Epigenetik Unsere Kindheitserfahrungen prägen das Hirn unserer Nachfahren

Das, was wir als Kind erleben, unter welchen Bedingungen wir aufwachsen, prägt uns für ein ganzes Leben. Eine neue Studie zeigt nun, dass wir unsere Erfahrungen sogar in die Köpfe unsere eigenen Kinder weitergeben. Sie beeinflussen schon in den ersten Lebensmonaten die neuronale Entwicklung unserer Nachfahren und hinterlassen nachweislich Spuren in deren Gehirn.

Ein Baby schläft in den Armen der Mutter.
Bildrechte: Colourbox.de

Wie bilden sich die Erfahrungen von Müttern im Gehirn ihrer Babys ab? Diese Frage stellten sich Wissenschaftler der Emory University (Atlanta, USA). Dazu begleiteten Psychologin Cassandra Hendrix und ihre Kollegen 48 Mütter mit ihren Babys von Beginn der Schwangerschaft an, so lange, bis die Kinder einen Monat alt waren. Zunächst füllten die Mütter Fragebögen aus, auf denen sie ihr eigenes Kindheitstrauma wie Missbrauch oder Vernachlässigung beurteilen sollten. Außerdem wurden sie daraufhin untersucht, ob und wie stark sie sich vor der Geburt belastet fühlten und ob sie unter Angstzuständen oder Depressionen litten.

Emotionale Erfahrungen der Mutter zeigen sich im Hirn ihrer Babys

Um herauszufinden, ob sich die Babys der Mütter, die selbst als Kinder traumatische Erfahrungen gemacht hatten, anders entwickeln, untersuchten die Wissenschaftler die Neugeborenen im Alter von einem Monat. Während die Babys schliefen, wurden ihre Hirnfunktionen mit einem Magnetresonanztomographen untersucht. Dabei konzentrierten sich die Forscher vor allem auf die Gehirnverbindungen zwischen der Amygdala, dem präfrontalen und dem anterioren cingulären Kortex. Alle drei Hirnregionen spielen eine Schlüsselrolle bei der Regulierung von Gefühlen, unter anderem Angst.

Vernachlässigung hinterlässt andere Spuren als Misshandlung

Mutter und Kind haben Spaß.
Liebevolle Eltern hinterlassen ihre Spuren sogar bei ihren Enkeln. Bildrechte: Colourbox.de

Das Ergebnis der Untersuchung: Babys, deren Mütter in ihrer Kindheit emotional vernachlässigt worden waren, zeigten stärkere funktionelle Verbindungen zwischen den drei an der Gefühlsregulierung beteiligten Hirnarealen. Waren die Frauen hingegen früher körperlichen Misshandlungen ausgesetzt gewesen, zeigte sich diese Veränderung nicht. Möglicherweise zeigt diese Erfahrung andere neuronale Effekte, die bislang noch nicht erforscht wurden.

Ist die neuronale Signatur ein Schutzmechanismus?

Welche Folgen die neuronalen Signatur der Mütter für die Babys hat, ist bislang unklar. Studienleiterin Dr. Cassandra Hendrix sieht zwei Konsequenzen aus der stärkeren Verbindung zwischen den einzelnen Hirnregionen:

Dieser Mechanismus kann zu einem erhöhten Risiko für Angst führen, andererseits aber auch die Belastbarkeit fördern, falls das Kind weniger emotionale Zuwendung bekommt.

Dr. Cassandra Hendrix, Emory University / Atlanta

In beiden Möglichkeiten sieht Hendrix eine Chance für die Kinder: Beides könne ihnen helfen, Bedrohungen durch ihre Umwelt schneller zu erkennen und und zu bewältigen. In ihren Studienergebnissen sehen die Forschenden die Bestätigung dafür, wie wichtig emotionale Unterstützung für Kinder ist. Nicht nur für sie selbst, sondern offenbar auch für die nachfolgenden Generationen.

In weiteren Untersuchungen sollen die Neugeborenen über einen längeren Zeitraum begleitet werden um zu dokumentieren, wie sie sich mit ihrer neuronalen Signatur entwickeln. Die bereits vorliegende Studie wurde im Fachmagazin Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging veröffentlicht.

krm

Grafik DNA Strang 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wissen

Ein Mann und Dr. Elisabeth Binder 9 min
Bildrechte: MDR/Gerald Perschke

5 Kommentare

MDR-Team vor 3 Wochen

Hallo @allesfeucht, die Studie ist in unserem Artikel verlinkt. Aus dieser (und auch aus dem Artikel) können Sie entnehmen, dass es sich im 48 Probandinnen und ihren Neugeborenen Kindern handelt. Die Säuglinge wurden einen Monat nach der Geburt im Schlaf einer Magnetresonanztomographie unterzogen. Liebe Grüße

MDR-Team vor 3 Wochen

@Chemnitzer,
stimmt, es sind wenige. Aber es ist ein aufwändige Untersuchung und ein Anfang, die Einschränkungen beschreibt die Autorin selbst.
Deshalb ist das Ergebnis der Studie keine endgültige Aussage sondern ein Zwischenstand. Allerdings wissen wir aus der Epigenetik auch, dass diese Art der Vererbung tatsächlich passiert. Und insofern ist es nur logisch, zu schauen, welche dieser Erfahrungen wie vererbt werden und wann das beginnt.

part vor 3 Wochen

Ja natürlich, denn dies bedeutet evolutionäre Entwicklung, indem die Nachkommen reagieren auf Gefahren und Lebenssituationen, denen ihre Vorfahren ausgesetzt waren. Die Angst vor Spinnen oder Schlangen oder Reptilien gibt es bestimmt nicht erst seit der Menschwerdung, sondern sie ist Teil eines Entwicklungsweges vom kleinen Säugetier bis hin zum Primaten über Millionen von Jahren. Nun können aber auch einschneidende Ereignisse im Leben eines Menschen, dessen physische und kognitive Funktionen nachhaltig beeinflussen, die sich eben auch auf den Nachwuchs auswirken können, in Folge der Erblinien, mehr oder weniger. Es sind dabei eben nicht nur die Kindheitserfahrungen, sondern auch erlittene Traumata, die sich nachhaltig auswirken können auf unseren Nachwuchs, was auch als Epigenetik bezeichnet wird.