Huanghai National Forest Park
Bildrechte: IMAGO

Waldforschungsprojekt Die Bäume reden – aber wie?

Wie kooperieren Bäume miteinander? Förster Peter Wohlleben hat das Thema mit seinen Büchern populär gemacht. Aber wie viel Wissenschaftlichkeit steckt hinter Aussagen, dass Bäume miteinander reden und sich liebevoll um Nachwuchs und um alte Artgenossen kümmern? Da setzt ein neues Doktorandenprogramm der Uni Halle an. Das soll erforschen, wie Bäume miteinander interagieren. Schließlich sind noch viele Fragen offen

von Karolin Dörner

Huanghai National Forest Park
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Beginnen wir mit einem Beispiel: Eine Schmetterlingsraupe frisst an einem Baum und verletzt ihn. Der erkennt das und reagiert: Er setzt Substanzen frei, die seine Blätter nicht mehr so lecker schmecken lassen. Die Schmetterlingsraupe lässt vom Blatt ab, bekommt Bauchschmerzen oder stirbt sogar. Das Erstaunliche: Der Baum behält das nicht für sich, weiß Helge Bruelheide, Professor für Geobotanik an der Uni Halle:

Natürlich ist man im Vorteil, wenn man das etwas eher erfährt, bevor man gefressen wird und deswegen wird diese Information schon weitergegeben. Es sind auch Botenstoffe, die freigesetzt werden. Das heißt der Baum ist über flüchtige verschiedene Substanzen in der Lage, die er in die umgebende Luft abgibt, den Kontakt mit den Herbivoren zu beschreiben.

Prof. Helge Bruelheide, Geobotaniker, MLU Halle

Herbivore sind Pflanzenfresser, die sich eben gerne auch an Bäumen vergreifen. Aber nicht nur über der Erdoberfläche finden solche Kooperationen zwischen Bäumen statt. Auch die Wurzeln können in der Erde Kontakt aufnehmen – zum Beispiel mit Pilzen. Das funktioniert ebenfalls über Substanzen, die die Wurzeln in den Boden abgeben. Ab jetzt wird es aber spekulativ: Bilden die Pilzfäden dann eine Art Verbindung zwischen den Bäumen, damit die sich Nährstoffe zukommen lassen können?

Es kann wirklich sein, dass die Bäume unterirdisch in einem Mykorrhiza-Netzwerk in Kontakt stehen, also einem Pilznetzwerk, das wirklich den einen Baum mit dem anderen verbindet und nicht nur derselben Art, auch verschiedener Arten. Das muss man sich so vorstellen, wie so ein Länderfinanzausgleich in der Bundesrepublik, dass durchaus auch ein armer Baum Nährstoffe vom Reichen abbekommt. Das führt aber dazu, dass der Arme nicht verhungert, sondern sich insgesamt  die Produktivität steigert. Also im Grunde ganz ähnlich wie in der Wirtschaft. Wir wissen aber nicht ob das stimmt.

Prof. Helge Bruelheide

Auch ob Mutterbäume liebevoll ihre Nachkommen umsorgen, wie Förster Peter Wohlleben in seinem Beststeller-Buch beschreibt, ist eher fragwürdig. Für Keimlinge kann es zwar durchaus von Vorteil sein, in der Nähe des Mutterbaumes zu wurzeln. Der Große gibt schließlich Nährstoffe in den Boden ab, die dem Kleinen helfen können zu wachsen.

Aber das sind Effekte von denen wir nicht wissen, ob sie von Bedeutung sind in der Natur. Also in dem Fall gibt es leider auch den Gegenmechanismus, also dass man nah an dem Mutterbaum geringere Überlebenschancen hat, weil man dort eher von pathogenen Pilzen oder von Herbivoren bedroht wird.

Prof. Helge Bruelheide

Wie Bäume also genau miteinander reden und kooperieren, ist noch nicht ganz klar. Die Forschung dazu ist auch noch sehr jung. In den 1980er- und 1990er-Jahren ging man noch davon aus, dass Bäume lediglich konkurrieren, um Licht und Nährstoffe, und nur der Stärkste überlebt. Die Erkenntnis, dass viele Systeme in der Natur miteinander kooperieren, bedeutete ein Paradigmenwechsel. Es entstanden neue Fragen: Wie sinnvoll ist die Kommunikation der Bäume? Findet sie unter verschiedenen Arten statt? Reden Bäume effektiver miteinander, wenn sie in einem Mischwald stehen oder lediglich mit Artgenossen in einer Monokultur? Antworten darauf sollen nun Doktoranden der Uni Halle suchen. Und zwar zusammen mit Kollegen in China. Dort hat der Hallenser Professor für Botanik, zusammen mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften sage und schreibe 566 künstliche Wälder angepflanzt. Jeder Wald unterscheidet sich vom anderen:

Wir haben dort tatsächlich ganz viele Baumarten als Monokultur. Und dann haben wir halt diese Bäume gemischt. Mit zwei, mit vier, mit acht, mit 16 und in der höchsten Diversitätsstufe mit 24 Baumarten.

Prof. Helge Bruelheide

Ein brisantes Forschungsfeld, denn Wälder regulieren maßgeblich das Klima der Erde. Und das tun gerade Mischwälder besonders effizient. Ob das auch daran liegt, wie Bäume dieser Wälder miteinander interagieren, das wollen die Forscher nun herausfinden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Doktorandenprogramm, das seinen Sitz am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig haben wird, für die nächsten Jahre mit rund 3,5 Millionen Euro. Nebem dem Zentrum, das von den Universitäten Halle, Jena und Leipzig sowie dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) betrieben wird, sind weitere Forschungseinrichtungen beteiligt, darunter auch die TU Dresden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 22. Dezember 2017 | 16:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2017, 14:57 Uhr