Bushido im Altenheim? Wie entsteht Musikgeschmack?

Die einen mögen es rockig, die anderen klassisch. Manche auch beides oder etwas ganz anderes. Aber warum sind wir eigentlich so verschieden und woher kommt unser persönlicher Musikgeschmack? Und warum ändern sich unsere Vorlieben in dieser Hinsicht ab 30 kaum noch?

Welche Musik wir lieben, ist uns nicht angeboren. Uns prägt in dieser Hinsicht, wie wir aufwachsen, in welcher Kultur. Was unsere Eltern und Geschwister hören, beeinflusst uns. Vor allem aber finden wir unsere musikalische Identität in der Pubertät. Wir finden darüber heraus, wer wir sein wollen und vor allem zu wem wir gehören möchten. Was hören meine Freunde bzw. diejenigen, von denen ich mir wünsche, mit ihnen befreundet zu sein bzw. von ihnen anerkannt zu werden?

Ist die Phase dieser musikalischen Selbstfindung abgeschlossen, ändert sich eigentlich nicht mehr viel, sagen Ästhetik-Forscher. Deshalb bleiben die meisten von uns zufrieden bei den Genres, die sie bis dahin für sich entdeckt haben.

Die Teenagerzeit prägt am stärksten

Je nachdem, in welcher Zeit wir also Teenager sind und welche Musik dann aktuell ist, wird sie uns wahrscheinlich ein Leben lang begleiten. Wer also in den 1950er-, 1960er-Jahren ein Jugendlicher war, mag auch heute oft noch Elvis oder Roy Black. Taren Ackermann vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik skizziert ein Zukunftsszenario:

Wir können sicher sein, dass irgendwann in den Altenheimen auch Bushido laufen wird.

Taren Ackermann, MPI für empirische Ästhetik

Taren Ackermann untersucht derzeit, warum Menschen bestimmte Musikrichtungen ablehnen. Oft seien es musikalische Gründe wie "zu laut", "zu schnell", "zu schräg". Aber auch soziale Aspekte wie z. B. "Das hören meine Freunde auch nicht" spielen eine Rolle. Musik kann also verbinden, aber auch trennen. Eine spezielle Stilrichtung, die nur wenige mögen, kann auch eine Art Zuflucht sein. Manchmal nur für eine kritische Zeit, manchmal für immer.

Musikgeschmack ist etwas sehr individuelles. Wenn jemand sagt, er mag Rockmusik, ist das ja nur ein Oberbegriff, der jede Menge Substile hat wie Acidrock oder Oldies. Und manchmal mag man auch davon nur einzelne Interpreten, manchmal nur ein bis zwei Titel von einem speziellen Album.

Taren Ackermann

Es gibt musikalische Schlüsselerlebnisse

Selbst wenn wir glauben, uns musikalisch gefunden zu haben, kann es sein, dass wir für einen Moment auch etwas ganz anderes mögen.

Wenn es sich aus einer bestimmten Situation heraus ergibt, wir von den richtigen Leuten umgeben und eben in der Stimmung dazu sind. Grundsätzlich ist es aber so, dass sich unser Musikgeschmack im Erwachsenenalter nicht mehr sehr verändert. Die meiste Zeit, uns musikalisch auszuprobieren, haben wir nun mal in der Pubertät. Haben wir die hinter uns, stehen andere Aufgaben an: einen Beruf zu erlernen zum Beispiel oder eine Familie zu gründen.

Sag mir was du hörst und ich sage Dir, wer du bist?

Was diese Frage betrifft, findet die Wissenschaft recht unterschiedliche Antworten. Es gibt zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und musikalischen Vorlieben untersucht haben:

In einer Studie wird Menschen mit der Eigenschaft Offenheit Partymusik als Favorit zugeordnet. In anderen Erhebungen korreliert beides überhaupt nicht.

Taren Ackermann

Das andere Faktoren uns prägen wie der Kulturkreis, in dem wir leben, ob wir ein Instrument spielen oder nicht und wie wir denken, ist dagegen nachgewiesen.

Superstimulus Musik

Erforscht ist auch, was im Gehirn geschieht, während wir Musik hören. Es ist ein komplexer Prozess, der in Sekundenschnelle abläuft: Über die Hörbahnen gelangen die Töne in unser Gehirn und Musik wird zunächst von den Umweltgeräuschen getrennt. Dann schaltet sich das Grammatiknetzwerk ein. Es erschließt Rhythmen und Melodien, erkennt aber auch, ob die Musik harmonisch ist oder "schief".

Das Arbeitsgedächtnis ist ebenfalls beteiligt. Schließlich müssen wir uns ja jeden einzelnen Ton merken, damit wir dann eine Melodie zusammenfügen können. Ob wir den Titel, den wir gerade hören, kennen oder nicht, das entscheidet unser Langzeitgedächtnis. Es sagt uns auch, ober wir damals mit unserer großen Liebe dazu getanzt oder mit der Freundin im Kino um die Wette geheult haben. Im Motorischen Zentrum wird der Sound in Bewegung umgesetzt. Daniela Sammler vom MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften hat untersucht, wie Musik auf unser Hirn wirkt - manchmal sogar wie eine Droge:

Es kann passieren, dass durch das Belohnungszentrum Dopamin ausgeschüttet wird. Wie wenn wir Schokolade essen, ein tolles Geschenk bekommen zum Beispiel. Das erleben wir dann als Gänsehautmoment.

Daniela Sammler, MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften

Auch das Gegenteil kann der Fall sein. Teilnehmer der Studie zu abgelehnter Musik am MPI für empirische Ästhetik gaben an, körperliche Schmerzen zu empfinden bei Songs, die sie nicht mochten. So ähnlich ging es Daniela, die sich für den Podcast von MDR Wissen mit dem Thema Schlager beschäftigt hat.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um Zwei | 07. Juni 2019 | 14:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2019, 14:13 Uhr

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