Erste deutsche Tiefsee-Expedition Folgen Sie der Route der Valdivia

In Leipzig geplant, in Hamburg gestartet. Im Sommer 1898 bricht das Forschungsschiff Valdivia zu einer einzigartigen Weltreise auf. Es ist die erste deutsche Tiefsee-Expedition. Diese führt den Dampfer und seine Besatzung über 30.000 Seemeilen (fast 60.000 Kilometer) durch den Atlantik, das Antarktische Meer und den Indischen Ozean. Dies hier ist ihre Geschichte.

Valdivia im Hafen von Colombo Ceylon
Valdivia im Hafen von Colombo auf Ceylon Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Hamburg

Valdivia am Petersenkai im Hafen Hamburg
Valdivia am Petersenkai im Hafen Hamburg Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Am 31. Juli 1898, einem Sonntag, legt das Forschungsschiff Valdivia vom Petersenkai im Hamburger Hafen ab. An Bord des für die erste deutsche Tiefsee-Expedition gecharterten Dampfers der Hamburg-Amerika-Linie HAPAG befinden sich die modernsten Apparaturen ihrer Zeit. Auf dem Vorschiff steht eine Dampfwinde. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, die schweren Grundschleppnetzte, auch Dredschen oder Trawls genannt, und andere Netzarten auf bis zu 10.000 Meter Tiefe abzulassen. Auch Tiefsee-Lotmaschinen und spezielle Tiefsee-Thermometer gehören zur Ausrüstung. Eine Eismaschine produziert Eis für die Kühlung der gefangenen Meerestiere. Für Konservierungszwecke führt die Valdivia 8.000 Liter hochprozentigen Alkohol mit. 300.000 Mark, nach heutigem Wert etwa 1,8 Millionen Euro, hatte der Deutsche Reichstag für die Forschungsreise unter der wissenschaftlichen Leitung des Leipziger Zoologen Carl Chun genehmigt. Die Crew des mit 13 Knoten (rund 24 Kilometer pro Stunde) für damalige Verhältnisse recht schnellen Schiffes hört auf das Kommando von Adalbert Krech, eines erfahrenen HAPAG-Kapitäns, der aufgrund zahlreicher Rettungseinsätze als höchstdekorierter Kapitän des Atlantiks gilt.

Nordatlantik

Erster Dredschzug der Valdivia zwischen Shetlands und Faröeren
Erster Dredschzug zwischen Shetlands und Faröeren. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Erste Station der Valdivia ist Edinburgh, wo das Forschungsschiff am 3. August 1898 in den Hafen einläuft. Auf dem Weg dorthin testet die Crew auf der nur 48 Meter tiefen Doggerbank der Nordsee erstmals die Schleppnetze. Nach einem kurzen Aufenthalt in der schottischen Hauptstadt dampft das deutsche Forschungsschiff am Abend des 4. August mit Kurs auf die im Nordatlantik gelegenen Färöern davon. Zwei Tage später erreicht die Valdivia zwischen den Shetland- und Färöer-Inseln die Tiefsee. 486 Meter zeigt das Lot, als die Crew am 6. August erstmals die Grundschleppnetze unter Tiefseebedingungen testet. Prächtige Seeigel, Glasschwämme, Tiefseefische und anderes Getier gehen bei dem Dredschzug ins Netz. Expeditionsleiter Chun ist begeistert. "Die Stimmung ist allseitig eine gehobene: hatten sich doch alle Einrichtungen trefflich bewährt und das Vertrauen auf einen glücklichen Verlauf der Expedition gestärkt", schreibt er später in seinem Reisebericht. Am 7. August erreicht die Valdivia nördlich der Färöer-Insel Suðuroy unweit des 62. Breitengrades den nördlichsten Punkt der Reise. Von da an geht das Schiff auf Kurs Süd-Südwest mit Ziel Kanarische Inseln.

Teneriffa - Kanaren

Valdivia-Expeditionsleiter Chun und Botaniker Schimper vor Dracaena-Stamm auf Teneriffa
Expeditionsleiter Chun und Botaniker Schimper vor einem Dracaena-Stamm auf Teneriffa. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Auf dem Weg zu den Kanaren durchfährt die Valdivia im Bereich des Golfstromes vom 9. bis 13. August 1898 ein Schlechtwettergebiet mit schwerem Sturm, der Schiff und Besatzung auf eine harte Probe stellt. Die wissenschaftliche Arbeit kommt zeitweise zum Erliegen. Das letzte Tiefenlot vom 11. August zeigt westlich der Äußeren Hebriden 1.750 Meter. Bei der nächsten Lotung am 17. August nordöstlich Madeira werden 1.778 Tiefenmeter gemessen. Am 20. August erreicht die Valdivia die Kanaren-Insel Teneriffa. Expeditionsleiter Chun und Botaniker Wilhelm Schimper besuchen bei einem Ausritt den bekanntesten und ältesten Drachenbaum der Insel in Icod de los Vinos. Über Gran Canaria dampft die Valdivia auf die afrikanische Küste zu, wo das Schiff am 24. August 40 Seemeilen vor Kap Bojador in der heutigen Westsahara auftaucht.

Boa Vista - Kapverden

Valdivia vor Boa Vista in stürmischer See
Vor Boa Vista geht die Fahrt der Valdivia durch unruhige See. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Von Kap Bojador aus nimmt die Valdivia dem Nordäquatorialstrom folgend Kurs auf die Kapverdischen Inseln. Dabei werden die ersten Haie gefangen und teilweise seziert. Am 29. August 1898 erreicht das deutsche Forschungsschiff die Kapverden-Insel Boa Vista. Die Valdivia umschifft die Insel, wobei mehrere Dredschzüge zahlreiche Glasschwämme aus dem knapp 1.700 Meter tiefen Meer zu Tage fördern. Südöstlich der Kapverden quert der Dampfer am 31. August den warmen Guineastrom. Seit dem Verlassen der Kapverden fischt die Crew immer häufiger mit Vertikalnetzen in großen Tiefen von annähernd 5.000 Metern, wobei die typischen schwarzen Tiefseefische mit ihren fluoreszierenden Leuchtorganen zutage gefördert werden. Am 6. September wird der Äquator erreicht. Im Golf von Guinea werden Schleppnetze in fast 5.000 Metern Tiefe über den Grund gezogen. Mit 5.695 Metern wird am 7. September die bis dahin größte Tiefe der Expedition gelotet.

Kamerun

Duala-König August Manga Bell und Gefolge an Bord der Valdivia vor Kamerun-Stadt
Duala-König August Manga Bell und Gefolge an Bord der Valdivia. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Am 15. September 1898 läuft die Valdivia in Victoria, einer einst von den Briten gegründeten Stadt in der damals deutschen Kolonie Kamerun ein. Von hier aus machen sich Chun und Kollegen mit Trägern und Lasttieren zu einer Drei-Tages-Tour in das nebelverhangene Grasland des fast 5.000 Meter hohen Kamerun-Berges auf. Am 20. September läuft die Valdivia in Kamerunstadt ein, wo die Besatzung von Duala-König Rudolf Manga Bell mit Champagner empfangen wird. King Bell, der als junger Mann einige Jahre in Deutschland die Schulbank drückte und von Chun als "vollendeter Gentleman" beschrieben wird, kommt mit seinem Gefolge auch an Bord der Valdivia. Bei einer Dampferfahrt auf dem Fluss Wouri infizieren sich neun Expeditionsteilnehmer mit Malaria.

Kongo

Arbeiter auf der Faktorei Mallela im Congo
Arbeiter auf der Faktorei Mallela im Kongo Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Von Kamerun verläuft die Fahrt der Valdivia nach Süden in den damals zum Privatbesitz des Königs der Belgier gehörenden Kongo-Freistaat. Am 1. Oktober 1898 ankert das Forschungsschiff auf der Reede vor Banana, einer Handelsniederlassung an der Kongomündung. Bereits 150 Seemeilen zuvor kündigt sich laut Chun Afrikas zweitlängster Fluss durch seine rostbraune Brühe an, die das türkisfarbene Meerwasser eintrübt. Ab Banana bringt eine Dampfbarkasse die Forschergruppe in die 75 Kilometer entfernte Hauptstadt Boma, wo sie vom Gouverneur des Kongo-Freistaates empfangen wird. Von der reichen Tier- und Pflanzenwelt, welche die deutschen Forscher auf ihrem Weg durch die Savanne zu Gesicht bekommen, bleiben Chun vor allem die gewaltigen Affenbrotbäume oder Baobabs in Erinnerung.

Große Fischbai und Walfischbank

Erster Offizier der Valdivia Brunswig mit Albatros
Erster Offizier Brunswig mit Albatros. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Am 10. Oktober 1898 erreicht die Valdivia die Große Fischbai an der südwestlichen Angola-Küste. Chun beschreibt die Szenerie mit ihren Sanddünen als "öde und trostlos". Umso begeisterter ist er von der Vogelwelt, zu der auch Flamingos und Pinguine gehören. Vor allem aber der durch den kalten Benguelastrom begünstigte Reichtum unter Wasser lässt den Zoologen schwärmen. Am 12. Oktober verlässt die Valdivia auf südwestlichem Kurs die Große Fischbucht. Am 17. Oktober wird bei einem Vertikalnetz-Einsatz der bis dahin unbekannte Walfischrücken entdeckt, der den Mittelatlantischen Rücken mit dem südlichen Afrika verbindet. Das Lot zeigt an der Stelle 981 Meter. Einen Tag später sind es bereits wieder über 5.100. Der Dredschzug auf der Walfischbank wird ein großer Erfolg: dutzende Tiefseefische, mehr als hundert große rote Tiefseekrabben, Krebse, Korallen und Seegurken landen im Schleppnetz.

Kapstadt und Agulhasbank

Docks im Hafen von Kapstadt Südafrika im Jahr 1922
Docks im Hafen von Kapstadt, 1922. Bildrechte: IMAGO

Am 26. Oktober 1898 erreicht die Valdivia Kapstadt. Bereits einen Tag später verlässt der Dampfer den Hafen der Hauptstadt des Kaplandes wieder. Um das Kap Agulhas herum, dem südlichsten Punkt Afrikas und zugleich der geografischen Grenze zwischen Atlantischem und Indischen Ozean, dampft das Forschungsschiff zunächst nach Osten in Richtung Port Elizabeth. Auf dem Rückweg nach Kapstadt schlägt es einen südlicheren Kurs am Rande des Kontinentalschelfs, der Agulhasbank, ein, die vom warmen Agulhasstrom umströmt wird. Ein Dredschzug aus 500 Metern bringt erneut reiche Beute. Chun schwärmt später: "Von den Fischen an bis herab zu den Schwämmen konnten wir fast alle marinen Typen nachweisen."

Bouvet-Insel

Bouvet-Insel im Süd-Atlantik von Valdivia aus fotografiert
Bouvet-Insel nach ihrer Sichtung von Bord der Valdivia. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Nach einer Woche in Kapstadt verlässt die Valdivia am 13. November 1898 das südliche Afrika mit Kurs Süd-Südwest in ein Gebiet, das damals ozeanographisch eine weiße Fläche ist. Die Expedition hofft nach 2.500 Kilometern auf dem 54. Breitengrad die vermisste Bouvet-Insel wiederzufinden. Der französische Seefahrer Jean-Baptiste Charles Bouvet de Lozier hatte das Eiland 1739 entdeckt, jedoch seine Position fehlerhaft angegeben. Selbst große Kapitäne wie James Cook blieben später bei ihrer Suche erfolglos. Anders Kapitän Krech und die Valdivia-Besatzung: Nach einer vielversprechenden Tiefenlotung und der systematischen Suche in dem betreffenden Seegebiet taucht am 25. November tatsächlich die lange verschwundene Bouvet-Insel vor ihnen auf. Nach einer exakten Positionsbestimmung und Kartierung der Vulkaninsel sowie mehreren Dredschzügen auf die subarktische Unterwasserfauna dampft die Valdivia am 28. November nach Südosten davon.

Eisfelder und Eisberge

Eisberg mit Pinguinen von Valdivia aus fotografiert
Eisberg mit Pinguinen. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Der Kurs der Valdivia verläuft von nun an am Rande der Packeisgrenze. Am 30. November 1898 werden die ersten Treibeisfelder gesichtet, die zwischenzeitlich größer und für das nicht eistaugliche Schiff gefährlicher werden. Auch riesige Eisberge, einige bis zu über 60 Meter hoch und mit Pinguin-Kolonien bevölkert, gehören zu den täglichen Begleitern des deutschen Forschungsschiffes. Dennoch gelingt es der Valdivia-Besatzung täglich Tiefenlotungen vorzunehmen. Sie liegen stets zwischen 5.000 und 6.000 Metern. Die bis dahin gängige Theorie, wonach das Antarktische Meer nicht sonderlich tief ist, wird damit ad absurdum geführt.

100 Meilen vor Enderbyland - Südlichster Punkt

Trawl wird im südlichen Indischen Ozean an Bord der Valdivia gehoben
Trawl am südlichsten Punkt der Valdivia-Reise. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Ein Zurückweichen der Eisgrenze - in der Antarktis ist "Sommer" - erlaubt es der Valdivia nach dem 13. Dezember 1898 einen strikten Südkurs einzuschlagen. Der bis dahin mit 4.400 bis 5.000 Metern tiefste Schließnetzzug fördert unter anderem Strahlentierchen, Ruderfußkrebse und Muschelkrebse aus den Tiefen des Antarktischen Meeres. Am 16. Dezember erreicht die deutsche Tiefsee-Expedition bei 64 Grad und 14 Minuten südlicher Breite und 54 Grad und 31 Minuten östlicher Länge ihren südlichsten Punkt. Nur noch 100 Seemeilen trennen die Valdivia vom ostantarktischen Enderbyland. Doch dicke Packeisschollen machen ein weiteres Vordringen aussichtslos. Das deutsche Forschungsschiff schlägt einen Kurs Nord-Nordwest ein, der es in den kommenden Tagen durch einen heftigen Sturm führt.

Kerguelen

Bugwelle der Valdivia in bewegter See
Durch schwere See kämft sich die Valdivia mit Kurs auf das Kerguelen-Archipel voran. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Nach stürmischer Fahrt erreicht die Valdivia am Ersten Weihnachtstag 1898 das Kerguelen-Archipel. In der Gazelle-Bucht geht das Forschungsschiff drei Tage vor Anker. In der Zeit werden die Dampfkessel gereinigt. Die Forschergruppe um Chun studiert derweil die Tier- und Pflanzenwelt. Vor allem die einzigartige Vogelwelt der Inselgruppe hat es ihnen angetan. Kapitän Krech und seine Offiziere nutzen den Stopp für einen Jagdausflug, der 18 See-Elefanten das Leben kostet. Am 29. Dezember verlässt die Valdivia die Gazelle-Bucht für einen 88 Meter tiefen Dredschzug außerhalb der Inseln. Er fördert unter anderem blutrote Riesenformen von Asselspinnen und große Rochen zu Tage. Bei einem zweiten Stopp werden Seeleoparden erlegt. Drei Königspinguine werden als lebende Passagiere an Bord genommen. Dann dampft die Valdivia nach Nord-Nordwest davon.

Sankt Paul und Neu Amsterdam

Baumfarne auf der Neu Amsterdam-Insel
Baumfarne auf der Neu Amsterdam-Insel. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Am 3. Januar 1899 erreicht die Valdivia nach 1.300 Kilometern Fahrt durch schwere See die Sankt-Paul-Insel. Bei einem Dredschzug in 700 Metern Tiefe werden prächtige Korallen geborgen, aber auch das Schleppnetz schwer beschädigt. Nach kurzem Aufenthalt fährt das Schiff zur 92 Kilometer entfernten Neu-Amsterdam-Insel weiter. Hier stößt die Valdivia-Besatzung auf eine verwilderte Rinder-Herde, die nach einem gescheiterten Besiedlungsversuch 1871 heimisch geworden war. Ein Bulle verlässt die Insel per Schiff - als Fleischvorrat der Besatzung. Unterbrochen von regelmäßigen Tiefenlotungen und Dredschzügen setzt die Valdivia ihren Kurs Nordost fort.

Am 14. Januar wird der Bakteriologe und Schiffsarzt Martin Bachmann, der laut Expeditionsleiter Chun auf Sankt Paul und Neu Amsterdam noch einer der aktivsten Kletterer war, tot in seiner Kabine gefunden. Die genaue Todesursache kann in Anbetracht der Umstände nicht geklärt werden. Es wird aber gemutmaßt, dass ihm der rasante Temperaturanstieg und die extrem schwüle Luft zum Verhängnis geworden sind. Einen Tag später wird der von der deutschen Flagge umhüllte Sarg seines Leichnams dem Indischen Ozean übergeben. "Der Zufall hatte es gefügt, dass wir gerade an diesem Tage eine Tiefe von 5.911 Metern, die größte, welche wir überhaupt auf der Fahrt loteten, nachwiesen", schreibt Chun später in seinem Bericht.

Sumatra und Mentawai-Inseln

Eingeborene auf Pulau Nias
Eingeborene auf Pulau Nias. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

An den Kokosinseln vorbei ist die Valdivia auf dem Weg nach Sumatra, als am 19. Januar 1899 bei 5.248 geloteten Metern auch zum tiefsten Dredschzug der gesamten Reise angesetzt wird. Nach Stunden fördert das Schleppnetz mehrere Tiefseeorganismen zu Tage. Damit wird der Beweis geliefert, dass auch in so großen Tiefen Leben möglich ist. Am 22. Januar erreicht die Valdivia das zu Niederländisch-Indien gehörende Padang auf Sumatra. Von hier geht die Fahrt am 30. Januar durch die 130 Kilometer breite Mentawai-Straße Richtung Nordwesten weiter. Auf der Insel Nias wagen Chun und Kollegen am 2. Februar einen Landgang. Eine brenzlige Situation mit einem wild gestikulierenden Speerträger entschärft der Expeditionsleiter, indem er dem Eingeborenen kurzerhand seine Zigarre in den Mund steckt, die dieser dann "raucht wie ein Schlot".

Ceylon und Nikobaren

Valdivia im Hafen von Colombo Ceylon
Valdivia im Hafen von Colombo. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Bereits 60 Seemeilen westlich der Mentawai-Insel Nias werden am 3. Februar 1899 5.214 Meter gelotet. An der Nordspitze Sumatras vorbei erreicht die Valdivia am 8. Februar die Inselgruppe der Nikobaren, von denen sie einen Tag später Kurs West auf Ceylon nimmt. Lotungen im Golf von Bengalen ergeben Tiefen von fast 4.000 Metern.

Am 13. Februar wird der Hafen von Colombo, der Hauptstadt der britischen Kronkolonie Ceylon, erreicht. Mithilfe des deutschen Konsulats gelingt es, einen neuen Arzt für die Expedition zu gewinnen. Am 16. Februar verlässt die Valdivia den Hafen von Colombo in südwestlicher Richtung mit Kurs auf die Malediven.

Malediven

Erlegte Haie an Bord der Valdivia
Erlegte Haie an Bord der Valdivia. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Auf dem Weg zur Inselgruppe der Malediven fischt die Valdivia-Crew auf 2.000 Meter Tiefe mit Vertikalnetzen, die nach ihrem Hub randvoll mit schwarzen Tiefseefischen, durchsichtigen Tintenfischen oder zehnfüßigen Krebsen gefüllt sind. Das Spektakel lockt auch zahlreiche Haie an, die nun allerdings selbst zur Beute werden. Nicht weniger als sieben von ihnen ködert die Crew aus dem Wasser.

Am 19. Februar 1899 erreicht die Valdivia die Suadiva-Inseln, das südlichste Atoll der Malediven. Flach ist es im Umfeld des Atolls keineswegs. Kurz vor der Ankunft zeigt das Lot noch 2.253 Meter.

Chagos-Archipel

Gruppenaufnahme mit Valdivia-Kapitän Krech auf Diego Garcia
Gruppenaufnahme mit Valdivia-Kapitän Krech auf Diego Garcia. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Am 20. Februar 1899 verlässt die Valdivia das Suadiva-Atoll der Malediven auf südlichem Kurs in Richtung des Chagos-Archipels. Am 23. Februar wird Diego Garcia, das größte Atoll des Archipels, angesteuert. Bei Vollmond wagt Kapitän Krech die Einfahrt in die Lagune und lässt die Valdivia vor dem Hauptort East Point vor Anker gehen. "Keine Worte vermögen die Farbenpracht des Wassers innerhalb der Lagune wiedergeben", schwärmt Chun später. Vor allem die aus der Tiefe in Weiß, Grün und Gelbrot hochschimmernden Korallenriffe begeistern den Expeditionsleiter. Nach kurzem Besuch verlässt die Valdivia Diego Garcia auf Westkurs.

Seychellen

Elefanten-Schildkröten auf Valdivia vor Praslin
Elefanten-Schildkröten auf Valdivia vor Praslin. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Am 5. März 1899 erreicht die Valdivia die Seychellen-Hauptinsel Mahé. Chun zeigt sich nachhaltig beeindruckt: "Bei Sonnenaufgang tauchten steil und wuchtig sich erhebende Inseln auf, die dem an niedrige Korallenatolle gewöhnten Blick doppelt imposant erscheinen." Am 8. März wird nach Praslin übergesetzt, wo ein Wald mit Seychellenpalmen besucht wird. Auf ihnen wachsen die mit 25 Kilogramm schwersten Baumfrüchte der Welt, die Coco de Mer. Bei der Rückkehr auf die Valdivia warten vier Riesenschildkröten. Sie sind Geschenke lokaler Würdenträger. Auf Westkurs geht es am Abend in Richtung Ostafrika weiter. Die sieben Tage bis zur afrikanischen Küste werden für wissenschaftliche Studien genutzt. Am 11. März wird eine Wassertiefe von 5.071 Metern gelotet und eine Temperatur von 1,2 Grad gemessen. Mit dem Vertikalnetz werden zahlreiche Fische und Kopffüßer gehoben. Aus 2.500 Metern wird ein sogenannter Buckliger Anglerfisch mit einer Leucht-"Angel" am Kopf ans Tageslicht geholt. Das nur 4,5 Zentimeter große grauschwarze Tier bekommt zu Ehren des Kapitäns den Namen Melanocetus krechi verpasst.

Daressalam und Sansibar

Gruppenaufnahme mit Valvidia-Kapitän Krech im Hafen von Daressalam
Bankett an Bord der Valdivia im Hafen von Daressalam. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Am 15. März 1899 läuft die Valdivia auf der Rede vor Daressalam ein. Chun ist begeistert: "So malerisch hatten wir uns die Hauptstadt unserer ostafrikanischen Kolonie nicht vorgestellt!" Die Valdivia-Besatzung steht sechs Tage im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. "Selten ist eine deutsche Expedition mit größeren Ehrungen und gewinnenderer Herzlichkeit aufgenommen worden ..." Auch auf der Valdivia findet ein Bankett statt. Nach einem kurzen Dredschzug in den Küstengewässern Daressalams läuft die Valdivia am 21. März Sansibar an, das seit dem Helgoland-Sansibar Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Vereinigten Königreich 1890 britisch ist. Von Sansibar steuert das deutsche Forschungsschiff nach Nordosten. Während der nur 15 bis 20 Seemeilen vor der Küste verlaufenden Fahrt werden täglich Tiefenlotungen vorgenommen. Auch werden 25 Dredschzüge mit dem großen Schleppnetz durchgeführt. Dabei geht den Forschern in Sichtweite der somalischen Küste in 1.644 Metern eine neue Glasschwamm-Art ins Netz.

Horn von Afrika und Aden

Hafen von Aden, 1928
Hafen von Aden, 1928 Bildrechte: IMAGO

Am 31. März 1899 schlägt die Valdivia auf der Höhe des somalischen Ras Hafun einen Kurs querab zur Küste ein, der das Schiff 170 Seemeilen nach Osten führt. Dort wird bei einer Meerestiefe von 5.064 Metern noch einmal das ganze Repertoire wissenschaftlicher Untersuchungen durchgeführt, wozu Chun später stolz feststellt, dass an "diesem Tage nicht weniger als 33.000 Meter Draht bewegt wurden." Danach steuert die Valdivia auf den Golf von Aden zu. Am 5. April wird die britische Kolonie erreicht. Hier endet auch Chuns Reisebeschreibung: "Die Abschiedsstimmung wurde freilich nicht zum wenigsten dadurch bedingt, dass wir mit dem Eintreffen in Aden eine der wichtigsten Aufgaben der Expedition, nämlich die Erforschung der Tiefen des Indischen Ozeans, zum Abschluss gebracht hatten."

Heimfahrt und Bilanz

Valdivia im Hafen von Port Said Ägypten
Valdivia im Hafen von Port Said. Bildrechte: Museum für Naturkunde Berlin

Von Aden aus setzt die Valdivia ab dem 7. April 1899 ihre Fahrt in Richtung Heimat fort. Es geht durch das Rote Meer, den Suezkanal, wo das Schiff am 14. April Port Said erreicht, weiter über das Mittelmeer, durch den Atlantik, den Ärmelkanal und die Nordsee zurück nach Hamburg. In der Hansestadt wird die Valdivia-Expedition am 1. Mai 1899 feierlich empfangen. Hinter ihr liegt eine Fahrt von 31.984 Seemeilen (59.234 Kilometer) durch Nord- und Südatlantik, das Antarktische Meer und den Indischen Ozean. An 274 Stationen wurden dabei Meeresorganismen gefangen und oder Wassertiefen gelotet.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Die Reise der Valdivia | 17. Dezember 2017 | 22:25 Uhr