Insektengifte in der Landwirtschaft Wie Neonikotinoide Bienen schaden

Neonikotinoide sind Insektengifte, die Landwirte zum Schutz ihrer Ackerpflanzen einsetzen. Sind diese Mittel auch verantwortlich für das Bienensterben? Deutsche Forscher sagen: Ja.

Traktor mit Feldspritze bringt Pestizide aus.
Due EU verhandelt darüber, ob der Einsatz sogenannter Neonikotinoide, bestimmter Gifte gegen Insekten, auf Feldern verboten werden soll (Archivbild). Bildrechte: IMAGO

Für die Landwirtschaft sind die Neonikotinoide vor allem sehr praktisch: Die synthetisch hergestellten Insektizide töten zuverlässig alle Schädlinge. Die Pflanzen können die wasserlöslichen Wirkstoffe einfach aufnehmen und das Insekt nimmt das Gift auf, wenn es an die Pflanze geht. Genauso macht es die Tabakpflanze, erklärt Zoologie-Professor Robert Paxton von der Universität Halle. Denn wie der Name schon vermuten lässt, ähneln die Neonikotinoide dem Nikotin der Tabakpflanze.

Und warum produziert diese Tabakpflanze Nikotin? Es produziert Nikotin, um sich zu verteidigen gegen Insekten. Es will die Blätter schützen gegen Insekten und dabei produziert sie Nikotin.

Professor Robert Paxton, Universität Halle

Die EU hat jetzt den Einsatz von drei Neonikotinoiden im Freiland verboten. Wie Nikotin sind die Neonikotinoide Nervengifte. Sie binden sich an die Rezeptoren der Nevenzellen, erklärt Paxton, und stören so die Weiterleitung von Reizen. Auf die Nervenzellen von Säugetieren und Vögeln wirken sie aber weit weniger stark, so der Zoologe. Bei den Insekten aber führen schon geringe Mengen zu Lähmungen bis hin zum Tod. Doch selbst, wenn die Tiere überleben, sorgen Neonikotinoide für problematische Symptome. "Man geht davon aus, dass sie nicht so gut fliegen können und dann natürlich alles, was mit dem Nervensystem zu tun hat: Das heißt, bewegen, sehen, Gedächtnis, das alles kann geschädigt werden durch diese Neonikotinoide", erklärt Paxton.

Das bestätigt auch der Neurobiologe Randolf Menzel. Sein spezielles Forschungsgebiet sind die Bienen. Der Berliner Professor hält ein Verbot der Neonikotinoide außerhalb von abgeschlossenen Gewächshäusern für dringend notwendig, um die Bienen zu schützen.

Bienen  werden in außerordentlich spezifischer Weise von diesen Giften geschädigt. Sie können zum Beispiel noch ganz gut fliegen, aber sie können nicht mehr nach Hause zurück finden oder sie sind nicht mehr motiviert auszufliegen. Daher muss man sagen: Ja sie sind unter Drogen gesetzt.

Professor Randolf Menzel, Freie Universität Berlin

Zu den Auswirkungen der Insektizide auf Bienen gibt es einige Untersuchungen. Weniger gut untersucht ist bisher, ob und wie sie auf Insekten wirken, die unter der Erdoberfläche im Boden leben. Denn auch dorthin gelangen die wasserlöslichen Stoffe. Das stellt auch die Europäische Behörde für Nahrungsmittelsicherheit (EFSA) in einer aktuellen Bewertung der Neonikotinoide fest.

Für das Gutachten hat sie mehr als 1.500 Studien ausgewertet. In der Wissenschaft ist man sich schon länger einig über die schädliche Wirkung der Insektizide. Deshalb wurde ihr Einsatz schon vor fünf Jahren in der EU beschränkt - jetzt soll es komplett verboten werden, die Insektizide auf freiem Feld zu benutzen.

Die Landwirte sehen deshalb ihre Existenz in Gefahr: Ohne Insektizide könne man weder Qualität noch Erträge garantieren, heißt es etwa vom Deutschen Bauernverband. Neurobiologie-Professor Menzel hat Verständnis für die Sorgen der Bauern, mahnt aber an, dass es durchaus Alternativen gebe. Immerhin sei über Jahrhunderte Ackerbau ohne Neonicotinoide betrieben worden. "Aber die Alternativen sind durchaus immer wieder einmal mit einem größeren Aufwand verbunden und das müssten wir bezahlen", sagt er.

Es ist also eine einfache Rechnung: Das Freilandverbot würde dem Landwirt Kosten verursachen, die am Ende beim Verbraucher landen. Aber das ist wohl der Preis, den wir zahlen müssen, denn ohne die Bienen wird am Ende vieles gar nicht mehr auf den Feldern wachsen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 27. April 2018 | 06:40 Uhr