Krebsforschung Neue Hoffnung Immuntherapie?

Weltkrebstag - seit 2006 wird der 4. Februar genutzt, um auf eine Krankheit aufmerksam zu machen, die jeden Dritten von uns direkt trifft und die in vielen Fällen immer noch nicht erfolgreich behandelt werden kann. Nun sind die Mediziner wahrscheinlich auf einem guten Weg, der Krankheit etwas Neues entgegenzusetzen: eine Immuntherapie. Wissenschaftsredakteur Karsten Möbius über erfolgversprechende Forschungen.

Unser Immunsystem ist ein unglaublich kompliziertes und komplexes Wunderwerk an Zellen und biochemischen Prozessen. Es gibt nur wenige Dinge, mit denen es nicht fertig wird. Selbst Tumore sind eigentlich kein Problem sagt Prof. Dirk Jäger, Chef der Onkologie am Nationalen Tumorzentrum in Heidelberg:

In jedem von uns entstehen jeden Tag hunderte von Tumorzellen. Das ist ein völlig normaler Mechanismus. Unser Immunsystem ist aber in der Lage die zu erkennen und abzutöten. Und nur, wenn dumme Zufälle zusammenkommen und dieser Mechanismus nicht ausreichend funktioniert, wächst ein Tumor.

Prof. Dirk Jäger, Chef der Onkologie an Nationalen Tumorzentrum in Heidelberg

Dann ist das normale Kräfteverhältnis also ausgehebelt. Das Immunsystem hat die Tumorzelle nicht mehr im Griff. Wissenschaftler arbeiten daran, dieses Kräfteverhältnis wieder umzukehren und dem Immunsystem auf die Beine zu helfen. Die Grundidee beschreibt Prof. Jäger so: 

Prof. Dirk Jäger
Prof. Dirk Jäger, Chef der Onkologie an Nationalen Tumorzentrum in Heidelberg Bildrechte: Universitätsklinikum Heidelberg

Nach Organtransplantationen zum Beispiel kann es zu akuten Abstoßungsreaktion kommen. Dann zerstört unsere Immunsystem eine ganze Leber komplett in einer Nacht. Es geht also sehr spezifisch, sehr effektiv vor. Da liegt es nahe, diese Power und diese Selektivität unseres eigenen Immunsystems auch für Therapiestrategien sinnvoll und intelligent zu nutzen.

Prof. Dirk Jäger

Das ist aber nicht ganz einfach. Tumorzellen schaffen es irgendwie, das Immunsystem auszutricksen. Sie nutzen dafür ganz unterschiedliche Strategien: sie schaffen um sich herum ein biochemisches Klima, das den T-Zellen, den Killerzellen des Immunsystems, extrem unangenehm ist, so dass sie den Tumor eher meiden. Und man weiß, dass Tumorzellen Stoffe produzieren, die das Immunsystem bremsen.

Diese Erkenntnisse haben uns einen entscheidenden Schritt weiter gebracht, erklärt Prof. Phillipp Beckhove vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg: 

Ich würde hier sogar fast von einer Revolution in der Therapieentwicklung sprechen. Wir konnten Moleküle identifizieren, die den Tumor vor der Immun-Attacke schützen. Inzwischen wissen wir auch, dass man solche Moleküle blockieren kann.

Es gibt noch andere Möglichkeiten, das Immunsystem auf Trab zu bringen: Wenn man Tumore mit Röntgenstrahlen leicht reizt, werden Entzündungen hervorzurufen. Dieser Entzündungsreiz aktiviert das Immunsystem. Mittlerweile kann man auch die T-Zellen, die Killerzellen also, auf bestimmte Strukturen der Krebszellen abrichten und genetisch verändern. So können diese eine ganz spezielle Eigenschaft der Krebszelle erkennen und die entsprechenden Zellen dann töten.

Man kann diese T-Zellen auch aus Tumoren herausnehmen, im Labor vermehren, aktivieren und dem Patienten wieder zurückgeben. In den USA sind Ansprechraten um die 50 Prozent dokumentiert, und 20 Prozent dauerhafte Remissionen.

Prof. Dirk Jäger

Dauerhafte Remissionen bedeutet: Die Tumorzellen sind offenbar komplett vernichtet worden, ohne dass bisher neue aufgetaucht sind. T-Zellen auf bestimmte Eigenschaften von Krebszellen anzusetzen, ist ein sehr komplizierter Vorgang. Auch deshalb, weil man Zielstrukturen wählen muss, die keine anderen gesunden Zellen haben. In den USA sind zum Beispiel Menschen unmittelbar nach einer Immuntherapie an Herzversagen gestorben, weil Eiweiße, die typisch für die Krebszellen waren, auch im Herzmuskel vorkamen. Nichtsdestotrotz scheint die Immuntherapie eine neue Möglichkeit, der Krankheit Krebs die Stirn zu bieten.

Wir sehen hohe Ansprechraten bei Tumoren wie dem schwarzen Hautkrebs, dem Melanom, dem Bronchialkarzinom, dem Blasenkarzinom, dem Nierenzellkarzinom. Andere Tumorerkrankungen sprechen nicht so gut an. Das verstehen wir noch nicht. Wir verstehen noch nicht den Unterschied.

Prof. Dirk Jäger

Weltweit suchen Wissenschaftler immer weiter nach Stoffen, nach Molekülen, mit denen Tumore sich vor dem Immunsystem schützen. Auch wenn die Erfolge von Tumorart zu Tumorart und von Patient zu Patient unterschiedlich sind, glauben die Wissenschaftler jetzt endlich eine funktionierende Methode gefunden zu haben.

Wir haben Patienten, die vor sieben oder acht Jahren fortgeschrittene Tumore mit Metastasten hatten, die jetzt aber seit mehreren Jahren tumorfrei sind. Möglicherweise ist es eine Heilung, möglicherweise ist es auch nur einer sehr langfristige Tumorkontrolle. Aber diese Patienten hatten unter Standardtherapie eine Prognose von Wochen bis wenigen Monaten und leben jetzt schon mehrere Jahre und das ist für mich schon eine Revolution.

Prof. Dirk Jäger

Einer, der große Hoffnung in diese Erfolge setzte, war Georgios Kessesidis. Ein junger Mann Ende 20. Bei ihm wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Stadium 4, unheilbar. Metastasen waren bereits am Hals und an der Brust sichtbar. Seine statistische Lebenserwartung lag noch bei wenigen Wochen. Dann begann am Nationalen Tumorzentrum in Heidelberg unter Prof. Jäger eine Immuntherapie - mit zunächst unglaublichen Ergebnissen. Ein Stoff, den die Krebszelle produziert, um das Immunsystem auszuschalten, wurde blockiert. Innerhalb kürzester Zeit verschwanden die Metastasen. Der Tumor schrumpfte von Grapefruit auf Mandarinengröße.

Dieser ungewöhnliche Heilungsprozess setzte sich leider nicht fort. Georgios Kessesidis starb knapp zwei Jahre nach Beginn der Antikörper-Therapie. Trotz anfänglicher Erfolge gehörte er leider nicht zu denen, denen man helfen konnte.

Sein Fall zeigt, dass der Kampf gegen die Volkskrankheit Krebs zäh und langwierig ist und dass es den einen großen Wurf, den einen großen Durchbruch wahrscheinlich nicht geben wird. Dafür ist die Krankheit zu unterschiedlich und zu komplex. 

Über dieses Thema berichtet MDR Kultur Spezial im Radio | 31.01.2017 | 18:00-19:00