Musikwissenschaft Warum gemeinsames Singen glücklich macht

Singende Menschen beschreiben das gemeinsame Singen mit anderen wie das Eintauchen in eine andere Welt. Es geht um gemeinsame Resonanzen, um Harmonien und Frequenzen, aber auch um Glücks- und Bindungshormone. Warum gemeinsames Singen glücklich macht und warum dieses Glück in der aktuellen Zeit nur schwer zu erreichen ist.

Ensemble Sjaella
Das Leipziger A-cappella-Ensemble "Sjaella". Bildrechte: Heiko Preller

Wenn Helene Erben, Altistin des Leipziger A-cappella-Ensembles "Sjaella" ihre Gefühle beim Singen mit ihren Kolleginnen beschreibt, bekommt man einen Eindruck davon, was gemeinsames Singen bei Menschen auszulösen vermag: "Es ist wie eine andere Welt, in die man da eintaucht. […] Man spürt die gemeinsame Resonanz. Man fühlt sich plötzlich mehr eins mit der Welt und mit anderen Menschen. Und das befreit und macht auf jeden Fall glücklich."

In eine "andere Welt" eintauchen

Die Sängerinnen und Sänger des MDR-Rundfunkchors singen in festlicher Kleidung im Gewandhaus
Beim Chorsingen erleben Menschen Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Auch der Leipziger Musikwissenschaftler Dr. Thomas Schinköth, selbst leidenschaftlicher Chorsänger und Chorleiter, beschreibt das Gefühl, beim Singen "in eine andere Welt einzutauchen", eine "Welt des Ausgleichs", in der man "entschleunigt", wenn man alles aus sich "heraussingt". Glücks- und Bindungshormone würden ausgeschüttet, alle Sinne geöffnet und der ganze Körper in Bewegung versetzt. Der Mensch lerne Körper und Seele auf neue Weise wahrzunehmen und zu entdecken. Es entstünden Schwingungen, für die im Alltag kein Raum und keine Zeit blieben. Mancher, der bedrückt in die Chorprobe gekommen sei, gehe hinterher mit einer entspannten Haltung wieder heraus.

Bedürfnis nach Gemeinschaft

Laut Schinköth wird insbesondere beim Chorsingen das Bedürfnis des "sozialen Wesens" Mensch nach Gemeinschaft und Gemeinsamkeit erfüllt: Der eine Sänger brauche den anderen, man höre sich gegenseitig zu, forme gemeinsam Harmonien und löse gemeinsam Dissonanzen auf. Durch Antistress- und Glückshormone, die beim gemeinsamen Singen ausgeschüttet werden, würden biochemische Prozesse im Körper positiv beeinflusst und das Immunsystem gestärkt.

Die "emotionale Mitte" finden

Dass das Singen den menschlichen Hormonhaushalt positiv beeinflusst, kann der Musikwissenschaftler Prof. Dr. Gunter Kreutz von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg bestätigen: "Es hat sich in der Tat in den letzten Jahren gezeigt, dass das Singen mit der Ausschüttung von Hormonen und Neurotransmittern verbunden ist, die das Belohnungssystem aktivieren und die subjektive Stimmung dadurch deutlich steigern." Selbst bei Menschen, die sich nicht so gut fühlten oder unter depressiven Verstimmungen litten, funktioniere das. Zwar sei Singen "kein Heilmittel", aber doch eine wirksame Strategie, um Gefühle zu regulieren und die eigene "emotionale Mitte" zu finden.

Singen steigert das Wohlbefinden

Das belegen auch verschiedene Forschungsarbeiten: So konnte etwa bei einer von Kreutz 2013 in Köln geleiteten Studie nachgewiesen werden, wie Menschen, die sich selbst als unglücklich bezeichneten, nach drei Monaten wöchentlicher Chorproben zu glücklichen Sängern wurden. Gemessen wurde das anhand deutlich gestiegener Oxytozin-Werte in ihren Speichelproben. Oxytozin ist ein Hormon, das stresslindernd wirkt und das Wohlbefinden steigert. Und auch in Fragebögen bestätigten die Probanden ihr Glücklichsein nach dem Singen.

Stärkung des Immunsystems

Auch andere Hormonwerte werden durch das Singen positiv beeinflusst, wie eine 2004 von Kreutz an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main initiierte Studie belegt. Dort war in den Speichelproben von Mitgliedern eines Kirchenchores, die das Requiem von Mozart sangen, ein signifikanter Anstieg des Immunoglobulins A festzustellen. Das Hormon ist für die Bekämpfung von Krankheitserregern in den Schleimhäuten zuständig.

Kreutz zufolge sprechen wissenschaftliche Hinweise zwar dafür, dass gemeinsames Singen das Immunsystem stärkt. Allerdings würden die Daten bislang nicht belegen, "ob es tatsächlich zu weniger Infektionen oder sonstigen Erkrankungen kommt." Da müssten erst noch umfangreiche Studien aufgelegt werden, welche den langfristigen "gesundheitlichen Nutzen" des Singens belegen könnten, so der Musikwissenschaftler.

Literaturempfehlung Gunter Kreutz: Warum Singen glücklich macht, Gießen 2014.
ISBN 978-3-8379-2395-7

Kraft und neuen Mut schöpfen

Helene Erben
Helene Erben: "Seelisch gesund sein, um schön singen zu können." Bildrechte: Frank Schemmann

Die positive Wirkung des Singens auf die seelische Verfassung ist hingegen unstrittig. Gerade im gemeinsamen Singen finden Menschen oft Kraft und neuen Mut. Das geht Laien nicht anders als Profis. Sängerin Helene Erben sagt, dass sie und ihre Ensemble-Kolleginnen "stets entspannt oder zufrieden glücklich aus den Proben [herausgingen], egal wie anstrengend und lang sie waren." Im Umkehrschluss sei die Stimme des Berufssängers aber auch sehr viel abhängiger von psychischen Befindlichkeiten. Man versuche deshalb "im Gegenschluss auch seelisch gesund zu sein, um überhaupt schön singen zu können, um überhaupt das vermitteln zu können, was man vermitteln möchte", so Erben.

Sänger leiden unter Einschränkungen

Das ist jedoch gerade in der jetzigen Situation für viele Sänger nicht gerade leicht. Musikwissenschaftler Thomas Schinköth berichtet, dass alle Sänger, junge Musikstudenten genauso wie ältere Laien-Chorsänger, für die die wöchentliche Singestunde zu ihren "wichtigsten Lebensinhalten" gehöre, unter den derzeitigen Einschränkungen sehr leiden. Natürlich würden Untersuchungen nahelegen, dass sich Coronaviren beim Singen besonders stark ausbreiten können. Doch der andere, nicht weniger bedeutsame Aspekt berühre die Frage: "Was macht es mit den Menschen seelisch, öffentlich – etwa in der Kirche – nicht singen zu dürfen, gerade zu Weihnachten?"

Internet ersetzt keinen "authentischen Raum"

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Bildrechte: Bauhaus Universität Weimar

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MDR AKTUELL Do 03.09.2020 12:39Uhr 03:47 min

https://www.mdr.de/wissen/audios/corona-filter-blasinstrument-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Zwar würden manche Chöre im Internet nach Möglichkeiten suchen, in kleinen Gruppen weiter zu proben. Neue Formen würden entstehen, "um den so wichtigen Kontakt zum Publikum nicht zu verlieren." Aber all diese Formen könnten "die lebendige Begegnung, das möglichst regelmäßige Miteinander-Singen-Dürfen" nicht ersetzen, so Schinköth: "Chorsänger brauchen den authentischen Raum, um das Gefühl zu erleben, das damit verbunden ist, wenn man miteinander singt, miteinander atmet, miteinander Harmonien und Klänge entwickelt. Chorsingen bedeutet ja vor allem, eine Aura aufzubauen und auf andere zu übertragen."

Gemeinsam atmen und gestalten

Letztlich ist es wohl genau das, was das gemeinsame Singen so besonders macht, wie auch Helene Erben beschreibt: "Das gemeinsame Singen, die gemeinsame Vibration und Resonanz der anderen Menschen um sich zu spüren, das ist eine ganz, ganz tiefgehende Sache. Man atmet gemeinsam, man gestaltet gemeinsam. Die Töne entwickeln sich und man entwickelt eine gemeinsame Frequenz, schwingt sich aufeinander ein. Man spürt es im ganzen Körper und das bewegt einen, auch emotional."

Die Worte eines glücklichen Menschen, der liebt was er tut, dies ausstrahlt und damit andere Menschen berührt. Wissen Sie jetzt, warum gemeinsames Singen so glücklich macht?

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