Ein jüngerer Arzt sitzt rauchen in einem Krankenzimmer auf einer Liege.
Bildrechte: IMAGO

Psychologie Mobbing bei Empathie-Forscherin oder: Warum raucht der Lungenarzt?

Da gibt es übergewichtige Sportlehrer, rauchende Lungenärzte oder Erzieher, deren Kinder nicht sonderlich erzogen wirken. Wir machen Dinge, obwohl wir es aufgrund unserer Profession besser wissen müssten. Aber warum ist das so?

von Kristin Kielon

Ein jüngerer Arzt sitzt rauchen in einem Krankenzimmer auf einer Liege.
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Sie gilt als eine der besten Empathie-Forscherinnen weltweit, scheint selbst aber im Umgang mit ihren Mitarbeitern nicht allzu empathisch zu sein: An einem Leipziger Max-Planck-Institut sorgt eine Professorin für Diskussionen, weil ihre Mitarbeiter ihr – so ein Bericht der Fachzeitschrift Science - systematisches Mobbing vorwerfen. Eine Wissenschaftlerin, die inzwischen nicht mehr dort arbeitet, beschreibt das auf Twitter so:

Und auch aus anderen Bereichen kennt man dieses Phänomen: Wir machen Dinge, obwohl wir es aufgrund unserer Profession besser wissen müssten. Da gibt es übergewichtige Sportlehrer, rauchende Lungenärzte oder Erzieher, deren Kinder nicht sonderlich erzogen wirken. Aber warum ist das so?

Kein Einzelfall

Es ist das typische Klischee: Gerade Psychologie-Studenten sagt man ja nach, dass die Wahl ihres Studienfachs etwas mit ihrer eigenen Persönlichkeit zu tun hätte. Ob das so ist, weiß man nicht, sagt Annegret Wolf vom Institut für Psychologie an der Martin-Luther-Universität Halle. Zwar gebe es Studien dazu, aber ein eindeutiges Ergebnis sei dabei nie herausgekommen. Und selbst, wenn es so wäre, könnte das Studium den Studenten bei ihrer Problembewältigung vielleicht gar nicht helfen.

Das ist schon ein großer Unterschied, ob man Wissen hat oder ob man auch fähig ist, dieses Wissen umzusetzen.

Annegret Wolf, Psychologin MLU Halle

Und es wäre ja auch irgendwie schlimm, wenn man nur noch mit dem Thema seiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt wäre und das das Handeln bestimmen würde, so die Psychologin: "Ich forsche zum Beispiel zu Aggressionen.“

Kognitive Dissonanz

Ganz generell sind Fachleute wie alle anderen Menschen auch von einem Phänomen betroffen: Die Psychologie nennt es kognitive Dissonanz. Und das heißt vereinfacht gesagt, dass wir unter gewissen Umständen Dinge tun, die wir eigentlich gar nicht wollen. Und da geht es allen Menschen gleich – egal ob Experte oder nicht. Das löst zwar unglaubliche Spannungen, unglaubliche negative Emotionen aus, so Wolf, die wir eigentlich nicht gut aushalten.

Psychologin Annegret Wolf
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Aber wir sind sehr gut darin, Strategien zu entwickeln, um diese Dissonanz zu reduzieren, um unseren Selbstwert einfach wieder aufrechtzuerhalten. Das kennen wir auch alle, wir bagatellisieren: Naja das war ja nur die eine Zigarette. Ach das war ja nur der eine Burger. Morgen wird alles wieder gut.

Annegret Wolf

Und so reden wir uns schön, was wir eigentlich besser wüssten. Aber Burger und Pommes schmecken auch einfach so verdammt gut. Wer denkt da schon an das Hüftgold? Da spielt ein zweites Phänomen eine Rolle, das dazu führt, dass wir das Fast Food wider besseres Wissen essen, sagt Annegret Wolf:

Auch ein wichtiger Aspekt ist die sogenannte zeitinkonsistente Diskontierung. Bedeutet eigentlich nur, dass wir sehr nahe Belohnungen viel höher bewerten als irgendwas, was in der Zukunft liegt.

Annegret Wolf

Das ist übrigens auch der Grund dafür, warum gute Vorsätze oft schnell wieder vergessen sind. Aber als Sportlehrer oder Chefarzt wird man doch mehr auf sein Verhalten achten? Ganz im Gegenteil, erklärt Wolf. Denn gerade bei Experten und Fachleuten kommt eine gewisse Doppelmoral ins Spiel.

Das bedeutet, dass ich bei anderen höhere Standards ansetze als bei mir selber und dann mein Verhalten gar nicht mehr so aufmerksam beobachten kann.

Annegret Wolf

Und weil Fachleute diese Diskrepanz häufig gar nicht bemerken, fallen bei ihnen die unterschiedlichen moralischen Standards an sich und anderen umso stärker auf. Aber wie können wir aus dieser Verhaltensschleife ausbrechen? In kleinen Schritten und mit klar definierten Zielen, sagt die Hallenser Psychologin. Die Hauptsache ist, dass wir überhaupt anfangen, unser Handeln unserem Wissen anzupassen.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 17. August 2018 | 11:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. August 2018, 11:19 Uhr