MDR Wissen fragt nach: Warum jucken wir uns eigentlich?

Es ist die schönste Nebensache der Welt und gleichzeitig eine der schlimmsten Reize überhaupt - das Jucken. Wenn es gar nicht aufhören will, kann es schlimmer sein als Schmerzen, und wenn uns jemand den Rücken an einer Stelle kratzt, an die wir nicht kommen, dann ist das ein Wohlgefühl der Spitzenklasse. Warum hat die Natur den Juckreiz überhaupt erfunden?

von Karsten Möbius

Wann sich welches Wesen zum ersten Mal gekratzt hat, weil es juckte, das werden wir nie erfahren. Aber es muss gewesen sein, bevor die Säugetiere die Bühne betraten. Denn nicht nur Mäuse, Hunde, Kühe und Affen jucken sich, sondern auch andere Spezies, erzählt Evelyn Gaffal, Oberärztin und Hautspezialistin an der Uniklinik Magdeburg: 

Es gibt auch Beobachtungen, dass Fische, die von Parasiten befallen sind, sich kratzen. Am Sand zum Beispiel oder an Pflanzen. Insekten dagegen haben ein ganz anders aufgebautes Nervensystem, das unserem nicht gleicht. Diese Nervenfasern, die bei uns für die Juckreizweiterleitung vorhanden sind, fehlen den Insekten. Man sieht Insekten sich auch nicht kratzen. Aber ob sie jetzt fähig sind Juckreiz zu empfinden, ist letztlich - glaube ich - nicht beantwortbar.

Evelyn Gaffal

Wie alles begann: Kratzen beseitigt Parasiten

Kopf-Laus (Pediculus capitis, Pediculus humanus capitis, Pediculus humanus),
Kopflausbefall macht sich durch Juckreiz bemerkbar Bildrechte: IMAGO

Wissenschaftler fragen sich natürlich, wozu der Juckreiz gut ist. In der Regel bestehen im Zufallsgenerator Natur nur Dinge, die einen Vorteil verschaffen oder Dinge, die nicht allzu viel schaden. Das Stichwort ist schon gefallen - Parasiten. Wer sich kratzte, wurde die Schmarotzer los, sagt Evelyn Gaffal:

Evolutionsbiologisch weiß man, dass das Jucken und das darauffolgende Kratzen als Schutzfunktionen gedacht sind von der Natur. Unabhängig von dem Reiz. Ursprünglich waren das natürlich vor allem Parasiten zum Beispiel Moskitos, Läuse und Zecken.

Evelyn Gaffal

Eine andere Interpretation des Juckreizes ist, dass wir dadurch aufgefordert werden, durch Kratzen oder Befühlen unsere Haut zu überprüfen, ob tatsächlich ein Reiz vorliegt oder ob die Sensoren in der Haut noch in Ordnung sind.  

Damit es juckt, musste die Natur parallel zu den Nervenbahnen, die den Schmerz weiterleiten, ein weiteres System anlegen: Sensoren und Nervenbahnen, die speziell für den Juckreiz zuständig sind. Diese getrennten Reizsysteme von Jucken und Schmerzen sind eng miteinander gekoppelt. So kann auch erklärt werden, warum es in der Regel aufhört zu jucken, wenn wir kratzen:

Einerseits wird durch das Jucken eine Nervenbahn angeregt, die den Juckreiz ins Gehirn weiterleitet. Durch den Schmerz wiederum  werden andere Nervenbahnen angeregt. Der Schmerz hemmt also den Juckreiz über eine Hemmung der Juckreiz Nervenbahn.

Die Konsequenz aus diesem Zusammenspiel von Schmerz- und Jucknerven funktioniert bei Gesunden nach dem Muster: Wo es juckt, kann es nicht gleichzeitig weh tun und dort, wo es weh tut, juckt es nicht zur gleichen Zeit. Aber warum juckt eigentlich nur die Haut? Stimmt nicht, sagt Evelyn Gaffall - es können auch andere Stellen jucken, zum Beispiel kann man auch Juckreiz an Schleimhäuten empfinden, im Mund zum Beispiel oder genital. Auch die Augen jucken. Innere Organe können das nicht. Dort hat die Natur keine Nervenbahnen hingelegt, die einen Juckreiz weiterleiten könnten.

Das würde der Leiterin der Hautsprechstunde der Uniklinik Magdeburg zufolge auch wenig Sinn machen. Der Juckreiz ist ihr zufolge dafür gedacht, dass wir ihn beheben und wir darauf reagieren können: "Wenn man diesen evolutionsbiologischen Prozess wieder mit reinnimmt: Es geht darum Parasiten zu entfernen. Dann macht das vor allem Sinn, dass es an Stellen juckt, an die wir auch rankommen."

Das Hochgefühl, wenn man an der richtigen Stelle kratzt

Ein Phänomen des Juckens ist auch, dass Kratzen ein wundervolles Gefühl nach sich zieht. Jeder kennt das, wenn eine Stelle am Rücken juckt, an die man nicht rankommt und ein anderer hilft und man ruft "Links, noch weiter links, etwas weiter runter" - und wenn dann an der richtigen Stelle gekratzt wird, ist das fast wie ein Höhepunkt. Das liegt daran, dass der Kratzerfolg das Belohnungsareal im Gehirn aktiviert. Deshalb kratzen wir auch Mückenstiche auf, obwohl wir wissen, dass das nicht gut ist. Dazu kommt, dass häufiges Kratzen auch so etwas wie eine Kettenreaktion auslöst:

Das Kratzen löst auch das Ausschütten von Botenstoffen wieder aus und so kommt dann gar keine Ruhe mehr rein. Es kommt wieder das  Belohnungszentrum ins Spiel. Juckreiz wird leichter empfunden, wenn man solche pathologischen Kratz-Juck-Zyklen hat. Das ist der Grund, warum man sich dann immer wieder kratzt.

Evely Gaffal

Jucken ist immer noch eines der großen Mysterien in der Medizin. Denn nicht nur Parasiten lösen Juckreiz aus. Jucken kann tausende Ursachen haben: Allergien, Leber- oder Nierenerkrankungen, Medikamente können Juckreize auslösen oder auch psychische Erkrankungen. Schwere Traumatische Erlebnisse können beispielsweise zu Juckreiz führen. Warum ausgerechnet der Juckreiz, der uns eigentlich nur auf Parasiten aufmerksam machen sollte, durch so viele unterschiedliche Ursachen zustande kommt, weiß bis heute niemand.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | Radio | 30. September 2018 | 08:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 13:42 Uhr

Mehr zum Thema:

Grafik die ene Kuh mit einem Grasbüchel und einer Bürste darstellt. 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Strahlen gehen von einer markierteen Stelle auf dem Modell eines menschlichen Gehirns, das von einer Person gehalten wird, aus. 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das am Umriss ausgeschnittene Bild eines Affen auf einer Wiese vor Sträuchern. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK