Artenschutz Wenn der Wolf den Biber frisst

Wölfe und Biber sind streng geschützte Tierarten. Dabei steht beim Wolf ab und zu der Biber auf dem Speiseplan - auch in Mitteldeutschland. Hat das Folgen für die Biber-Population? US-Forscher haben das untersucht.

Wolf auf einem Weg
Bildrechte: Kathleen Gerber / NABU

Die Rückkehr des Wolfes nach Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird als großer Erfolg des Artenschutzes der letzten Jahre angesehen. Wölfe gelten als wichtiges Beispiel dafür, wie die großen Raubtiere ganze Ökosysteme transformieren können. Denn Wölfe können einen Beitrag dazu leisten, den Wildbestand eines Waldes auf natürliche Weise zu regulieren. Sie töten und jagen vor allem alte, kranke und schwache Tiere, die leichte Beute sind.

Auch die Biber waren bis vor einigen Jahren in Mitteleuropa fast verschwunden und haben sich seit der Wende wieder in unserer Region angesiedelt. Ähnlich wie Wölfe sind auch Biber große "Ökosystem-Architekten". Sie schaffen in der Nähe von Bächen und Teichen neue Feuchtgebiete. Insbesondere die Biberdämme bieten vielen Insekten, Fischen, Vögeln und Pflanzenarten so neue Lebensräume. Gerade deshalb gehören Biber und Wolf nach dem Bundesnaturschutzgesetz zu den streng geschützten Tierarten.

Wissenschaftlern des Voyageur Wolf Project an der Universität Minnesota ist es nun gelungen herauszufinden, wie Wölfe in Feuchtgebieten den Verlauf von Flüssen und Bächen beeinflussen können. Damit hat auch der Biber zu tun. Zwischen 2015 und 2019 stattete das Forscherteam um den Biologen Thomas Gable etwa 30 Wölfe im Voyageur Nationalpark mit GPS-Halsbändern aus. So konnten die Wissenschaftler nachvollziehen, wo sich die Wölfe länger als 20 Minuten aufhielten. Als sie die Orte kontrollierten, suchten sie auf dem Boden nach Hinweisen auf jene Beutetiere, denen die Wölfe nachjagten. Was sie da fanden, waren häufig Biberspuren.

Vier Jahre Feldforschung

Während des vierjährigen Forschungszeitraums dokumentierten sie zeitgleich, wann neue Biberdämme in der Nähe gebaut oder aufgegeben wurden. Anders als viele denken, gehören Biber – von denen man annimmt, sie hätten zumindest als ausgewachsene Tiere keine natürlichen Fressfeinde – nämlich durchaus zur natürlichen Nahrung des Wolfs.

Mit der neuen Studie gelang es den Wissenschaftlern herauszufinden, was passiert, wenn Wölfe diese Biber jagen. Das geschieht meist dann, wenn einzelne Biber ihr altes Revier verlassen und einen neuen Bach oder Teich aufsuchen. Dann sind sie für den Wolf eine leichte Beute. Wurden die Biber dann vom Wolf verspeist, blieb der Damm verlassen und fiel schnell auseinander. Dadurch versiegte der für die Feuchtgebiete so essentielle Wasserüberschuss. "Es dauerte mindestens ein Jahr oder länger, bis ein neuer Biber zu dem Damm nachfolgte", schreiben die Autoren. Die Wölfe hatten also mit ihrem Jagdverhalten einen Einfluss darauf, wo Biber neue Dämme und Teichen bauen konnten. Dass die Wölfe die gesamte Biberpopulation reduzierten, zeigten die Wissenschaftler mit ihrer Studie jedoch nicht auf.

In Mitteldeutschland weiß man auch von der durchaus vielfältigen Speisekarte des "Meister Isegrim", wie der Wolf in vielen Fabeln genannt wird. Besonders in der Königsbrücker Heide in der Oberlausitz wurden Fälle berichtet, in denen der Wolf den Biber verspeist hat. Das Gebiet wurde kurz nach der Wende unter Naturschutz gestellt. "Daraufhin hat sich der Biber dort wunderbar vermehrt, weil er sonst nicht viele Fressfeinde hat", erklärt Paul Lippitsch vom Görlitzer Senckenberg Museum für Naturkunde. So kam es zu einer hohen Biberpopulation. 2011 konnten auf einer Fläche von knapp 70 Quadratkilometern 42 besiedelte und fünf unbesiedelte Biberreviere nachgewiesen werden.

Wolf sucht Beute, die leicht zu jagen ist

Etwa zur gleichen Zeit siedelte sich auch der Wolf wieder in der Region an. Zeitgleich ging auch die Biberpopulation zurück. Gibt es da einen Zusammenhang? "Erst einmal sucht sich der Wolf vor allem die Beutetiere, die er leicht jagen kann", sagt Lippitsch. Meistens seien das zum Beispiel Rehe, Hasen, Hirsche oder Wildschweine – vor allem Jungtiere sind für ihn ein gefundenes Fressen. "Aber das kann eben auch mal ein Biber sein." In der Königsbrücker Heide war die Biberdichte so hoch, dass sich der Wolf hier vergleichsweise leicht bedienen konnte. Vor allem dann, wenn sich die Biber wie hier auch mal weit von den Flussläufen entfernten.

Porträt Paul Lippitsch
Paul Lippitsch, Senckenberg Museum Görlitz Bildrechte: Hermann Ansorge/ Senckenberg Museum für Naturkunde

Die Forscher am Senckenberg Museum Görlitz beobachteten, dass die fleißigen Nagetiere hier manchmal mehrere hundert Meter über Land gingen, um Bäume und Äste für ihre Dämme zu suchen. Dadurch seien sie für den Wolf eine leichtere Beute als in Flüssen und Bächen, weil sie an Land nicht so schnell und beweglich sind. Zeitweise machte der verzehrte Biomasseanteil der Biber an der Wolfsnahrung in der Region etwa acht Prozent aus, sagt Paul Lippitsch.

Grund zur Sorge, dass der Wolf dem artengeschützten Biber nun Konkurrenz machen könnte, bestehe allerdings nicht. Denn auch die Biberpopulation reguliert sich zum Teil auch schon von selbst – und zwar über sozialen Stress. Wenn die Biber einem großen Fraßdruck unterliegen, sie also weniger Fressen vorfinden als verfügbar ist, streiten sie sich gern einmal mit anderen Biberfamilien. Die Reproduktion von Jungtieren ist dann weniger erfolgreich. "Stressbasierte Regulation" nennt man das auch.

Wolf und Biber in Mitteldeutschland

Für die Königsbrücker Heide kann auch Karin Bernhardt vom sächsischen Landesumweltamt auf Anfrage bestätigen: "Unter diesen Bedingungen spielt der Wolf als Prädator eine spürbare Rolle." Landesweit gebe es in Sachsen aber bisher keine Hinweise darauf, dass die Verbreitung und die Bestandsentwicklung des Bibers maßgeblich durch den Wolf beeinflusst würden.

Ähnlich ist die Situation in Thüringen. "Im Moment ist das für uns kein Thema", sagt Tom Wetzling, Pressesprecher des Thüringer Umweltministeriums, gegenüber MDR Wissen. In Thüringen gibt es aktuell nur ein Wolfsrudel rund den Truppenübungsplatz bei Ohrdruf (Gotha). Das Rudel dort werde regelmäßig im Auge behalten, allerdings habe es dort keine Hinweise auf Raubaktivitäten auf den Biber gegeben.

In Sachsen-Anhalt leben etwa 3.400 Biber rund um die Gewässersysteme an Elbe, Mulde, Schwarze Elster oder dem Drömling. Antje Weber vom Wolfskompetenzzentrum Iden sind bisher zwei Fälle bekannt, bei denen Wölfe den Biber verspeist haben: "Und zwar im Bereich des Flämings und im Vogelschutzgebiet Fiener Bruch im Jerichower Land." Dort habe es aber keine Veränderungen auf die Biberpopulation gegeben.

Eine Frau steht vor einem Baum und lächelt in die Kamera
Antje Weber, Wolfskompetenzzentrum Iden Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Zwischen Harz und Fläming ist die Situation allerdings nochmal besonders, denn hier gibt es im Vergleich zu Sachsen und Thüringen besonders viele Nutrias. "Die letzten drei warmen Winter sind den Nutrias zu Gute gekommen", berichtet Antje Weber. Von ihnen gebe es derzeit sehr viele.

Am besten reguliert sich die Natur von selbst.

Paul Lippitsch, Senckenberg Museum

Ähnlich wie die Biber in der Königsbrücker Heide könne es dann sein, dass die Nutria gerne mal über Land liefen. Dann sind sie auch für die Wölfe ein gefundenes Fressen. Für die Glücksburger Heide im Landkreis Wittenberg ist das zum Beispiel nachgewiesen. Eine Nahrungsanalyse beim Wolf hat dort ergeben, dass die Nutria hier 4,2 Prozent an der verzehrten Biomasse ausmachen. Der Wolf könne hier zusätzlichen Populationsdruck rausnehmen.

In der Königsbrücker Heide hat sich die Population indes wieder normalisiert. Der Biber hat sich auf den Wolf eingestellt. "Er ist achtsamer geworden und vermeidet risikoreiche Landgänge", sagt Paul Lippitsch vom Senckenberg Museum. Insofern benötigt es seiner Meinung auch keine politischen Maßnahmen, um hier einzugreifen. "Am besten reguliert sich die Natur von selbst."

5 Kommentare

Paul 2 vor 1 Wochen

@HUK ich gebe dir recht: Was uns menschliche Ansprüche in der Kulturlandschaft in den letzten Jahren gebracht haben dürfte klar sein. Die Roten Listen, der Artenschwund und der Klimawandel sprechen eine deutliche Sprache. Die Möchtegerneregulierer die auf Tiere ballern und die Giftlobby sowie andere Nutznießer die unsere Landwirte zu altbackenen umwelt- und klimaschädlichen Bewirtschaftungsmethoden zwingen leisten wirklich eine gute Arbeit. Allerdings kann ich vor solchen Menschen nicht den Hut ziehen, die unsere Erde zugrunde richten. Genauso wenig kann ich den Hut vor @kpmdr2019 ziehen, der keinen Respekt vor dem Leben hat. Aber trotzdem mein tiefstes Mitgefühl, auch vor diesem Geschöpf unsere Erde.

HUK vor 1 Wochen

Ökosysteme sind Nahrungsketten. Halten sich nicht an Fangquoten und Wünsche der NGOs. Der Mageninhalt eines Beutegreifers, ist der Vorabdruck der nächsten Roten Liste der Region. Hege, Pflege und Jagd sind gesteuert und menschliche Ansprüche prägen die Kulturlandschaft. Das Nahrungspektrum von Raubtieren wird u.a. durch Angebot, Alter, Jahreszeit, Witterung und Nachwuchs bestimmt. Das führt in der Regel zum Verlust weiterer Populationen. Auch ein Nationalpark ist keine Puppenstube, aber Naturschutz funktioniert effizient, da weniger Laienspieler mitmischen und den Irrglauben verbreiten, Wölfe "gärtnern" im Beutegarten...

MDR-Team vor 1 Wochen

Der Biber ist tatsächlich ein streng geschütztes Tier. Sollte ein Tier gefangen, verletzt oder getötet werden, wird das laut Bußgeldkatalog mit bis zu 65.000 Euro bestraft. Zumindest für den Mensch. Der Wolf wird wahrscheinlich mit einer Verwarnung davonkommen.