Anthropologie Gewalt oder Gespräch: Wie lösen Männer Konflikte?

Frauen und Männer streiten anders, so eine weit verbreitete Annahme. Sind Männer dabei immer körperlicher? Schlagen sie schneller zu? Für Antworten sind Leipziger Anthropologen in das Amazonasgebiet gereist.

Radoslav MARCINKIEWICZ (Musberg, rotes Trikot) - Emzarios BENTINIDIS (Aalen, blaues Trikot) 3 min
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Lösen Männer ur-typischerweise Konflikte vor allem körperlich, schlagen sie schnell zu? Einige Wissenschaftler halten diese Annahme durchaus für plausibel, sagt Daniel Redhead vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (MPI/EVA) in Leipzig: "Vor allem evolutionäre Psychologen sehen Männer als die öffentlich sichtbareren Wesen in Gesellschaften. Sie haben mehr davon, Konflikte zu gewinnen und Koalitionen einzugehen. Daher gehen Forscher eher davon aus, dass Männerkonflikte eher auf Aggressionen und physischen Konfrontationen basieren."

Familie und Gegenseitigkeit

Aber wie ist das in Ur-Gesellschaften? In unserer heutigen Zeit werden Konflikte oft durch Gesetze und Institutionen reguliert, etwa Gerichte. Um Aussagen über Archetypen zu treffen, müssen Forscher also eine Möglichkeit finden, Konflikte zu untersuchen, die nicht so stark reglementiert werden. Die hat Daniel Redhead tief im Regenwald gefunden, bei den Tsimané in Bolivien. Acht Jahre lang haben Redhead und sein Kollege Chris von Rueden von der University of Richmond hier die Männer erforscht. Ergebnis: Auch bei den Regenwaldbewohnern geht es gesittet zu.

Wenn man die Konflikte charakterisiert, war die große Mehrheit der Konflikte verbaler Natur, während nur zehn Prozent der Konflikte in physischen Konfrontationen eskalierten.

Dr. Daniel Redhead, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Ist das jetzt viel oder wenig? Um das zu beantworten, müsste man vergleichen können, wie Frauen Konflikte handhaben. Bei denen gehen Psychologen davon aus, dass sie Konflikte eher indirekt lösen, etwa, indem sie ihre Kontrahentinnen aus der Gruppe ausschließen. Für die Tsimané-Frauen gibt es bisher aber noch kaum Daten. Der Grund ist banal: Die Daten vor Ort erhebt ein Mann. Das ist für Männer ok, für Frauen nicht, befanden die Tsmané.

Mittlerweile haben sie ihre Meinung geändert, aber die Datenlage ist noch nicht gut genug für einen Vergleich, sagt Redhead. Daher kann er aktuell nur beschreiben, wie Männer Konflikte lösen. Ein wichtiger Aspekt dabei sei, mit wem sie sich verbünden. Koalitionen bildeten sich laut Redhead vor allem innerhalb der Familie. Brüder und Väter unterstützen sich, wenn es Konflikte gibt. Ein wichtiger Punkt sei auch Gegenseitigkeit, so der Anthropologe.

Die Männer haben eher diejenigen unterstützt, die ihnen in der Vergangenheit geholfen hatten. Außerdem wurde denjenigen geholfen, die mit einem Essen geteilt hatten. Das sehen wir als eine Art Gefallen, um damit positive Beziehungen zu schaffen.

Dr. Daniel Redhead

Entscheidend ist, wer oben in der Hierarchie steht

Eine Schlüsselrolle nehmen dabei Männer mit besonders hohem Status ein. Sie intervenieren oft bei Streit und setzen ihren Status strategisch ein. Das Ziel: Eine weite und vielfältige Anhängerschaft. Die brauchen sie auch, weil sie tendenziell oft selbst Angriffsfläche für Konflikte sind. Sie sind aber auch beliebte Koalitionspartner, schließlich sind sie stark und mächtig. Ein Ergebnis, das sich auf die deutsche Gesellschaft übertragen lässt, sagt Redhead. Auch hier wären Männer mit hohem Status beliebte Verbündete: Man gehe schließlich davon aus, dass sie helfen wollen und es eben auch können.

Link zur Studie

Die Studie Daniel von Redhead and Christopher R. von Rueden "Coalitions and conflict: A longitudinal analysis of men’s politics" ist in Evolutionary Human Sciences erschienen.

kd

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