Influenza in Deutschland Weiterhin kaum Grippefälle 2020

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Das Robert Koch-Institut registriert weiterhin kaum Grippefälle im Herbst 2020. Hygienemaßnahmen und Abstandsgebote gegen Corona halten offenbar auch die Influenza im Zaum. Das zeigt auch der Blick nach Australien.

Ein Kürbis mit einem Mundschutz liegt im Herbstlaub.
Aufgrund steigender Coronafallzahlen verschärfen Regierungen die Hygiene- und Abstandsregeln im Herbst. Nebeneffekt: Von der Grippe ist praktisch nichts zu merken. (Symbolfoto). Bildrechte: imago images/Bildgehege

Update 20.11.

Die Zahl der Grippefälle bleibt weiterhin deutlich unter der des Vorjahres. Immer mehr Studien zeigen, dass die Corona-Schutzmaßnahmen auch in den USA und in Hong Kong zu weniger Übertragungen von Erkältungs- und Influenzaviren führen. Dafür könnte nach dem Stopp der Kontakverbote die Supergrippewelle drohen.

Von Laboren bestätigte Grippefälle in Deutschland
Kalenderwoche 42 43 44 45 46 Gesamt seit Woche 40 (Anfang Oktober)
2019 107 78 67 100 97 546
2020 15 16 16 13 15 97

Update 4.11.

Nach wie vor treten nur sehr wenige Infektionen mit Influenza auf, im Vergleich zum Vorjahr. Das zeigen die aktuellen Werte der Arbeitsgemeinschaft Influenza, Stand 43. KW (17.-23.10.2020). Die Zahlen können allerdings noch nachträglich steigen, da die Labore noch Fälle nachmelden können.

Zum Herbstbeginn befürchteten viele Fachleute: Trifft die Corona-Pandemie auf die Grippewelle, könnte die Zahl freier Krankenhausbetten zusammenschmelzen, wie ein Eiswürfel unter einem Brennglas.

Allerdings zeigt sich derzeit: Seit die Beschränkungen wegen der Pandemie in Kraft sind, ist von der Grippe praktisch nichts mehr zu sehen. Weder in Europa, wo die Zahl der Grippefälle im März und April praktisch unter die Schwelle der Messbarkeit gesunken war, noch in Australien oder Neuseeland, wo in den Südhalbkugel-Wintermonaten Juni bis September praktisch kaum Grippefälle gezählt wurden.

Keine Grippe in Australien

Das Robert Koch-Institut gibt in Deutschland wöchentlich einen Influenzabericht heraus. Der aus der 42. Kalenderwoche, also der Zeit zwischen dem 12. und dem 18. Oktober, zeigte: Gerade einmal 15 Fälle von Influenza haben deutsche Labore in dieser Zeit diagnostiziert und an das RKI gemeldet. Für die Woche lag die Aktivität der Grippeviren in insgesamt 23 Ländern, darunter Deutschland, unter den definierten Schwellenwerten. Noch ist es deutlich zu früh, von einem Ausfall der Grippewelle zu sprechen. Aber die Daten passen zu den Beobachtungen, die ein Forscherteam um Thomas Hills vom medizinischen Forschungsinstitut Neuseeland gemacht hat.

Die Wissenschaftler werteten die WHO-Aufzeichnungen der diesjährigen Grippemonate auf der Südhalbkugel aus. Dort sind die kalten Monate April bis September. In diesem Jahr sei die Influenza-Aktivität dort kaum messbar gewesen, schreiben die Forscher im Fachblatt "The Lancet". Und zumindest für Australien können sie ausschließen, dass vor allem auf Corona ausgerichtete Teststrategien die Grippeerreger nur übersehen hätten. Dort wurden mehr Grippetests durchgeführt, als in den Vorjahren, die aber weniger Influenzaviren nachweisen konnten.

Abstandsregeln künftig auch gegen Grippewellen?

Die Daten bestätigen Vermutungen, wonach die Schutzmaßnahmen gegen Corona – Maskenpflicht, Abstandgebote, Verbote von Veranstaltungen und Versammlungen – einen exzellenten Job gegen die Grippe erledigen. Vor diesem Hintergrund solle darüber nachgedacht werden, welche dieser nicht-pharmazeutischen Eingriffe sinnvolle Instrumente bei künftigen Grippe-Epidemien sein könnten, schreiben die Wissenschaftler.

11 Kommentare

MDR-Team vor 21 Stunden

Hallo @Mork, zunächst sind die Angaben von Statista aus 2019 und der Wert für SARS-CoV-2 von Anfang März 2020. Wichtig ist an der Stelle, dass zu diesem Zeitpunkt die WHO diese Faktoren lediglich geschätzt hatte. Nun zu dem zweiten Ansatz: Das Gericht in Lissabon hat lediglich die PCR-Tests für nicht ausreichend zuverlässig gehalten, um daraus eine Quarantäne abzuleiten. Es verwies, dass nur Ärzte eine Diagnose stellen dürfen und nicht die Behörden. Es verweis auch weiter darauf, dass solche medizinischen Tests nachgeholt werden müssten, wenn eine Quarantäne angeordnet wird. In keinem anderen Zusammenhang wurde dieses Urteil gefällt und hat keinen Grundsatzcharakter. In Deutschland ist es üblich, dass die Testung immer von Ärzt*innen gegengeprüft werden. Der Rest Ihrer Aussage ist allein Ihre Interpretation. Liebe Grüße

mork Gestern

Liebes MDR Team,
es gibt auch andere seriöse Quellen, die Corona als weniger infektiös beschreiben als Influenza: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1102070/umfrage/ansteckungsgefahr-des-coronavirus-im-vergleich/
Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass laut portugiesischem Berufungsgericht ca. 97% der Test-Positiven NICHT an Corona erkrankt sind (da wissenschaftlich erwiesen). Übertragen auf die Toten bedeutet das, dass bis zu 97% der Corona-Toten NICHT an Corona gestorben sind (lt. CDC in USA 94%). Dadurch führen die Zahlen, die Sie nennen, völlig ins Leere.
Da auf Influenza in der Vergangenheit kaum getestet wurde (sondern die Diagnose auf Vermutung gestellt wurde), darüber hinaus die Intensivbetten in D zur Zeit genauso stark ausgelastet sind wie jedes Jahr und zahlreiche Studien belegen, dass die Massnahmen keine Wirkung erzielen, liegt die Vermutung nahe, dass Influenza an Corona gestorben ist.

MDR-Team Gestern

Hallo @Britta, nach Schätzungen des RKI erkranken im Verlauf einer Grippewelle fünf bis 20 % der Bevölkerung. Mit dem Coronavirus könnten sich ohne Gegenmaßnahmen bis zu zwei Drittel der Bevölkerung infizieren, was in Deutschland weit mehr als 50 Millionen Menschen wären. Der Grund: Laut Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung ist das Coronavirus ansteckender als das Grippevirus - so sei der Faktor um 0,9 Ansteckungen höher. Laut RKI mussten von den Grippekranken in den letzten fünf Grippewellen nur rund 14 Prozent künstlich beatmet werden, während es bei Covid-19 im Frühjahr 22 Prozent waren. Sowohl für die Grippe als auch für Covid-19 gilt, je älter jemand ist und je mehr Vorerkrankungen bestehen, desto häufiger ist ein schwerer Verlauf. Übrigens: Rhinoviren verändern sich häufig, rund 100 verschiedene Typen haben Wissenschaftler*innen bis heute beschrieben - sie sind hauptsächlich für leichte Erkältungen verantwortlich und werden daher nicht erfasst. Liebe Grüße