Makroökonomie Einkommensungleichheit: Man kann sie nur bekämpfen, wenn man sie richtig misst

Die USA und Griechenland liegen in Sachen wirtschaftlicher Ungleichheit an vorderster Stelle, doch die Ursachen dafür sind sehr verschieden. Forschende des ifo Instituts München, der University of Bristol und der Cornell University fordern, dass in der wissenschaftlichen und politischen Debatte unfaire Ungleichheit differenzierter betrachtet wird. Um sie zu messen, müssen die Komponenten Chancengleichheit und Armutsfreiheit einbezogen werden, denn Ungleichheit ist nicht gleich Ungleichheit.

Zinnfiguren auf gestapelten Münzen
Einkommensungleichheit per se ist nicht schlecht, sagen Forschende. Unfaire Ungleichheit hingegen schon. Sie sollte auf Null minimiert werden. Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Das Einkommen der Menschen hat so viele Facetten wie es Farben auf dieser Welt gibt, nämlich unzählige. Dabei variiert es von Person zu Person und von Land zu Land. Aber eines ist deutlich, die Einkommensungleichheit nimmt immer weiter zu und wird heftig diskutiert und die Forderungen nach einer Umverteilung werden lauter. Oft wird von Ökonomen dabei argumentiert, dass es ein gewisses Maß an Ungleichheit schon geben muss, damit die Wirtschaft am Laufen gehalten wird. Die Menschen müssen ja irgendwie angetrieben werden, noch härter zu arbeiten und voranzukommen. Aber was, wenn härtere Arbeit nicht zu mehr Gleichheit führt und die Ungleichheit woanders herrührt?

Ungleichheit ist nicht gleich Ungleichheit

Einige Forschende sagen, dass man Ungleichheit über das ökonomische Maß hinaus betrachten muss, denn Ungleichheit ist eben nicht gleich Ungleichheit. So gibt es faire Ungleichheit und auch unfaire. Ist die Ungleichheit auf Faktoren zurückzuführen, die die Menschen selbst beeinflussen können, dann empfinden sie sie als vertretbar, eben als fair. Zum Beispiel, wenn jemand weniger Geld bekommt, weil er schlechte Arbeit abliefert oder wenn er nur alle Jubeljahre mal zum Dienst erscheint. Das ist nur gerecht, denn es ist ja selbstverschuldet und kann auch wieder ausgeglichen werden, wenn man sich anstrengt. Also Schwamm drüber. Interessant ist die unfaire Ungleichheit und das ist die, auf die Menschen in der Regel keinen Einfluss haben. Also eine Ungleichheit, die von äußeren Faktoren bestimmt wird. Aber auch unfaire Ungleichheit hat Facetten, auch hier gibt es Unterschiede.

Forschende rund um Prof. Dr. Andreas Peichl vom ifo Zentrum für Makroökonomik und Befragung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München schlagen in ihrer Studie, die in The Review of Economic Studies erschienen ist, vor, Ungleichheit neu zu bewerten. Das bedeutet vor allem, sie anders zu analysieren und dabei in faire und unfaire Faktoren zu zerlegen. Darüber hinaus werden für die Berechnung der unfairen Ungleichheit erstmals die philosophischen Konzepte der Chancengleichheit und der Abwesenheit von Armut miteinander kombiniert. "Dieses neue Maß der unfairen Ungleichheit berücksichtigt, dass Einkommensungleichheit per se nicht schlecht sein muss," erklärt Peichl. Unfaire Ungleichheit hingegen ist schlecht. Laut Andreas Peichl, sollte es das normative Ziel sein, diese auf null zu minimieren. Aber dafür muss sie erstmal sichtbar gemacht werden.

Chancenungleichheit in den USA

Sichtbar wird die unfaire Ungleichheit in der Studie von Peichl und seinen Kollegen. Für ihre Arbeit analysierten die Forschenden die in den USA herrschende Ungleichheit im Zeitraum von 1969 bis 2014. Nicht überraschend, aber dennoch schockierend: zwischen 1980 und 2014 hat sich die Gesamtungleichheit in den USA verdoppelt. Ein genauerer Blick verriet zudem, dass das auch für die unfaire Ungleichheit galt. Allem voran war die Chancenungleichheit die Wurzel allen Übels. Chancenungleichheit hat man, wenn ein Mensch auf Grund seiner sozioökonomischen Herkunft, seiner Abstammung oder seines Geschlechts nicht die gleichen Voraussetzungen hat, wie andere Menschen oder die gleiche Entlohnung erhält. Das ist absolut unfair und diskriminierend, aber kommt auf der ganzen Welt in jedem Lebensbereich vor. Aktuelles Beispiel: Die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen im Profisport.

Frauen mit Plakaten
Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Endlich werden die Spielerinnen der US-Fußballnationalmannschaft genauso bezahlt wie ihre männlichen Kollegen. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Die US-Frauennationalmannschaft hat vier Mal die Fußballweltmeisterschaft gewonnen und fünf Mal olympisches Gold geholt. Die gleiche Entlohnung wie die männlichen Fußballer erhielten sie dennoch nicht – bis jetzt. Nach dem Motto "Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit" haben sie sich nach langem juristischem Kampf erfolgreich gegen die Chancenungleichheit gestellt. Doch in anderen Bereichen muss da noch viel passieren, nicht nur in den USA.

Geringste Ungleichheit in nordischen Ländern

Wie es in anderen Ländern der Welt um die ungerechte Ungleichheit steht, haben sich die Forschenden auch angeschaut. Sie verglichen die Ungleichheit in den USA mit der von 31 europäischen Ländern im Jahr 2010. In absoluten Zahlen betrachtet, steht Griechenland an erster Stelle der unfairen Ungleichheit, gefolgt von den USA auf Platz zwei. Die geringste unfaire Ungleichheit gibt es in den nordischen Ländern und den Niederlanden. Innerhalb Europas stehen Griechenland, Portugal, Rumänien, Spanien und Italien an vorderster Stelle. Diese Länder waren besonders von der europäischen Schuldenkrise betroffen.

Porträtfoto von Prof.Dr. Andreas Peichl
Andreas Peichl ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insb. Makroökonomie und Finanzwissenschaft Volkswirtschaftliche Fakultät, Ludwig-Maximilians-Universität München Bildrechte: ifo Institut München/Andreas Peichl

Interessant wird es, wenn man die USA und Griechenland im Jahr 2010 genauer betrachtet. Beide Länder sind Spitzenreiter der unfairen Ungleichheit, aber dennoch so verschieden. Denn während die unfaire Ungleichheit in Griechenland auf die Schuldenkrise, also die Abwesenheit von Armutsfreiheit zurückzuführen war, rührt die unfaire Ungleichheit in den USA von der Abwesenheit der Chancengleichheit der Bevölkerung her. Weder das eine noch das andere hat einen höheren Stellenwert. Vielmehr sind Chancengleichheit und Armutsabwesenheit im Ansatz von Peichl und seinen Kollegen absolut gleichwertige Konzepte. Sie machen aber deutlich, wie unterschiedlich unfaire Ungleichheit sein kann und dass an verschiedenen Punkten angesetzt werden muss, um dagegen vorzugehen.

Die Politik ist am Zug

"Wenn wir beispielsweise wissen, dass die unfaire Ungleichheit insbesondere auf Armut zurückzuführen ist, dann sollte man die Mindestsicherungssysteme verbessern, Arbeitslosigkeit abbauen und niedrige Löhne erhöhen," erklärt Andreas Peichl. Basiert die Ungleichheit aber auf Chancenungleichheit, sind andere Maßnahmen nötig. Insbesondere die Bildungspolitik und Wettbewerbspolitik spielen hier eine Rolle. Die Erkenntnisse von Andreas Peichl und seinen Kollegen haben noch keine direkten Auswirkungen auf die Menschen, die von unfairer Ungleichheit betroffen sind. Wichtig ist, dass die Politik diese Erkenntnisse berücksichtig und damit arbeitet.

JeS

Reporter Ralf Geißler bei Oliver Holtemöller im Institut für Wirtschaftsforschung Halle. 25 min
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Ein Junge mit Kaputzenpullover und ein Mädchen mit Zöpfen auf einer Bank. 29 min
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Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in Armut auf – mit denkbar schlechten Zukunftschancen. Obwohl das Problem bekannt ist, wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer.

Nah dran Do 17.02.2022 22:40Uhr 28:58 min

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Video
Reporter interviewt Mann 30 min
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5 Kommentare

pwsksk vor 43 Wochen

Hallo MDR, diese "Begrifflichkeiten" sind interessierten Bürgern wohl bekannt. Nur habe ich, genauso wie andere User, nach der 2. Überschrift, auch nur noch quer gelesen. Wir mußten beim Studium in der DDR auch ein wenig im Kapital lesen oder zwangsweise im Neuen Deutschland. Das kam mir damals zu systemrelevant rüber, wie heute euer Beitrag aus der "Wissenschaftsredaktion". Ihr schreibt an anderer Stelle über Minijobber und Mindestlohn etc.
Ich glaube, bei den Betreffenden werden im Zusammenhang mit den momentanen und künftigen Preisen ALLER Art, mehr Emotionen frei. Soll heißen, die MiniÖkonomie steht bei den Menschen über der MakroÖkonomie.

ralf meier vor 48 Wochen


Ich kann den Forschern und Forscherinnen nur zustimmen. Chancengleichheit ist dabei zentral, wenn es darum geht, allgemeine Ungleichheit zu vermeiden. Leider verwechseln das viele politisch korrekte Anhänger der 'Schule für alle' mit 'Gleichheit'. Im Ergebnis leiden darunter nicht nur hochtalentierte Schüler. Aber auch die Forderung nach einem höheren Mindestlohn ist wichtig. Dort könnte man die entsprechende Initiative der derzeitigen Regierung nur loben, wenn sie nicht ihren massiven Anteil daran hätte, das die Lohnerhöhungen angesichts massiver Preissteigerungen verpuffen. Man denke nur an ihre Untätigkeit gegenüber der inflationstreibenden billionenschweren Gelddruckerei der EZB und die steigenden Preise wg 'Energiewende'. Da ist es auch eher ein Beitrag zur Ungleichheit, wenn solventen Bürgern das neue E Auto mit bis zu 10.000 Euro gesponsert wird, während die Pflegekraft mit einem einmaligen Bonus von mittlerweile nur noch max. 500 Euro abserviert werden soll.

MDR-Team vor 48 Wochen

Hallo Wilhelm,
danke für Ihre Kritik. Wir in der Wissenschaftsredaktion waren der Meinung, dass derartige Begrifflichkeiten durchaus bekannt seien. Wir werden Ihre Anmerkung intern diskutieren.
Freundliche Grüße aus der MDR Wissen-Redaktion