Insektensterben Städte sind tödlich: Forscher fordern mehr Lebensräume für Insekten

Der Befund ist alarmierend: Weltweit geht die Anzahl und die Vielfalt der Insekten zurück. Dafür hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahren immer mehr Belege gefunden. Doch auf der Suche nach den Gründen für diese Entwicklung ist bisher offenbar ein entscheidender Faktor außen vor gelassen worden: Die Verstädterung scheint ein weiterer Schlüsselfaktor für das Insektensterben zu sein, wie eine umfangreiche Untersuchung aus Bayern offenbart.

Eine Insektenfalle, die wie ein kleines Zelt aussieht steht am Rande eines Rapsfeldes, im Hintergrund sind Häuser zu sehen.
Mit sogenannten Malaise-Fallen kann eine Vielzahl Insekten in verschiedenen Lebensräumen gesammelt werden. Bildrechte: LandKlif-Team

Das anhaltende Insektensterben der vergangenen Jahre bereitet nicht nur der Wissenschaft, sondern auch Politik und Gesellschaft zunehmend Sorgen. Umso wichtiger ist es deshalb zu verstehen, wodurch die Entwicklung genau beeinflusst wird. Was macht den Insekten also so große Probleme beim (Über-)Leben?

Forscherinnen und Forscher haben bereits mehrere mögliche Ursachen identifiziert. Auf der einen Seite sei die Landnutzung ein Problem – etwa weil die Landwirtschaft Monokulturen wie Mais oder Raps anbaut. Auf der anderen Seite sei aber auch die Klimakrise mit vermehrter Hitze und Trockenheit das Problem. Der Forschungsverbund LandKlif unter Leitung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg hat nun erstmals eine Studie vorgelegt, in der die Auswirkungen von Klima und Landnutzung auf Insekten getrennt wurden und so einen weiteren mutmaßlichen Schlüsselfaktor offenbart: die Verstädterung. Die Untersuchung ist im Fachmagazin Nature Communications publiziert worden.

Untersuchung an 179 Orten

Die Forschenden hatten festgestellt, dass bisherige Untersuchungen zum Insektensterben und ihre Befunde häufig Schwächen haben, erläutert Tierökologe Prof. Jörg Müller. Demnach wird unter anderem die Vielfalt der Insektenspezies unzureichend abgebildet und es würden meist nur kurze Zeiträume oder zu kleine Gebiete berücksichtigt, um ein umfassendes Bild zu bekommen.

Große Insektenaugen, Nahaufnhame einer Libelle 45 min
Bildrechte: Matthias Vorndran

Um diese Schwächen zumindest teilweise zu vermeiden, hat das Forschungsteam eine Vielzahl von Orten über eine komplette Vegetationsperiode hinweg analysiert. Dafür haben sie im Frühjahr 2019 an 179 Standorten von Unterfranken bis nach Oberbayern Insektenfallen aufgestellt – vom Flachland bis über 1.100 Meter Höhe im Bayerischen Wald und in den Alpen. Sie standen in Wäldern, auf Wiesen und Äckern sowie in Siedlungen, eingebettet in naturnahe, landwirtschaftliche und urbane Landschaften, schreiben die Forschenden.

Für das Sammeln der fliegenden, krabbelnden und springenden Insekten hat das Team sogenannte Malaise-Fallen benutzt. Das sind Zellfallen, in die die Insekten hereingeraten, gefangen und direkt konserviert werden. Alle 14 Tage leerten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Fallen, bestimmten anschließend die Biomasse der gefangenen Insekten und identifizierten die einzelnen Arten mit Hilfe von DNA-Sequenzierung.

Größter Unterschied zwischen naturnahen und städtischen Gebieten

Die Ergebnisse ihrer Analysen waren einigermaßen überraschend. Denn durch die Trennung von Klima und Landnutzung konnten die Forschenden auch sehen, welche direkten Wirkungen es gibt, sagt Jörg Müller. "Interessanterweise haben die Temperatur am Standort sowie die durchschnittliche Jahrestemperatur ausschließlich positive Auswirkungen auf die Biomasse und die Vielfalt der Insektenpopulationen." Die Form der Landnutzung dagegen wirke sich unterschiedlich auf Biomasse und Diversität aus, ergänzt der Forscher.

In dieser Studie konnten wir zum ersten Mal die Auswirkungen von Klima und Landnutzung auf Insekten in einer mitteleuropäischen Landschaft voneinander trennen.

Prof. Dr. Jörg Müller, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Hände mit Einmalhandschuhen halten eine Plastikschale, in der zahlreiche verschiedene Insekten liegen.
Insekten, die in einer der Malaise-Fallen gefangen wurden. Bildrechte: LandKlif-Team

Den größten Unterschied für die Anzahl der Insekten fand das Forschungsteam in seinen Untersuchungen zwischen naturnahen und städtischen Gegenden. Demnach war die Biomasse in der Stadt um 42 Prozent niedriger. Bei der Vielfalt der Arten hat dagegen die Landwirtschaft besonders schlecht abgeschnitten: Hier war die Insektenvielfalt um 29 Prozent geringer als in naturnahen Bereichen. "Von bedrohten Arten fanden wir in Agrarräumen sogar 56 Prozent weniger", sagt Johannes Uhler, Erstautor der Studie.

Mehr Natur in der Stadt

Für die Forschung zum Insektensterben und den Ursachen sei diese Erkenntnis über ein gegensätzliches Muster für Biomasse - also reiner Anzahl von Insekten - und Artenvielfalt ein Warnsignal, so das Forschungsteam. Man dürfe beim Insektenmonitoring künftig aus einem Rückgang der reinen Anzahl von Insekten nicht automatisch darauf schließen, dass dann auch die Artenvielfalt abgenommen hat und umgekehrt.

Es muss also gegen jedes dieser Probleme gezielt vorgegangen werden. Auf Grundlage ihrer neuen Erkenntnisse fordern die Forschenden deshalb in den Städten mehr Lebensräume für Insekten wie etwa Grünflächen zu schaffen, um die generelle Biomasse bzw. Anzahl von Insekten zu erhöhen. Auf der anderen Seite müssten Agrarumweltprogramme, um die Artenvielfalt zu verbessern, weiter ausgebaut und Wälder als geschützte Lebensräume gefördert werden.

Hier finden Sie den Fachartikel zum Nachlesen.

(kie)

Hobby Insektenforscher vor einem Insektenhotel 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Konrad Spindler hat ein Paradies geschaffen. Das 3.000 Quadratmeter große, ehemals landwirtschaftlich genutzte Familien-Anwesen hat er in eine Oase für Insekten verwandelt.

MDR FERNSEHEN So 28.07.2019 08:30Uhr 02:44 min

https://www.mdr.de/mdr-garten/pflegen/traumgarten-garten-fuer-insekten-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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12 Kommentare

MDR-Team vor 7 Tagen

Hallo menke,
die uns bekannten Studien zum Thema bestätigen Ihre Ausführungen leider nicht. Woher stammen denn Ihre Informationen? Reichen Sie bitte die Quellen nach.

Wir haben dazu folgendes gefunden, was Ihren Ausführungen widerspricht: In der Krefelder Studie 2017 stellte sich heraus, dass die Gesamtmasse der Insekten seit 1990 im Mittel um 76 Prozent schrumpfte. https://www.dw.com/de/insektensterben-zahl-der-fluginsekten-schrumpft-in-drei-jahrzehnten-um-drei-viertel/a-41017149
Eine Meta-Studie des Thünen-Instituts konnte zeigen, dass auf Biofeldern die Biodiversität höher ist und 23 Prozent mehr blütenbestäubende Insekten leben als im konventionellen Landbau. https://www.quarks.de/umwelt/landwirtschaft/oekologische-vs-konventionelle-landwirtschaft-ist-bio-immer-besser/
Freundliche Grüße aus der MDR-Wissen-Redaktion

menke vor 1 Wochen

Der Insektenrückgang ist nichts Neues. Bereits 2008 betrug dieser 94 Prozent gegenüber 1955 auf den Agrarflächen und hat sich seitdem nicht verändert. Angefangen hat es bei uns im Osten erst ab 1990 und im Westen ab 1985. Es spielt auch keine Rolle, ob die Flächen konventionell oder Bio bewirtschaftet werden. Es gibt viele Studien darüber, die meisten aus dem Tecklenburger Land. In meinem Wald hätte ich ganz gerne ein paar Insekten weniger... Zumindest kann ich als Landbesitzer das Fazit ziehen, dass die Art der Bewirtschaftung, also ob Bio oder nicht, wohl keine große Rolle spielt.

Karl Schmidt vor 1 Wochen

@Atheist:
Da Sie hier von durchaus auftretenden Eigenschaften von Insekten schreiben sei mir eine Frage gestattet:
Welche Insektenart war denn gleich nochmal "Juckfreudig"???