Citizen Science Wenn Bürger zu Forschern werden

Insekten zählen, Mücken fangen, Vögel beobachten – immer öfter werden Bürger dazu aufgerufen, sich an sogenannten Citizen-Science-Projekten zu beteiligen. Ein neuer Trend in der Wissenschaft? Nicht ganz.

Mädchen mit Lupe
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Die Universität Halle macht's und der NABU sowieso: Citizen Science. Immer öfter werden Bürger dazu aufgerufen, sich an sogenannten Citizen Science Projekten zu beteiligen, also Insekten zu zählen oder Feinstaub zu messen. Doch was verbirgt sich eigentlich genau dahinter? Eine Frage, auf die es im Grünbuch der Citizen Science Plattform "Bürger schaffen wissen" eine Antwort gibt. Erarbeitet wurde es, unter Federführung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), von rund 1.000 Experten.

"Citizen Science wird als eine Form der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern bei der Erforschung und Generierung von neuem Wissen beschrieben", erklärt Anett Richter vom UFZ in Leipzig. "Dabei sind die Personen nicht unbedingt an eine Institution gebunden, sondern ehrenamtliche Mitforschende." Völlig neu ist die Idee hinter Citizen Science dabei nicht. Das wissen auch die beteiligten Experten des Grünbuchs.

Citizen Science – neue, alte Form der Bürgerbeteiligung

Porträtaufnahme einer Wissenschaftlerin mit schulterlangen braunen Haaren und Brille vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung.
Aletta Bonn ist Professorin an der Uni Jena und leitet die Abteilung "Ökosystemleistung" des UFZ. Bildrechte: MDR/Marie-Kristin Landes

"Die Beteiligung von Bürgern weist eine lange Tradition auf, vor allem in den Biowissenschaften," sagt Aletta Bonn, Professorin an der Universität Jena und Leiterin der Abteilung "Ökosystemleistung" am UFZ. 80 bis 90 Prozent der Biodiversitätsdaten seien dabei schon immer über das Ehrenamt gesammelt worden. Neben Fachgesellschaften oder Umweltverbänden spielten in der Vergangenheit vor allem Museen eine große Rolle. Beispielsweise wenn sie dazu aufriefen, für wissenschaftliche Zwecke und Ausstellungen Fotos aus einem bestimmten Jahrzehnt einzusenden. "Aber ich denke schon, dass es in Deutschland einen Trend gegeben hat," so Aletta Bonn weiter. Neu sei dabei vor allem die Kooperation mit der Wissenschaft und ein konstant großes Interesse der Bevölkerung, sich an Forschung zu beteiligen.

"Das neue ist die Form, über das Datensammeln hinaus. Das man überlegt: Wo sind denn dringende Fragestellungen die auf globaler, auch auch regionaler und lokaler Eben stattfinden können?", fügt Anett Richter hinzu. Citizen Science bedeutet nicht nur, dass Bürger hinaus geschickt werden, um Insekten und Vögel zu zählen. Das Forschungsgebiet ist viel breiter. Immer häufiger geben sie auch den Anstoß für gezielte Forschungsfragen, werten erhobene Daten mit aus oder verbreiten die Ergebnisse. Hilfreich sind dabei auch neue Möglichkeiten, die digitale Technologien mit sich bringen. Darunter fallen beispiels- weise Apps, in denen gezählte Tiere sofort vermerkt werden können und die vor allem groß angelegte Erhebungen möglich machen – deutschlandweit mit relativ geringem Aufwand. Ein erheblicher Mehrwert für die Wissenschaft, die dank Citizen Science an Daten von Orten gelangt, die sonst verschlossen waren. "Es gibt Daten, die man sonst nie erheben konnte, zum Beispiel über Mücken, die die Leute in ihren Häusern einfangen", sagt Aletta Bon vom iDiv. Sie spielt damit auf den Mückenatlas an, der ohne die Mithilfe zahlreicher Bürger wohl nie umsetzabr gewesen wäre.

Viele Mitstreiter, viele Fehler

So vielfältig die Möglichkeiten von Citizen Science Projekten auch sind: Sie sind nicht ohne Risiko. Denn wo deutschlandweit Bürger Insekten oder Vögel in ihrem Garten zählen, passieren auch schnell Fehler, die die so gesammelten Daten verfälschen können. Beispielsweise, weil sie nicht alle Arten genau unterscheiden können, sich verzählen oder die Daten versehentlich falsch notieren. Fehler, die mithilfe von gezielten Schulungen, Onlinehilfen, Fotos oder der anschließenden Standardierisung der Daten klein gehalten werden können.

"Wir müssen wissen, welche Qualität die Daten haben. Wenn wir das wissen, können wir damit arbeiten," erklärt Aletta Bonn. Eine Schwierigkeit mit der Wissenschaftler jedoch immer zu tun hätten. Wichtig sei es deshalb, Citizen Science Projekte gut zu planen und Testphasen einzubauen, um am Ende auch wirklich verwertbares Datenmaterial zu generieren. Die Hauptlast müsste dabei in Vorbereitung von der Wissenschaft getragen werden. Denn die Arbeit im Feld, das Zählen, Messen und Kartieren, ist ein Ehrenamt, das zwar grundlegend für die nachfolgende wissenschaftliche Arbeit ist, aber vor allem auch Spaß machen soll.

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MDR KULTUR - Das Radio Mo 06.08.2018 18:10Uhr 04:04 min

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Und woher kommt der Begriff?

MDR AKTUELL Mo 06.08.2018 11:22Uhr 03:24 min

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Menschenaffen beobachten auf dem heimischen Sofa

MDR AKTUELL Di 07.08.2018 13:50Uhr 02:57 min

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Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen LexiTV | 22. Mai 2017 | 15:00 Uhr