Desinfektion im Theater Mit Wasserstoffperoxid-Nebel gegen Coronaviren

Hygienekonzept - dieses Wort dürfte den Verantwortlichen verschiedener Kulturbetriebe die Haare sträuben. Denn Hygienekonzepte in Zeiten des Coronavirus sind gerade in Theatern und Konzertsälen eine besondere Herausforderung. Das Berliner Ensemble glaubt nun eine Lösung in Wasserstoffperoxid gefunden zu haben. Der wird als Nebel in den Räumen versprüht und soll alles desinfizieren. Doch funktioniert das wirklich?

Umgebaute Sitzreihen zur Einhaltung der Abstandsregeln im Berliner Ensemble 3 min
Bildrechte: imago images / photothek

Es erinnert ein wenig an eine Schneekanone. Doch statt der weißen Pracht spucken die großen Düsen Strahlen von feinem, weißem Nebel aus. Als breite Wolke sinkt er zu Boden, legt sich über die Bühne des Berliner Ensembles, die historischen, stoffbespannten Sitze, den Stuck im Theatersaal. Doch der Nebel dient hier keinem dramatischen Effekt, sondern der Desinfektion.

Für Viren und Bakterien tödlich

Chemische Formel von Wasserstoffperoxid Formel
Wasserstoffperoxid bleicht nicht nur Haare, sondern tötet auch Bakterien und Viren. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Der Nebel besteht aus Wasserstoffperoxid. Er wird unter anderem von Firmen wie der B-P-S zur Raumdesinfektion eingesetzt. Was Haare bleichen und zu Sprengstoff verarbeitet werden kann, kann auch für Viren und Bakterien tödlich sein. Kathrin Höhne von der B-P-S erklärt die Wirksamkeit von Wasserstoffperoxid: "Wasserstoffperoxid ist ein Oxidationsmittel und es wird seit mehr als 50 Jahren zur Bekämpfung von Viren, Bakterien und Sporen eingesetzt. Wasserstoffperoxid zerstört nämlich die Lipid-Schicht der Viren. Und kann dadurch die Viren inaktivieren." Die Hülle der Viren wird also zerstört, die Viren werden unschädlich. Dass es also gegen das Coronavirus auf Flächen helfen kann, ist plausibel.

Auch bei Aerosolen wirksam

Doch das Virus kann auch in Aerosolen - also kleinen Luftpartikeln - vorkommen - und da ziemlich lange überleben. Auch hier soll der Nebel das Virus bekämpfen können, erklärt Höhne:

Ein Mitarbeiter in Schutzausrüstung demonstriert die Desinfektion mit einer Schneekanone und Wasserstoffperoxid
Vernebeln von Wasserstoffperoxid mittels Schneekanone im April in Tirol. Bildrechte: imago images/Eibner Europa

"Hierzu nutzt man die physikalische Eigenschaft der Diffusion. Denn diese Desinfektionsmittel-Aerosole sind so lange in der Luft unterwegs, bis sie einen ausgeglichenen Feuchtigkeitsgehalt in der Luft haben. Das heißt, die wollen mit jedem Teil, das in der Luft ist, diesen Ausgleich schaffen. Und deswegen ist diese Vernebelung auch unglaublich wirksam, weil sie an Stellen kommt, an die man mit einem normalen Putztuch nicht mehr hinkommt. […] Diese Aerosole senken sich auch irgendwann auf Oberflächen ab und desinfizieren diese mit." Danach muss noch gelüftet werden. Die ganze Prozedur dauert ein bis zwei Stunden. Und hinterlässt einen reinen, coronafreien Raum, so der Anbieter B-P-S.

Hygieniker haben Zweifel

Doch Michael Pietsch, Leiter der Hygieneabteilung an der Universitätsmedizin Mainz, hat seine Zweifel an der Wirksamkeit: "Das ist im Augenblick definitiv nicht bewiesen. […] Zumindest gibt es eine Forderung, die das Robert-Koch Institut erhebt, wenn es sagt: Es muss validiert werden, festgestellt werden, wie wirksam ist denn ein Verfahren mit Wasserstoffperoxid in der Raumluft auch an den Stellen, wo es möglicherweise schwierig ist, dass der Dampf hingelangt."

Keine unabhängigen Untersuchungen

Journalisten fotografieren und filmen in einem Waggon der U-Bahn einen Roboter der Wasserstoffperoxid zur Desinfektion versprüht.
Ein Automat versprüht im März Wasserstoffperoxid in einer U-Bahn in China. Bildrechte: dpa

Natürlich ist es aber denkbar, dass es funktioniert. Doch unabhängige Untersuchungen gibt es eben noch nicht. Eine Frage sei auch, ob der Nebel, der sich auf Flächen absetzt, noch die nötige Konzentration an Wasserstoffperoxid hat, um desinfizieren zu können. Doch es gibt noch einen weiteren Grund, warum das Robert-Koch Institut die Wasserstoffperoxid-Vernebelung nicht auf seiner Liste für Desinfektionsverfahren führt, erklärt Pietsch: "Das Robert-Koch Institut sagt, Wasserstoffperoxid-Verfahren sind im Augenblick nicht zu listen, weil sie so unterschiedlich sind. Je nach Produkt und je nach Generator und je nach Raumkonfiguration."

Ein nachgewiesenes und einheitliches Rezept für die Raum-Desinfektion mit Wasserstoffperoxid gibt es also noch gar nicht. Das bedeutet nicht, dass die Vernebelung von Wasserstoffperoxid bei der Desinfektion nutzlos ist. Aber es fehlen eben noch die unabhängigen, wissenschaftlichen Belege und Erkenntnisse, wie und wann es eingesetzt werden kann.

3 Kommentare

MDR-Team vor 5 Wochen

@goffman, laut dem Anbieter B-P-S liegt die Wasserstoffperoxid-Gehalt bei 0,5 bis maximal 3 Prozent. Das ist recht niedrig. Laut dem Unternehmen wurde das Verfahren im Berliner Ensemble überwacht, um keine Schäden zu riskieren. Dazu die Auskunft des Anbieters: https://amoair.com/berliner-ensemble

Beim Absinken des Nebels reduziert sich die Konzentration möglicherweise.

goffman vor 5 Wochen

Wie im Artikel erwähnt kenne ich Wasserstoffperoxid als Bleichmittel für Haare, Zähne, Stoffe und sogar Holz. Sicher ist es eine Frage der Konzentration, aber wenn das nach jeder Vorstellung und Probe gemacht wird: Kann das nicht Schaden an der historischen Raumausstattung anrichten?

Ansonsten wäre es natürlich wünschenswert gerade Kulturangebote wie Konzerte, Theater etc. wieder vollumfänglich zu ermöglichen.

goffman vor 5 Wochen

Vielen Dank für die Auskunft :-)

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