winter der niedrigste Durchschnittswert seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahr 1978 erreicht worden, teilte das AWI Anfang März mit.

Warme Polarregion begünstigt Kälteschaufel

Die Eisbedeckung nimmt im Februar keineswegs von Jahr zu Jahr gleichmäßig ab, sondern schwankt erheblich.

Marcel Nicolaus, Meereisphysiker, Alfred-Wegener-Institut

Allerdings sei über die Jahre hinweg ein deutlicher Trend erkennbar, sagt der Meereisphysiker Marcel Nicolaus. Alle zehn Jahre wird die Nordpolar-Eisfläche um 2,75 Prozent kleiner. Und das hat Folgen für das Wetter in Deutschland.

"Normalerweise sorgen die Temperaturunterschiede zwischen dem Gebiet rund um die Azoren und dem Polarmeer dafür, dass sich Tiefdruckgebiete ausbilden, die um diese Jahreszeit milde Luft zu uns führen", erklärt der Meteorologe Florian Engelmann vom Deutschen Wetterdienst in Leipzig. Fällt dieser Temperaturunterschied nur gering aus – seit Februar ist das nun so – kann sich im Gebiet von Großbritannien bis nach Skandinavien ein stabiles Hochdruckgebiet ausbilden.

Wie auf der Nordhalbkugel üblich, dreht sich dieses Hoch im Uhrzeigersinn. Dadurch schaufelt es kalte Luft aus dem Norden und aus Russland nach Deutschland. Kommt der Wind dabei über die Ostsee, bringt er zusätzlich Schnee mit. Im Gegenzug bringt das Hoch über dem Nordatlantik weitere warme Luft an den Pol. Dadurch bleiben die Temperaturunterschiede gering und der Kreislauf beginnt von neuem.

Geringe Druckunterschiede schwächen Polarwinde

Dieser Mechanismus hat mit dem Luftdruck zu tun. Sind die Temperaturunterschiede zwischen Nordatlantik und Polarmeer gering, ist auch der Luftdruck ähnlich. Dadurch wiederum werden Polarwinde wie der polare Jetstream instabiler, die mit mehreren hundert Kilometern pro Stunde hoch oben in der Atmosphäre von West nach Ost wehen. Statt einen festen Gürtel um den Pol zu bilden, entstehen riesige Windschleifen, die mehr warme Luft in den Norden führen.

Zwei Grafiken, die die Windmuster über dem Nordpol zeigen. Auf beiden Grafiken werden die Winde als zwei übereinander über dem Pol kreisende Bänder gezeigt.
Die linke Seite zeigt das ursprünglich normale Windmuster mit einem starken stratosphärischen Polarwirbel über dem Pol und einem stabilen polaren Jetstream darunter. Rechts ist das aktuelle Windmuster zu sehen, mit einem schwachen stratosphärischen Polarwirbel und einem weite Schleifen bildenden polaren Jetstream. Bildrechte: Marlene Kretschmer

In ihrer Doktorarbeit am Potsdam-Institut für Klimafolgenabschätzung hat Marlene Kertschmer die Winddaten statistisch analysiert und entdeckt: Das derzeit zu beobachtende Windmuster mit einem schwachen Polarwirbel kommt heute an deutlich mehr Tagen vor, als noch 1979. Im Gegenzug hat die Zahl der Tage mit einem starken, stabilen Wirbel direkt über dem Pol deutlich abgenommen.

Am Alfred-Wegener-Institut misst der Meereisphysiker Marcel Nicolaus mit seinen Kollegen nicht nur die Fläche sondern auch die Eisdicke. Seit 2010 liefert der europäische Satellit CryoSat-2 die Daten dazu. "Auch dabei zeichnet sich ein erster Trend zu durchschnittlich dünnerem Eis ab", sagt Nikolaus. Wird die Eisdecke dünner, kann sie leichter zusammengedrückt werden und das wiederum lässt ihre Fläche schrumpfen.

Langfristig ist alles möglich

Der langfristige Trend sagt allerdings nicht nichts darüber aus, wie künftige Winter in Deutschland ausfallen, ob kalt oder warm, nass oder trocken. Auch wann besondere Wetterlagen auftreten, kann Nikolaus aufgrund seiner Beobachtungen nicht sagen.

Generell erwarten wir, dass solche Warmluftereignisse in der Arktis häufiger auftreten. Das wiederum für zu stärkeren Extremen bei uns. Es können sogenannte Blocking-Situationen auftreten, das bedeutet, ein Wetterphänomen hält sich über lange Zeit sehr konstant. Das war beispielweise im Februar der Fall, als nahezu über zwei Wochen trockene, polare Kaltluft zu uns geströmt ist.

Marcel Nicolaus, Meereisphysiker, Alfred-Wegener-Institut
Kurvendiagramm, das zeigt die Monatsmittelwerte der Meereisausdehnung im Februar in der Arktis der Jahre 1979-2018.
Bildrechte: Alfred-Wegener-Institut

Die Folge davon muss aber nicht zwangsläufig ein später, kalter Winter sein. Verschieben sich die Schleifen der Polarwinde, kann sich eine andere Konstellation von Hoch- und Tiefdruckgebieten über Europa stabilisieren. Sie könnte vor allem warme Regenluft aus dem Atlantik nach Deutschland bringen, der Winter wäre dann warm und verregnet.

Der Klimawandel führt aus Nicolaus Sicht also nicht zu den immer gleichen Wetterphänomenen, sondern nur zu extremeren. Sie werden wahrscheinlich aber sehr verschieden voneinander sein.

Winterwetter zu Ostern möglich

Wann das Wetter in diesem Frühjahr wirklich frühlingshaft wird, können die Meteorologen aktuell noch nicht sagen.

Ungewöhnlich in diesem Jahr ist: Die Hochdruckgebiete über Skandinavien sind nicht sehr beständig. Eigentlich halten sie sehr lang an.

Florian Engelmann, DWD Leipzig

Deshalb ströme schon am kommenden Wochenende, um den 24. März herum, wieder mildere Luft aus Westen nach Deutschland, sagt er.

Allerdings hat sich dieser Wechsel aus warmen West- und kalten Nordostwindlagen in den vergangenen beiden Monaten bereits mehrfach wiederholt. Engelmann hält es daher für möglich, dass das wieder passiert. Für Ostern würde das bedeuten: Statt einem Frühlingsspaziergang wäre dann eher Winterurlaub mit Skifahren angesagt.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. März 2018 | 09:30 Uhr