Lebenserwartung Warum Männer nicht immer früher sterben als Frauen

Dass Frauen länger als Männer leben – darüber herrscht im Großen und Ganzen statistische Einigkeit. Eine neue Messgröße aus Dänemark könnte die Herren der Schöpfung allerdings etwas beruhigen. Die Chance, länger als Frauen zu leben, steht gar nicht so schlecht. Umgekehrt aber auch nicht.

Älterer Mann mit Stock und Schiebermütze und ältere Frau nebeneinander von hinten auf Waldweg, kontrastreiche, dunklere Farben als Vignette um das heller dargestellte Paar, dunkler Hintergrund.
Frauen werden rein statistisch älter als Männer. Und Männer haben ganz gute Chancen, Frauen zu überleben. Beides stimmt. Bildrechte: imago/Panthermedia

Es ist gemeinhin bekannt wie ungelöst, dass Frauen in den meisten zeitgenössischen Gesellschaften den Kürzeren ziehen: Schlechtere Bildungs- und Berufschancen, Schwangerschaft und Geburt, schlechtere medizinische Versorgung (das fängt schon bei der Forschung an), unbezahlte Care-Arbeit. Die unzureichende Geschlechtergerechtigkeit hat umgekehrt bisher nur in der Lebenserwartung zugeschlagen – Frauen leben länger als Männer, halt auch irgendwie als Genugtuungs-Leistung der Natur. So war das zumindest bisher und die Gründe so mannigfaltig wie uneindeutig: Von der WHO heißt es, genetische Unterschiede könnten bei Frauen für ein besseres Immunsystem sorgen. Wahrscheinlich sind aber vor allem auch gesellschaftliche Faktoren. Frauen leben in der Regel nicht so risikoreich wie Männer, sei es in der Freizeit oder auch während beruflicher Tätigkeiten.

Und Frauen leben länger, obwohl sie eigentlich die schlechteren Karten haben. Denn so von den reinen Faktoren her, die theoretisch ein langes Leben begünstigen, werden Männer durch die Bank weg gesellschaftlich begünstigt: Zum Beispiel durch finanzielle Absicherung, weniger soziale Isolation im Alter und die Möglichkeit, bezahlten oder ehrenamtlichen Tätigkeiten nachzugehen – das hat eine Studie aus dem vergangenen Jahr gezeigt. Die Daten, die jetzt aus Dänemark kommen, fühlen sich da ausgesprochen ungerecht an. Denn Frauen leben nicht automatisch länger als Männer. Also zumindest ist es eine Frage der Messgröße.

Derzeit halten wir uns vor allem an der durchschnittlichen Lebenserwartung fest – ein Durchschnittswert eben. Bereits 2020 haben Forschende der Syddanks-Universität im süddänischen Odense eine alternative Beurteilung der Lebenserwartung vorgeschlagen: Die Outsurvival-Statistik. Sie beschreibt die Chancen einer – statistisch gesehen – benachteiligten Person, eine statistisch privilegierte Person zu überleben. Also: Ein Mensch mit geringem sozioökonomischen Status überlebt einen Menschen mit hohem Status. Oder ein Mann überlebt eine Frau. Die Forschenden nannten das auch Underdog-Wahrscheinlichkeit. Und aus Perspektive der Underdogs sieht die Welt ein bisschen anders aus.

Aus Sicht des Underdogs

An der Syddansk-Universität wollte man es nicht dabei belassen, wissenschaftliche Ideen in den Raum zu werfen. Von ebenda kommt jetzt ein neues Papier mitsamt interessanter Zahlen rund um die neue Messgröße: Rein statistisch sterben Männer nicht nur früher als Frauen, sie haben auch eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, das eben nicht zu tun. Oder anders gesagt: Die nackte statistische Lebenserwartung verschleiert die oftmals langen Überschneidungen in der Lebensdauer. "Eine blinde Interpretation der Lebenserwartungsunterschiede kann manchmal zu einer verzerrten Wahrnehmung der tatsächlichen Ungleichheiten [in der Lebensdauer] führen", so die Forschenden. Mit der dänischen Outsurvival-Methode haben sie deshalb geschlechtsspezifische Unterschiede bei Todesfällen in 199 Populationen auf allen Kontinenten über einen Zeitraum von 200 Jahren untersucht.

Im Ergebnis ist es seit genau der Mitte des 19. Jahrhunderts so, dass Männer Frauen mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 bis 50 Prozent überleben, über 50 Prozent sind hingegen selten. Die Analyse sagt also nicht pauschal, dass Männer früher sterben als Frauen. Sondern: ein bis zwei von vier Männern haben in den vergangenen 200 Jahren Frauen überlebt.

Lebensumstände machen die Nuancen aus – nach wie vor

Schauen wir noch ein bisschen genauer hin: Für die Jahre 2015 bis 2019 zeigen die Werte, dass Männer Frauen mit einer Wahrscheinlichkeit von vierzig Prozent überleben. Allerdings nicht gesamtgesellschaftlich: Nuancen bestätigen hier Faktoren, die schon anderweitig mit der Lebenserwartungen in Verbindung gebracht wurden. Waren die Männer verheiratet oder hatten einen Uni-Abschluss, lag die Wahrscheinlichkeit leicht über vierzig Prozent. Bei unverheirateten Männern oder solchen ohne Abitur, waren es etwas weniger als vierzig Prozent.

Der veränderte Blickwinkel kann freilich nur entzerren, aber nicht verhehlen, dass rein statistisch Männer in der Lebenserwartung trotzdem den Kürzeren ziehen: "Eine kleine Anzahl von Männern wird ein sehr kurzes Leben führen, um zu diesem Unterschied zu führen. Zum Beispiel sterben in den meisten Ländern mehr Babyjungen als Babymädchen", so die Forschenden.

Nicht umsonst haben wir im Moment eine Lebenserwartung, die wohl alles übertrifft, was es bisher in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.

Prof. Dr. Claudia Wiesemann Medizinethikerin

Tröstlich für alle Geschlechter, egal ob Männlein, Weiblein oder divers, mag indes sein, wie es um die Lebenserwartung in unserer westlichen Gesellschaft generell so bestellt ist. Die Annahme, dass früher alles besser war, trifft hier nicht zu, darauf verweist die Medizinethikern Claudia Wiesemann in der MDR WISSEN-Sommerserie Drei Minuten Zukunft: "Nicht umsonst haben wir im Moment eine Lebenserwartung, die wohl alles übertrifft, was es bisher in der Geschichte der Menschheit gegeben hat, jedenfalls in den westlichen Zivilisationen. Und das haben wir unter anderem auch den Fortschritten der Medizin zu verdanken." So sei es, noch anders als vor hundert Jahren, in einem ganz anderen Ausmaß möglich, gesundheitliche Krisen zu überwinden und chronische Krankheiten im Schach zu halten. "Und deswegen spielt die Medizin die entscheidende Rolle bei der Verwirklichung eines guten Lebens, vor allen Dingen in den fortgeschrittenen Lebensaltern."

Was wiederum nicht nur demografische Probleme, sondern wiederum auch gesundheitliche mit sich bringen kann. Darauf verweist der Krebsforscher Michael Hallek: "Krebs wird häufiger – und das liegt daran, dass wir älter werden", so Hallek im Gespräch mit MDR WISSEN. "Unsere Programme in unseren Zellen sind so angelegt, dass sie für eine bestimmte Lebenszeit eine Reparatur unserer Zellen gewährleisten. Und wenn wir immer älter werden, was zurzeit der Fall ist, dann wird es am Ende unseres Lebens immer zu irgendwelchen Zellen kommen, die entarten – das kann man bei jedem Menschen auch beobachten."

Also ist die Frage, ob ein hohes Alter auch immer ein gutes Alter für ein gutes Leben ist. Claudia Wiesemann verweist auf Faktoren der Lebensverlaufforschung: Neben guten Beziehungen und einem ausreichenden Auskommen ist das auch gesundheitliches Wohlergehen. Und ob das alles trotz hohem Lebensalter noch über Jahre hinweg gegeben ist, sei nun dahingestellt.

Links/Studien

Die Studie Probability of males to outlive females: an international comparison from 1751 to 2020 erschien am 2. August im Fachjournal BMJ Open.

DOI: 10.1136/bmjopen-2021-059964

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