Ein Seeadler
Bildrechte: imago/Nature in Stock

Mehr Urwald, weniger Park Lebendige Ökosysteme statt gepflegter Landschaft

In vielen Weltgegenden wollen Menschen stark zerstörte oder veränderte Natur reparieren. Forscher aus Halle raten: Statt einem Idealbild von Ökosystem sollte das gesunde Zusammenspiel der Arten im Vordergrund stehen.

Ein Seeadler
Bildrechte: imago/Nature in Stock

Ob es der Natur in einer wieder begrünten Industrielandschaft gut geht, hängt nicht so sehr davon ab, ob sich ganz spezifische Tier- und Pflanzenarten angesiedelt haben. Es kommt vor allem auf das Zusammenspiel der verschiedenen Lebewesen eines Ökosystems an. Das sorgt dafür, dass sich die Natur selbst erhalten und wieder regenerieren kann, schreiben Wissenschaftler der Universität Halle und des Zentrums für integrierte Biodiversitätsforschung(iDiv) jetzt in Science, einem der renommiertesten Wissenschaftsjournale der Welt.

Zusammenspiel der Arten

"Viele Ökosysteme sind deshalb heute nicht mehr in der Lage, wichtige Aufgaben, wie den Hochwasserschutz, zu erfüllen", sagt Professorin Henrique Pereira, die an der Uni Halle und am iDiv forscht. Das Problem von Umweltschutzmaßnahmen in der Vergangenheit: Lange wurden beispielsweise das Zusammenspiel verschiedener Arten in Nahrungsketten zu wenig beachtet.

Pereira und ihre Kollegen raten daher: Im Vordergrund einer Renaturierung sollten nicht Idealbilder stehen, welche Pflanzen und Tiere wieder angesiedelt werden müssen. Stattdessen zählen die komplexen Funktionen, die ein Ökosystem dazu fähig machen, sich zu erhalten und zu regenerieren. Solche Ansätze werden weltweit unter dem Stichwort "Rewildering", also "Rückverwilderung" zusammengefasst.

Verwilderung zulassen

"Beim Rewildering richtet man den Blick auf das Ökosystem als Ganzes und versucht durch gezielte Maßnahmen, seine Funktionalität wiederherzustellen. Ziel ist ein Ökosystem, das sich auf lange Sicht weitgehend ohne menschliche Hilfe regeneriert und selbst erhält", sagt Andrea Perino, die Erstautorin des Berichts in Science.

Gleich an der nördlichen Stadtgrenze von Stettin (Szczecin) beginnt ein großes Naturschutzgebiet im Oderdelta.
Naturschutzgebiet im Oderdelta. Bildrechte: imago/Hohlfeld

Als prominentes Beispiel in Deutschland sehen Perino und Pereira das Oderdelta an der Ostseeküste zwischen Deutschland und Polen. Weil das Ökosystem dort wieder funktioniert, haben sich fast verschwundene Wildtiere wie Seeadler, Wisente und Biber angesiedelt. Davon profitieren auch die Menschen der Gegend, denn der Naturtourismus hat sich gut entwickelt. "So kann Rewilding Vorteile für die Umwelt und die Gesellschaft gleichzeitig entwickeln ", sagt Perino.

Bauplan für Projekte

In ihrem Science-Beitrag stellen die Autoren grundlegende Bausteine und Strategien vor, wie Rewilding-Projekte geplant und umgesetzt werden sollten. Dabei sei vor allem der Blickwinkel wichtig: Statt ein Zielökosystem zu definieren sollen die Funktionen analysiert und repariert und menschliche Einflüsse reduziert werden.

Leben am Wasser Die Havel und ihre Menschen

Der NABU leitet die Renaturierung der Unteren Havel in Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Eine Ausstellung mit Bilder von Klemens Karkow und Parwez Mohabat-Rahim zeigte die Menschen am Fluss.

Seeadler – der größte Greifvogel Europas.
Seeadler – der größte Greifvogel Europas. Bildrechte: NABU/Klemens Karkow
Seeadler – der größte Greifvogel Europas.
Seeadler – der größte Greifvogel Europas. Bildrechte: NABU/Klemens Karkow
Frank Odebrecht. Schmied an der Havel. Und bekannt von vielen Mittelaltermärkten.
Frank Odebrecht. Schmied an der Havel. Und bekannt von vielen Mittelaltermärkten. Bildrechte: Parwez Mohabat-Rahim
Moorfrösche bei der Paarung
Moorfrösche bei der Paarung Bildrechte: NABU/Klemens Karkow
Kopfweiden und überschwemmte Havelwiesen
Kopfweiden und überschwemmte Havelwiesen Bildrechte: NABU/Klemens Karkow
Lieselotte Hirt, Kräuterfrau an der Havel in Mecklenburg. Sie sagt: „Man sollte kennen, was man isst.“
Lieselotte Hirt, Kräuterfrau an der Havel in Mecklenburg. Sie sagt: „Man sollte kennen, was man isst.“ Bildrechte: Parwez Mohabat-Rahim
Seerosen auf der Unteren Havel
Seerosen auf der Unteren Havel Bildrechte: NABU/Klemens Karkow
Federlibellen bei der Eiablage an der Havel
Federlibellen bei der Eiablage an der Havel Bildrechte: NABU/Klemens Karkow
Blässgänse an der Havel
Blässgänse an der Havel Bildrechte: NABU/Klemens Karkow
Sumpf-Vergissmeinnicht
Sumpf-Vergissmeinnicht Bildrechte: NABU/Klemens Karkow
Martin Bork aus Wesenberg – mit einem Barsch. Studierter Agrarwissenschaftler und Havel-Seenfischer in dritter Generation.
Martin Bork aus Wesenberg – mit einem Barsch. Studierter Agrarwissenschaftler und Havel-Seenfischer in dritter Generation. Bildrechte: NABU/Klemens Karkow
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Auch im wichtigsten Naturschutzgebiet von Halle und Leipzig wäre ein solcher Paradigmenwechsel nötig. Im Auenwald könnten Dämme und Wehre reduziert und so, statt künstlicher Flutungen wie bisher, natürlich verwässerte Gebiete sichergestellt werden. So würde das Artenzusammenspiel in den Auen repariert.

Rewilding-Maßnahmen seien aber nur erfolgreich, wenn sie von den Anwohnern unterstützt werden. "Beim Rewilding muss es auch immer darum gehen, die Bevölkerung vor Ort mit in die Projekte einzubeziehen", sagt Perino. Und: Ein Abschluss ist nie erreicht. "Ökosysteme sind dynamisch und deshalb müssen es auch die Maßnahmen sein."

Leipziger Auwaldkran Forschung in 33 Metern Höhe

In den Wipfeln der Bäume pulsiert das Leben. Um dieses besser erforschen zu können, steht ihm Leipziger Auwald ein spezieller Kran, auf dem Wissenschaftler aus aller Welt arbeiten.

Kran vor blauem Himmel
Wer auf dem Leipziger Auwaldkran forschen will, muss schwindelfrei sein. Der Turmdrehkran ist 40 Meter hoch, die Wissenschaftler arbeiten allerdings "nur" in 33 Metern Höhe. Bildrechte: MDR/Tabea Turrini, iDiv
Kran vor blauem Himmel
Wer auf dem Leipziger Auwaldkran forschen will, muss schwindelfrei sein. Der Turmdrehkran ist 40 Meter hoch, die Wissenschaftler arbeiten allerdings "nur" in 33 Metern Höhe. Bildrechte: MDR/Tabea Turrini, iDiv
Forscher klettert auf Auwaldkran
Wer klettern kann, ist hier im Vorteil. Ein Stück zumindest geht es zu Fuß. Bildrechte: Tabea Turrini, iDiv
Forscher in einer Gondel
Nach einer Einweisung können die Wissenschaftler den Kran selbst steuern. Dazu navigieren sie eine Gondel, die am Kranhaken befestigt ist. Damit können sie eine Fläche von 1,6 ha detailliert erkunden. Bildrechte: Tabea Turrini, iDiv
Ein Kran im Auwald
Aus dieser Perspektive wurde ein Teil des Auwaldes auch inventarisiert. In einer Zeichnung ist festgehalten, welche Baumarten wo stehen. Bildrechte: MDR/Tabea Turrini, iDiv
Kran und Schien
Der Auwaldkran kann auf 120 Metern Schiene bewegt werden. Sein Arm ist 45 Meter lang und dreht sich um bis zu 360°. Bildrechte: Tabea Turrini, iDiv
Baumkronen
Damit der Kran nicht ganz so auffällt und die Tiere des Auwalds nicht unnötig stört, wurde er komplett grün gestrichen. Bildrechte: Stefan Bernhard, iDiv
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(ens)

Drohnenbild vom Forschungskran im Leipziger Auwald. 4 min
Bildrechte: Jörn Rohrberg

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2019, 15:26 Uhr