Großer Fregattvogel von den Galapagos-Inseln. Ein  Datenlogger auf seinem Kopf misst die Gehirnaktivitöten beim Flug.
Fregattvögel können beides: Fliegen und Schlafen. Bildrechte: Bryson Voirin

Streitfrage entschieden Vögel schlafen im Flug

Erstmals ist es Wissenschaftlern gelungen herauszufinden, ob Vögel im Flug schlafen oder nicht. Dazu haben die Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen (Bayern) Fregattvögeln auf den Galapagos-Inseln kleine Messgeräte auf den Kopf geklebt und die Hirnaktivität und Position gemessen. Ergebnis: Sie schlafen beim Fliegen.

Großer Fregattvogel von den Galapagos-Inseln. Ein  Datenlogger auf seinem Kopf misst die Gehirnaktivitöten beim Flug.
Fregattvögel können beides: Fliegen und Schlafen. Bildrechte: Bryson Voirin

Schlafen Vögel im Flug oder nicht? Darüber streiten Wissenschaftler seit etwa 100 Jahren. Die einen sagen: Natürlich, wenn Vögel tagelang ohne Unterbrechung fliegen können, dann müssen sie schlafen. Andererseits hielt man es für möglich, dass Vögel den Schlaf austricksen. Beispiel Graubrutstrandläufer in Alaska. Sie schlafen während ihrer gesamten Brutzeit so gut wie gar nicht. Jetzt ist die Frage geklärt. Vögel schlafen tatsächlich im Flug. Meist allerdings nur mit einer Gehirnhälfte. Die andere, wache Hälfte dient zum Navigieren, um zum Beispiel aufsteigende Luftströmungen zu nutzen, und dazu nicht mit anderen Vögeln zusammenzustoßen.

Tagelange Flüge

Die Wissenschaftler des MPI für Ornithologie bauten zuerst gemeinsam mit Experten der ETH Zürich einen kleinen Datenlogger – ein Gerät, das die Gehirnströme der Vögel messen kann. Dann reisten sie auf die Galapagos-Inseln. Denn die dort lebenden Fregattvögel sind bekannt dafür, dass sie tagelang auf Nahrungssuche über das Meer fliegen. Denen klebten sie das Gerät auf den Kopf. Das funktioniert natürlich nur mit einem besonderen Kleber, so Dr. Sabine Dehn vom MPI Seewiesen. "Wir benutzten Histoacryl, der sonst zum Verschließen von OP-Nähten eingesetzt wird." Nachdem die Vögel wieder an Land waren und sich einige Zeit regeneriert hatten, wurden sie wieder gefangen und die Logger abgenommen. Bryson Voirin, wissenschaftlicher Mitarbeiter und zweiter Erstautor der Studie war selbst vor Ort: „Wie viele Tiere auf den Galapagos-Inseln waren die Fregattvögel bemerkenswert zutraulich und haben sogar geschlafen, als ich sie das zweite Mal gefangen habe.“

Die Fregattvögel halten ein Auge offen, um einen Zusammenstoß mit anderen Vögeln zu verhindern.

Dr. Niels Rattenborg

Die Datenlogger hatten Gehirnströme beider Gehirnhälften und die Kopfbewegungen gemessen. Ein GPS-Gerät auf dem Rücken der Vögel lieferte die Daten über Position, Strecken, Flughöhen. Als die Daten ausgewertet waren stand fest: Die Tiere schlafen im Flug. Dieses Schlafverhalten kennt man auch von stehenden Enten. Die, die in der Mitte Gruppe schlafen, schlafen komplett. Die, die außen stehen, nur mit einer Gehirnhälfte. "Die Fregattvögel halten ein Auge offen, um einen Zusammenstoß mit anderen Vögeln zu verhindern, genau wie die Enten, die ein Auge auf potentielle Fressfeinde werfen", erklärt der Leiter des Forscherteams Dr. Niels Rattenborg.

Bei Delphinen ist es übrigens genauso. Sie schlafen auch mit nur einer Gehirnhälfte, um weiterschwimmen zu können. Allerdings fanden die Wissenschaftler im Gleitflug auch komplette Schlafphasen, wenn auch nur sehr kurze, sie waren höchstens sechs Minuten lang. Dann sackte nur der Kopf der Fregattvögel etwas nach unten - aber mehr nicht. Der Muskeltonus blieb also erhalten. Nicht wie bei den Menschen, wo die Arme und die Beine im Schlaf erschlaffen und völlig leblos herunterbaumeln würden.

42 Minuten Schlaf

Am Tage blieben die Vögel auf ihrem 3.000 km langen Flug wach, um nach Futterquellen zu suchen. In der Nacht gab es dann die unterschiedlichen Schlafphasen - die insgesamt pro Tag nur 42 Minuten ausmachten. An Land schlafen die Fregattvögel über 12 Stunden am Tag. Die Frage ist: Wie schaffen es die Vögel, auf ihrem Flug mit so wenig Schlaf auszukommen? Menschen können das nicht. Uns fallen leider auch im Auto manchmal schon nach ein paar Stunden Fahrt die Augen zu. Jetzt wollen die Forscher vom Max-Planck Institut für Ornithologie folgende Fragen klären: Wie können Vögel diesen Schlafmangel kompensieren, welchen Effekt hat das auf ihren Organismus? Und sie hoffen so, neue Erkenntnisse über den Schlaf und die Konsequenzen von Schlafmangel herauszufinden.

Zuletzt aktualisiert: 03. August 2016, 11:05 Uhr