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Der Plötzliche Kindstod tritt normalerweise im Schlaf ein. Bildrechte: imago images/Westend61

Biomarker für SIDSOffenbar Ursache für Plötzlichen Kindstod gefunden

Stand: 22. Juni 2022, 15:28 Uhr

Wenn ein Baby ohne ersichtlichen Grund mitten im Schlaf plötzlich verstirbt, spricht man vom Plötzlichen Kindstod – dem Sudden Infant Death Syndrome (SIDS). Warum vorher völlig gesund erscheinenden Säuglinge plötzlich sterben, ist seit jeher ein großes Rätsel. Doch dieses Horror-Szenario für junge Eltern könnte nun ein Ende finden: Australische Forscherinnen haben offenbar die Ursache für den Plötzlichen Kindstod gefunden und wollen in Zukunft allen Babys das Leben retten.

Für Dr. Carmel Therese Harrington ist diese Forschung eine höchst persönliche Angelegenheit. Es war vor 29 Jahren, die Biochemikerin arbeitete mittlerweile als Anwältin und war Mutter von drei Kindern. Doch dann starb ihr Sohn Damien am Plötzlichen Kindstod. Warum ihr Baby gestorben ist, konnte ihr niemand sagen. Es sei halt eine Tragödie, sagte man ihr, bevor man sie nach Hause schickte.

Niemand konnte es mir sagen. Sie sagten nur, es sei eine Tragödie. Aber es war eine Tragödie, die nicht gut zu meinem wissenschaftlichen Gehirn passte.

Dr. Carmel Therese Harrington, The Children’s Hospital at Westmead

Als drei Jahre später auch das Baby einer Freundin am Plötzlichen Kindstod verstarb, beschloss Harrington, selbst wieder in die Forschung zu gehen, um diesem Albtraum etwas entgegenzusetzen. So beschreibt die Biochemikerin ihre persönliche Geschichte in einem Crowdfunding-Aufruf für ihre Forschung, denn obwohl ihr die Forschungsgelder ausgingen, wollte sie die Suche nach der Ursache für den Plötzlichen Kindstod weiter vorantreiben.

Enzym blockiert das Gehirn

Nun hat sich die Hartnäckigkeit der australischen Forscherin tatsächlich ausgezahlt: Sie hat mit ihrem Team des Kinderkrankenhauses Westmead in Sydney offenbar die Ursache für den Plötzlichen Kindstod gefunden. Die Untersuchung ist im Fachmagazin The Lancet eBioMedicine erschienen.

Gesunde Babys wachen auf, wenn die Atmung aussetzt. Bildrechte: IMAGO / YAY Images

Da der Plötzliche Kindstod normalerweise auftritt, während das Kind schläft, habe es bereits Vermutungen gegeben, dass etwas in dem Teil des Gehirns der Babys eine Rolle spielen könnte, der die Erregung aus Schlaf und Atmung steuert. Das heißt, ein Defekt im Weckmechanismus des Gehirns wurde verdächtigt, Schuld zu sein. Die Theorie war, dass dieser Defekt verhindert, dass das Baby aufwacht, wenn es aufhört zu atmen. Und im Prinzip ist es auch genauso, sagen die Forscherinnen – nur, dass es kein Defekt, sondern ein Enzym ist, das verhindert, dass die Säuglinge aufschrecken.

Für ihre Untersuchung haben die Forscherinnen getrocknete Blutproben von mehr als 60 verstorbenen Säuglingen untersucht. Die waren einige Tage nach der Geburt bei Vorsorgeuntersuchungen genommen worden. Als sie gestorben sind, waren die Babys zwischen einer Woche und zwei Jahren alt. Diese Blutproben hat das Forschungsteam dann mit Proben gesunder Babys verglichen. Dabei zeigte sich, dass die Aktivität des Enzyms Butyrylcholinesterase (BChE) bei Babys, die an Plötzlichem Kindstod starben, signifikant niedriger war als bei lebenden Säuglingen und anderen Säuglingstodesfällen. Das Enzym ist wichtig für die Kommunikation im Gehirn und zu wenig könne den Erregungsweg zwischen Atmung und Schlaf beeinflussen, so die Forscherinnen. Das erkläre auch, warum der Plötzliche Kindstod im Schlaf auftrete.

Risiko-Screening möglich

Das Forschungsteam weist auch auf die Möglichkeiten hin, die ihre Ergebnisse liefern. So könne man künftig frühzeitig Säuglinge mit einem Risiko für den Plötzlichen Kindstod identifizieren, indem man das Enzym BChE als Biomarker nutzt. Außerdem eröffneten sich "neue Wege für die zukünftige Erforschung spezifischer Interventionen".

Das Forschungsteam will sich diesen Lösungen nun widmen, damit im besten Fall nie wieder ein Säugling am Plötzlichen Kindstod sterben muss. Sie wollen etwa an einem Screening-Test arbeiten, um Risiko-Babys zu finden und für ihr Überleben zu sorgen. Damit dürfte Biochemikerin Harrington nicht nur der medizinischen Gemeinschaft und zahllosen Eltern helfen, sondern auch ein Stück weit sich selbst. Denn für Eltern, deren Kinder am Plötzlichen Kindstod gestorben sind, und die noch immer darunter leiden, sei das eine wichtige Entdeckung, sagte sie in einem Interview.

Diese Familien können jetzt mit dem Wissen leben, dass es nicht ihre Schuld war.

Dr. Carmel Therese Harrington, The Children’s Hospital at Westmead

Auch in Deutschland gibt es noch immer zahlreiche Todesfälle durch Plötzlichen Kindstod bei Säuglingen unter einem Jahr. Im Jahr 2020 sind dem Universitätsklinikum Bonn zufolge 84 Babys verstorben. Doch die Zahl geht deutlich zurück, Ende der 1980er-Jahre waren es noch mehr als 1.000 Kinder pro Jahr. Grund für den Rückgäng ist auch die Aufklärung, die weiter wichtig bleibe. So raten Fachleute Eltern, die Babys auf den Rücken zu legen, es nicht zu warm werden zu lassen und keine Spielsachen und Decken im Kinderbett zu haben. Stattdessen sollten die Säuglinge lieber in einem Schlafsack schlafen. Eltern, die sich an all das gehalten haben und deren Baby trotzdem plötzlich verstorben ist, wissen jetzt zumindest, dass sie nicht selbst Schuld sind an dem tragischen Ereignis.

Zur Studie

Harrington, Carmel Therese et. al.: Butyrylcholinesterase is a potential biomarker for Sudden Infant Death Syndrome. In: The Lancet eBioMedicine. https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2022.104041.

(kie)