Sars-CoV-2 Corona-Herdenimmunität: Wie Covid-19 zur Kinderkrankheit werden könnte

Sind genügend erwachsene Menschen immun gegen Covid-19, kann das Virus irgendwann nur noch ungeschützte Kinder infizieren. Das Beispiel anderer Viren zeigt, wie der Weg zur Kinderkrankheit aussehen könnte.

Ein Schild an einem Geschäft in Hamburg weist auf Corona-Regeln hin
Unser Verhalten verändert den R-Wert des Coronavirus. Herdenimmunität ist erreicht, wenn R langfristig unter einem Wert von 1 gehalten werden kann, auch wenn Regeln wie Maskenpflichten wieder aufgehoben sind. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde

Wann wird die Corona-Pandemie enden und wie gefährlich wird das Virus bleiben? Präzise lässt sich das nicht vorhersagen, denn Mutationen wie die Delta-Variante zeigen: Die Ausbreitung des in der Menschheit immer noch erst seit relativ kurzer Zeit zirkulierenden Sars-Coronavirus-2 kann sich rasch verändern. Dennoch geht auch eine neue Modellierungsstudie aus Norwegen und den USA davon aus: Langfristig wird Covid-19 zu einer Kinderkrankheit wie Scharlach oder der Keuchhusten.

Erkältungscoronaviren: Vor 130 Jahren töteten sie Millionen

Die Forscher um Ottar Bjornstad von der Penn State University und Ruiyun Li von der Uni in Oslo gehen davon aus, dass Sars-CoV-2 eine ähnliche Entwicklung nimmt, wie das Humane Coronavirus HCoV-OC43. Nach Genomanalysen steht HCoV-OC43 im Verdacht, die asiatische beziehungsweise russische Grippepandemie der Jahre 1889 und 1890 ausgelöst zu haben, der schätzungsweise eine Million Menschen zum Opfer fielen, die meisten älter als 70 Jahre. "Heute ist es ein endemisches, mildes Erkältungsvirus, das meistens Babys im Alter von sieben bis zwölf Monaten ansteckt", so Bjornstad.

Innerhalb der kommenden Jahre könnten die meisten Erwachsenen weltweit entweder durch eine durchgemachte Infektion oder durch eine Impfung geschützt sein. Dann könnten sich nur noch Kinder anstecken, die noch keinen Schutz aufgebaut haben. Da eine Infektion bei ihnen nach bisherigen Erkenntnissen meist wenig gefährlich ist, könnte die Menschheit so langfristig mit Covid-19 leben.

Das Forscherteam modellierte, wie sich Fall- und Todeszahlen in den kommenden zehn Jahren in verschiedenen Ländern entwickeln könnten, je nach örtlichen Hygienebedingungen oder der Altersstruktur einer Bevölkerung. "Bei vielen infektiösen Atemwegserkrankungen steigt die Prävalenz in der Bevölkerung während einer neuen Epidemie sprunghaft an, geht dann aber in einem abnehmenden Wellenmuster zurück, wenn sich die Infektion im Laufe der Zeit auf ein endemisches Gleichgewicht zubewegt", sagt Ruiyun Li.

Todesfälle und Geburten: Herdenimmunität verändert sich laufend

Auf diese Weise könnte langfristig ein Zustand erreicht werden, der landläufig als Herdenimmunität verstanden wird. "Einfach übersetzt: Durch Impfprogramme und durch eine sich aus natürlichen Infektionen entwickelnde Immunität in der Bevölkerung breitet sich die Infektion irgendwann nur noch so langsam aus, dass der Erreger keine große Bedrohung mehr auf Bevölkerungsebene darstellt", sagt der Epidemiologe André Karch von der Universität Münster, der nicht an der Studie beteiligt war. "Das Erreichen des Herdenimmunitätsthresholds (treshold steht für Schwelle/Grenzwert, Anm.d.R.) bedeutet, dass die effektive Reproduktionszahl des Virus durch die zunehmende Immunität in der Bevölkerung unter eins gedrückt wird."

Allerdings sei ein solcher Zustand nie statisch, wie sich etwa am Herpesvirus Varizella-Zoster gut studieren lässt. Der Erreger der Windpocken gilt als extrem ansteckend. Wer eine Infektion durchgemacht hat, ist zwar in der Regel ein Leben lang geschützt. Da das Virus aber nie ganz verschwindet, kann die Krankheit wieder ausbrechen, wenn das Immunsystem schwach wird und dann teilweise auch wieder ansteckend sein. Und es werden stetig neue Menschen geboren und damit neue ungeschützte Organismen, die das Virus anstecken kann. Zugleich sterben alte, immune Menschen.

Die Folge: "Wenn man sich die Inzidenzkurven für Erreger wie Varizella-Zoster oder auch Masern vor Einführung von Impfprogrammen anschaut, dann gab es nie eine stabile Herdenimmunität in dem Sinne, dass der Erreger komplett unterdrückt werden konnte. Sondern es gab die die klassischen alle paar Jahre wiederkehrenden großen Ausbrüche bei Unterschreiten des Herdenimmunitätsthresholds", sagt Karch.

Auch das Windpockenvirus ist ein sogenanntes respiratorisches Virus, also ein Erreger, der zuerst die Atemwege befällt und wie alle respiratorischen Erreger kann es bei kühlen Temperaturen besser übertragen werden als in einer heißen, trockenen Jahreszeit. Folglich gibt es auch hier eine Saison.

Ausrottung hat nur bei den Pocken funktioniert

Dennoch: Anders als bei Corona gibt es eine Art endemisches Gleichgewicht. "Die nächste Stufe wäre, dass es gelingt, auch diese regelmäßigen Ausbruchswellen bei Unterschreiten des Herdenimmunitätsthresholds zu unterdrücken. Das schafft man nur, wenn man beispielsweise auch Neugeborene im ersten Lebensjahr impft und so frühzeitig viele empfängliche Personen aus der Übertragungskette rausnimmt", erklärt Karch. Mit Einführung einer Impfung gegen die Windpocken ist die Medizin diesem Ziel einen kleinen Schritt nähergekommen. "Und die Königslösung wäre die Eradikation (komplette Auslöschung, Anm.d.R.) des Erregers, die aber nur extrem schwierig erreichbar ist."

Das gelang bisher ein einziges Mal und zwar mit den Pocken, aber auch nur unter extremen Anstrengungen. "Das war aber zu einer Zeit, als die Mobilität der Menschen weltweit noch nicht so groß war. Mit Polio wäre es fast gelungen, inzwischen sind wir davon aber leider wieder relativ weit entfernt. Und bei den Masern ist es auf einzelnen Kontinenten gelungen. So gab es in Nord- und Südamerika um 2015 herum nur noch eingeschleppte Fälle", sagt Karch.

Viren Verlauf
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weltweite Herdenimmunität nötig

Wie sich die Situation in der Corona-Pandemie entwickelt, hängt stark davon ab, wie sich das Virus weiterentwickelt. Das Robert Koch-Institut geht davon aus, dass zwischen 85 und 90 Prozent der Bevölkerung immun sein müssen, bevor sich die Lage stabilisiert. "Der erste identifizierte Stamm von SARS-CoV-2 hat ungefähr eine Basisreproduktionszahl gehabt zwischen 2 und 3. Da hätte – stark vereinfacht gerechnet – eine Immunität zwischen 50 und 66 Prozent der Bevölkerung ausgereicht, um den effektiven R-Wert unter 1 zu drücken", erklärt der Epidemiologe Karch. "Die Basisreproduktionszahl der jetzigen Delta-Variante liegt irgendwo zwischen 6 und 10. Deshalb ist der Anteil der Bevölkerung, der immun sein muss, deutlich größer."

Dass die Spannweite des R-Werts jetzt so groß ist, liegt daran, dass die Ausbreitung des Virus durch Gegebenheiten vor Ort stark variiert. "Wichtige Faktoren dabei sind: Wie dicht leben Menschen zusammen, wie ist das Hygieneverhalten ausgeprägt und wie hoch ist die klein- und großräumige Mobilität", sagt Karch.

Die Schwelle, ab der Herdenimmunität erreicht ist, liegt also umso höher, je mehr und je enger wir wieder untereinander Kontakt haben. Ob der Erreger dann wirklich zum Erkältungsvirus wird, hängt auch davon ab, ob er weiter mutiert. "Wir kennen ihn noch nicht gut genug, um einschätzen zu können, wie viel Entwicklungspotenzial vielleicht noch vorhanden ist", sagt Karch. Der nationale Blick auf Herdenimmunität reiche daher nicht aus. "Die Impfstoffverteilung muss so aufgestellt sein, dass die Ausbreitung weltweit gebremst werden kann, dass das Virus gar nicht in dem Maße die Möglichkeit hat, sich so weiterzuentwickeln."

5 Kommentare

Peter vor 15 Wochen

Anni22: Verstehe ich Sie richtig. Sie nehmen die massenhafte Infektion der Kinder in Kauf, obwohl die Erwachsenen es in der Hand haben, die Kleinen zu schützen?

Anni22 vor 15 Wochen

@ Peter Wenn es keinen Herdenschutz gibt, können Sie Kinder nicht schützen. Müssen Sie auch nicht. Erwachsene sollten sich zum Eigenschutz impfen lassen, da die Schwere der Erkrankung mit dem Alter stark ansteigt. So argumentiert auch die Stiko, der Krankheitsverlauf bei Kindern ist fast immer milde. Bedenken Sie auch, nach wie vor sind Millionen (Milliarden?) Menschen weltweit ungeimpft und es wäre nett den vorhandenen Impfstoff den Risikogruppen (Alten) zu geben.

Peter vor 15 Wochen

Anni22: Das heißt aber im Umkehrschluss, die Erwachsenen sollten Verantwortung übernehmen und sich wie Sie und ich unbedingt impfen lassen, um die ungeimpften Kinder zu schützen.