EU-Studie zu Algorithmen Hälfte aller EU-Bürger weiß nicht, was ein Algorithmus ist

Algorithmen sind Teil unseres Alltags. Sie treffen zunehmend und oft unbemerkt Entscheidungen für und über uns und sie bestimmen schon heute unser Leben in vielen Bereichen. Doch für viele Menschen sind sie ein einziges Rätsel: Fast jeder zweite EU-Bürger weiß nämlich gar nicht, was ein Algorithmus eigentlich ist, sagt eine Studie. Dabei ist es eigentlich gar nicht so kompliziert, wie es vielleicht klingt.

Beinahe jeder zweite EU-Bürger weiß nicht, was genau Algorithmen sind und das, obwohl sie längst in weiten Teilen unseres Lebens zum Alltag gehören. Das geht zumindest aus einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung hervor. Dafür sind 10.960 Personen in allen 28 EU-Ländern befragt worden. 15 Prozent der Befragten gaben an, überhaupt noch nie davon gehört zu haben und 33 Prozent haben zwar bereits von Algorithmen gehört, wissen aber nicht, was genau sie sind. Nur acht Prozent aller Befragten haben angegeben, gut darüber Bescheid zu wissen - also eine eher kleine Gruppe.

Ein Kreisdiagramm, auf dem die prozentuale Verteilung der Antworten von Befragten bei einer Studie dargestellt wird.
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Was ist ein Algorithmus?

Aber was ist denn nun eigentlich dieser Algorithmus? Eigentlich ist er eine Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems. Eine Bau- oder Bedienungsanleitung zum Beispiel ist also genau genommen auch ein Algorithmus. Sie sagt nämlich Schritt für Schritt, was zu tun ist. Wenn man sich daran hält und die Bauanleitung stimmt, kommt das gewünschte Ergebnis raus – also bei der Bauanleitung zum Beispiel der fertige Kleiderschrank.

Daran erkennt man eine wichtige Eigenschaft für Algorithmen: Am Ende muss immer das gleiche rauskommen, egal wie häufig man die Schritte entsprechend der Anleitung ausführt. Kommt also statt des Kleiderschranks bei unserem Bauprojekt eine Kommode heraus, stimmt der Algorithmus nicht. Außerdem müssen die einzelnen Schritte in einem Algorithmus eine klare, festgelegte Reihenfolge und ein Ende haben.

Prof. Dr. Oliver Rheinbach 4 min
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Algorithmen als Handlungsvorschrift mit endlich vielen Teilschritten gibt es schon seit der Antike. Die ersten, die sie sich zu Nutze gemacht haben, waren die Mathematiker: So sind bekannte mathematische Algorithmen etwa der Satz des Pythagoras oder das Wurzel-Ziehen.

Wenn wir heutzutage von Algorithmen sprechen, geht es aber häufig um eine andere wissenschaftliche Disziplin: Die Informatik. Denn jedes Computerprogramm ist im Prinzip ein Algorithmus: In der Software stehen die Anweisungen, welche Schritte nach und nach ausgeführt werden müssen, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Mittlerweile können Algorithmen sogar selbstständig "lernen" - etwa, wenn sie mit entsprechenden Daten gefüttert werden. Das nennt man dann maschinelles Lernen oder künstliche Intelligenz.

Algorithmen längst Teil des Alltags

Davon, wo und wie Algorithmen eingesetzt werden, haben viele Menschen nur vage Vorstellungen, zeigt die aktuelle Studie. Am ehesten verbinden sie damit auf die Person zugeschnittene Online-Werbung oder Anwendungen bei Dating-Plattformen, heißt es. Doch tatsächlich sind Computer-Algorithmen schon längst Teil unseres Alltags und treffen Entscheidungen für uns oder über uns.

Dabei stecken Algorithmen hinter so viel mehr als nur Suchmaschinen-Ergebnissen oder Social Media-Feeds. Wer etwa einen Handyvertrag abschließen will, braucht eine saubere Schufa-Auskunft und über die entscheidet ein Algorithmus. Sie helfen Behörden bei Entscheidungen - etwa über den richtigen Wohnort für Asylsuchende oder das Rückfallrisiko von Straftätern. Steuererklärungen werden in Standardfällen heute vollautomatisch bearbeitet. Mancherorts entscheiden Algorithmen sogar über Leben und Tod, indem sie beispielsweise die Lebenserwartungen von Menschen errechnen. Und natürlich steckt auch im Navi fürs Auto ein Algorithmus, der uns die kürzeste Route errechnet. Vor allem in Algorithmen der künstlichen Intelligenzen setzen viele Menschen Hoffnung: Sie sollen Züge pünktlicher machen, Vulkanausbrüche vorhersagen oder den Hass im Netz bekämpfen.

Algorithmen mit Vorsicht genießen

Was nach der Lösung für alle Probleme klingt, ist aber mit Vorsicht zu genießen. Denn Algorithmen können nicht nur ziemlich komplex sein, sondern zum Beispiel auch verzerrte Ergebnisse auswerfen - Informatiker sprechen von einer "Bias". Das bedeutet, dass sie aus vorhandenen Daten Vorurteile und kulturelle Stereotype "erlernt".

Das kann unter anderem daran liegen, dass die Datengrundlage, aufgrund derer eine künstliche Intelligenz ihre Schlüsse zieht, schon verzerrt ist. Ein Beispiel wäre etwa eine Software der US-Polizei, die vorhersagen soll, wie wahrscheinlich ein Straftäter erneut ein Verbrechen begeht. Die hält das bei schwarzen Personen für wahrscheinlicher als bei weißen Menschen - eine rassistische Verzerrung, die wohl daher kommt, dass in den vergangenen Jahren im Verhältnis häufiger schwarze Menschen von der Polizei registriert wurden als weiße Personen.

Deutlich wird dieses Problem auch im Fall Amazon: Der Online-Shopping-Riese hatte einen Algorithmus, der korrekt funktionierte und trotzdem "falsche" Ergebnisse lieferte: Das System sollte die besten fünf aus 100 Bewerbungen heraussuchen. Doch dann kam heraus, dass die Bewerbungen von Frauen systematisch schlechter bewertet wurden. Kein Wunder, denn der Algorithmus lernte aus der Datengrundlage der Bewerbungsunterlagen der vergangenen zehn Jahre des Unternehmens. Und das bedeutete: "Frau" ist eher ein Nachteil. Amazon stoppte das Projekt komplett. Andernorts setzt man weiterhin auf Algorithmen beim Personalmanagement. Den Machern der Bertelsmann-Studie zufolge ist das bei 18 Prozent der Unternehmen der Fall.

Eine Frage der Moral

Wenn Algorithmen in Form von künstlicher Intelligenz also immer komplexere Entscheidungen auf immer autonomere Weise treffen, kommt es zwangsläufig zu Schwierigkeiten. Woher soll ein autonomer Roboter auch wissen, dass er sehr wohl seine Zeit, aber keine Menschen totschlagen darf oder man Brot toastet, aber keine Hamster, schreiben dazu Forscher vom Centre for Cognitive Science der TU Darmstadt in einer aktuellen Veröffentlichung. Sie sagen: Die Künstlichen Intelligenzen brauchen einen menschenähnlichen Moral-Kompass. In ihrer Studie haben sie untersucht, wie das funktionieren kann.

Die Forscher der TU Darmstadt kommen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass die Algorithmen der Künstlichen Intelligenzen (KI) auch moralische und ethische Überlegungen über "richtiges" und "falsches" Handeln über den Weg des maschinellen Lernens "erlernen" können. Dazu hat das KI-System der Forscher Ableitungen aus Texten menschlichen Ursprungs analysiert und entsprechend menschenähnliche, moralische Ausrichtungen abgeleitet. So habe die künstliche Intelligenz im Experiment gelernt, dass man nicht lügen sollte und dass es besser sei, seine Eltern zu lieben, als eine Bank auszurauben. Zusammengefasst bedeutet das den Forschern zufolge, dass die Algorithmen gneau so wie sie menschliche Vorurteile übernehmen auch genauso moralische Wertvorstellungen erlernen können.

Deutsche ziemlich skeptisch

Die Bertelsmann-Studie hat auch die Einstellungen der Befragten zu Algorithmen untersucht. Dabei stellten die Forscher fest, dass Männer und Menschen mit höherem Bildungsabschluss tendenziell stärker die Vorteile einer automatisierten Entscheidungsfindung sehen - und auch mehr Anwendungsgebiete kennen.

Facebook Schriftzug spiegelt sich in den Augen einer besorgt blickenden Frau mit Binärzahlen
Einer der bekannteren Algorithmen steckt im Facebook-Feed - aber wo noch? Bildrechte: IMAGO

Außerdem gebe es Unterschiede zwischen einzelnen Ländern. Polen komme auf den höchsten Kenntnis-Wert: Dort sagen 11 Prozent, sie kennen sich gut aus. Die Briten wissen laut Studie dagegen besonders wenig über Algorithmen. Für Frankreich macht die Stiftung hohes Unbehagen aus: 21 Prozent fürchteten sich dort vor Algorithmen. Auch die Deutschen sind der Studie zufolge eher skeptisch, vor allem die "Macht für Programmierer" sei da negativ aufgefallen. Eher positiv sehen die Deutschen die Effizienz von Algorithmen.

In der gesamten Union wünscht sich eine große Mehrheit von fast drei Viertel aller Befragten eine stärkere Kontrolle computerbasierter Entscheidungen. Außerdem sei auch mehr Transparenz sinnvoll, wann wo und wie algorithmisch über etwas entschieden werde.

Rührei mit Schinken in einer Pfanne 2 min
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Warum ein Rührei das Prinzip des Algorithmus erklärt.

MDR AKTUELL Mi 06.02.2019 17:21Uhr 02:27 min

https://www.mdr.de/wissen/audios/audio-957534.html

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 06. Februar 2019 | 17:21 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2019, 12:44 Uhr