Darstellung von Weltraumschrott im orbit der Erde. Die Darstellung ist nicht maßstabsgetreu.
Der meiste Weltraumschrott fliegt in 800 bis 1.000 Kilometern über der Erde. Für die zunehmenden privaten Flüge der kommenden Jahre könnte er zu einem ernsten Problem werden. Bildrechte: ESA

Aufräumen im All Houston – wir haben ein Müll-Problem

Müll ist nicht nur unschön, er kann auch gefährlich werden - zum Beispiel wenn er sich mit großen Geschwindigkeiten auf Umlaufbahnen um die Erde befindet. Dann können auch kleinste Teilchen Satelliten beschädigen und Bruchstücke von Zentimetergröße ein Raumschiff zerstören. Aufräumen im All, heißt die Devise, über die die Europäische Weltraumagentur ESA vom 18. bis 21. April 2017 auf einer Konferenz in Darmstadt redet.

Darstellung von Weltraumschrott im orbit der Erde. Die Darstellung ist nicht maßstabsgetreu.
Der meiste Weltraumschrott fliegt in 800 bis 1.000 Kilometern über der Erde. Für die zunehmenden privaten Flüge der kommenden Jahre könnte er zu einem ernsten Problem werden. Bildrechte: ESA

Kollision im All: ein Satellit aus den USA, einer aus Russland – beide fliegen mit mehreren 10.000 Kilometern pro Stunde aufeinander zu, unaufhaltsam.

Guten Abend, meine Damen und Herren; ich begrüße Sie zur Tagesschau. Im Weltraum sind zwei Satelliten zusammengestoßen. Bei der Kollision prallten ein amerikanischer und ein russischer Satellit mit voller Geschwindigkeit aufeinander. Dabei zerbrachen sie in zahlreiche Trümmer, die nun im All zurückbleiben.

Susanne Daubner Tagesschau 12.02.2009

In fast 800 Kilometer Höhe prallt am 12. Februar 2009 über Sibirien ein ausgedienter russischer Kosmos-Satellit auf einen bis dahin noch funktionierenden Satelliten des amerikanischen Iridium-Konzerns. Wenn solche Kollisionen stattfinden, erhöhen sie die Anzahl von Weltraumschrott schlagartig. Rund 600 neue Trümmerteile kamen in diesem Fall dazu - Tendenz steigend, so Berndt Feuerbacher, ehemaliger Präsident der International Astronautical Federation. Dabei hätte man vorher reagieren müssen.

Bei einer Kollision von einem aktiven und einem inaktiven Satelliten hätte eigentlich der aktive Satellit gesteuert werden müssen und aus dieser Kollision herausgefahren. Dass so etwas passiert, ist ganz schlecht. Das muss man künftig auf jeden Fall vermeiden.

Berndt Feuerbacher, ehemaliger Präsident der International Astronautical Federation

Doch es muss nicht immer gleich zum Knall im All kommen. Totalausfälle durch Treffer von Weltraumschrott können sich auch ganz unspektakulär einstellen, wenngleich ebenso plötzlich. Rüdiger Jehn versucht am Europäischen Satellitenkontrollzentrum (ESOC) im hessischen Darmstadt für Europas Missionen im All den Himmel frei zu halten.

Es gibt tausend kleine weitere Teilchen, die mit Sicherheit da oben rumschwirren, aber die wir einfach nicht sehen können, weil sie eben zu klein sind. Und jedes einzelne Teil ist eben Kollisionsrisiko für unsere Satelliten, die ganz in der Nähe ihre Arbeit verrichten.

Rüdiger Jehn, Europäisches Satellitenkontrollzentrum (ESOC)

Rund 18.000 Trümmerteile sind so groß, dass wir sie vom Erdboden aus erfassen können. Schätzungen zufolge gibt es weitere 750.000 Teile, die zwischen einem und zehn Zentimetern groß sind. Bei einer Aufprallgeschwindigkeit von bis zu 40.000 Stundenkilometern erreichen sie eine Wucht, die vergleichbar ist mit der Sprengkraft einer Handgranate.

Maßnahmen gegen schon vorhandenen Weltraumschrott zu ergreifen, ist so ziemlich unmöglich, denn das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen: Es wäre technisch sehr anspruchsvoll und extrem kostenintensiv, eine "Putzhilfe fürs All" zu entwickeln, die da oben aufräumt, so wie in Mel Brooks "Spaceballs". Pläne für derartige Roboter gibt es zwar immer wieder mal - bislang wurde das Prinzip des Wieder-Einsammelns von Weltraummüll aber noch nicht einmal in Ansätzen getestet.

Es gibt bestimmte Umlaufbahnen, wo die Situation heute schon so schwierig ist, dass man tatsächlich daran denken müsste, einige sehr störende Brocken wegzuräumen.

Berndt Feuerbacher

Allerdings, so Feuerbacher, sei die Anzahl der Objekte, die da oben ist, dermaßen groß, "dass man wenig Chancen hat, mit einer Art Weltraumstaubsauger das Zeug wirklich aufzuräumen." Und jede weitere Kollision erhöht die Müll-Menge. Das ist wie bei einer Lawine. Feuerbacher: "Und dann hat man wirklich die Gefahr, dass der Weltraum unbrauchbar werden kann, weil so viel Schrott da oben rumfliegt, dass man keine operationellen Satelliten mehr fliegen lassen kann."

Aus den ursprünglichen rund 600 Teilen der Kollision von Kosmos und Iridium im Februar 2009 sind schnell 1.000  geworden. Und selbst diese Zahl hat sich im Laufe der vergangenen Jahre vervielfacht. Doch bis heute hat das nicht dazu geführt, dass wir geeignete Verfahren gegen den Weltraumschrott entwickelt haben, so Stephan Hobe, der Direktor des Instituts für Luft- und Weltraumrecht der Universität Köln.

Ich fürchte, dass es noch weiterer wirklicher, größerer Probleme und Katastrophen bedarf, um noch höheres Bewusstsein zu schaffen.

Stephan Hobe, Direktor des Instituts für Luft- und Weltraumrecht der Universität Köln

Für den Weltraummüll fühlen sich bisher weder private Unternehmen noch staatliche Raumfahrtagenturen allein verantwortlich. Niemand möchte freiwillig den ersten Schritt tun und einen entsprechenden Prototypen aus eigener Tasche finanzieren. Bisher wird im All lieber Geld verdient als investiert – nach dem Motto: nach uns die Sintflut.

Über dieses Thema berichtete MDR KULTUR im Radio | 11.04.2017 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 11:52 Uhr