Mädchen mit Globus
Bildrechte: IMAGO

Neue Karte für US-Schüler Europa ist nicht der Mittelpunkt der Welt

Mädchen mit Globus
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Grönland ist ein riesiges weißes Land oben im Norden, vier Mal so groß wie das kleine Indien – diesen Eindruck gewannen Generationen von Schülern, die auf Weltkarten von Hermann Haack aus Gotha schauten, oder auf jede andere Darstellung der Erde, die sich an der Projektion des Belgiers Gerhard Mercator orientierte. Das Problem daran: In Wirklichkeit ist das Verhältnis umgekehrt. Mit rund 3,3 Millionen Quadratkilometern hat der indische Subkontinent rund ein Drittel mehr Fläche als die arktische Insel, die nur etwa 2,2 Millionen Quadratkilometer groß ist.

Neues Weltbild in Boston

Die Schulbehörde in Boston hat deshalb nun entschieden, dass die Schüler der Stadt an der US-Ostküste künftig mit einer anderen Darstellung der Welt lernen sollen. Statt einer Mercatorprojektion wird dort künftig eine am Bremer Kartographen Arno Peters orientierte Weltkarte verwendet. Sie bildet die Länderflächen maßstabsgerecht ab, ist also flächentreu. Die Bostoner Behörde argumentiert: Der Nachwuchs solle nicht mehr ein Weltbild entwickeln, das Europa in den Mittelpunkt stelle und größer mache, als es in Wirklichkeit sei.

Eine aus Satellitenaufnahmen zusammengefügte, nach Süden ausgerichtete Weltkarte (Zylinderprojektion) mit Australien in priviligierter Position. Solche Darstellungen gehen auf die 1979 erschienene McArthur’s Universal Corrective Map of the World zurück
Schon die Karte auf den Kopf zu drehen und auf Australien zu zentrieren löst bei Europäern häufig Verwirrung aus. Bildrechte: Poulply

Projektionen Weltkarten und ihre Proportionen

Die meisten Kartographen versuchen, die runde Oberfläche der Erde als flache Karte dazustellen. Dadurch kommt es zu Fehlern, wie etwa falschen Größenverhältnissen.

Weltkarte Merkator Projektion a
In der Schule werden meistens Karten verwendet, die auf die sogenannte Merkator-Projektion zurückgreifen. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Merkator Projektion a
In der Schule werden meistens Karten verwendet, die auf die sogenannte Merkator-Projektion zurückgreifen. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Merkator Projektion
Der belgische Kartograph Gerhard Merkator versuchte, die runde Erdoberfläche auf einem Zylinder abzubilden. Vorteil: Seefahrer können die richtigen Winkel zwischen Orten ausmessen. Nachteil: Je weiter man sich auf der Karte vom Äquator entfernt, desto größer erscheinen Orte. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Peters  Projektion b
Der Bremer Kartograph Arno Peters hingegen setzt einen Zylinder an, der die Erdoberfläche jweils bei 45 Grad südlicher und nördlicher Breite schneidet. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Peters  Projektion a
Peters Projektion gleicht die Verzerrung der Größenverhältnisse besser aus, ist allerdings nicht Winkel- und auch nicht längentreu. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Azimuthal B
Eine sogenannte Azimutalprojektionen erhält man, wenn man sich eine Fläche vorstellt, die die Erdkugel an einem Punkt berührt. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Azimuthal a
Eine sogenannte Azimutalprojektionen erhält man, wenn man sich eine Fläche vorstellt, die die Erdkugel an einem Punkt berührt. Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Goode
Die Goode-Projektion wiederum versucht, die Erde wie eine Orange zu schälen... Bildrechte: IMAGO
Weltkarte Goode A
... und die Schale dann flach auf einen Tisch zu pressen. Hier werden Lücken in Kauf genommen. Bildrechte: IMAGO
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Wie entsteht das verzerrte Weltbild?

Der Belgier Mercator hatte allerdings gar nicht im Sinn, Europa künstlich zu vergrößern. Das Grundproblem ist vielmehr: Man kann die Oberfläche einer Kugel nicht als zweidimensionale Fläche darstellen, ohne die Verhältnisse zu verzerren. Plastisch wird das am Beispiel einer Orange. Presst man eine abgepellte Schale flach auf den Tisch, so entstehen rasch Risse. Mercators Karte wiederum spannte die Schale der Erde auf einen Zylinder. Durch diese Darstellung weiten sich Flächen je weiter auf, je näher sie an den Polen liegen. Bei Mercatorkarten stimmen die Proportionen nur am Äquator.

Dafür ist die Projektion des Belgiers winkeltreu. Wer mit einem Segelschiff über das Meer navigiert, kann überall auf einer Mercatorkarte ausmessen, um welchen Winkel er seinen Kurs ändern muss, um an sein Ziel zu gelangen. Bei einer Petersprojektion ist das anders, dort werden die Winkel größer, je weiter man sich den Polen nähert. Es gibt nur eine Möglichkeit die Winkel und Proportionen der wirklichen Welt gleichzeitig korrekt darzustellen: auf einem Globus.

Die Origamie-Karte

Eine Annäherung an die Kugel hat der japanische Designer Hajime Narukawa versucht und für seine sogenannte Autagraph-Karte im November 2016 eine Designauszeichnung erhalten. Seine Projektion berechnet die Krümmung der Oberfläche ein, die Karte funktioniert nach dem Prinzip von Origamie. Faltet man sie zusammen, erhält man eine fast runde Abbildung der Erde.

Kartenprojektion von Hajime Narukawa, die die Verzerrungen der Flächen ausgleicht. So erkennt man: Brasilien und Afrika sind deutlich größer, als sie auf Merkator-Karten wirken.
Bildrechte: Narukawa Laboratory, Keio University Graduate School of Media and Governance + AuthaGraph Co., Ltd

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 25.03.2017 | 16:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2019, 12:21 Uhr