Vertrauenssache Sind wir Europäer Impfmuffel?

Wenn ein Corona-Impfstoff zugelassen würde, wer würde sich ohne Vorbehalte impfen lassen? Immerhin ist das Vertrauen von uns Europäern in Impfstoffe im Vergleich zu anderen Regionen generell nicht sehr groß, ergab eine globale Umfrage dazu. In Uganda, Bangladesch oder Liberia sind über 80 Prozent der Menschen überzeugt, dass Impfstoffe sicher sind. In Europa sind es zwischen 19 und 77 Prozent. Deutschland liegt bei 50 Prozent und hat sich damit sogar verbessert.

Frau hält Spritze
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Dabei sieht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Misstrauen vieler Menschen gegenüber den Impfstoffen eines der größten globalen Gesundheitsrisiken. Denn wenn die Impfraten für einzelne Krankheiten sinken, drohen Ausbrüche unter anderem von Masern, Polio und Meningitis. Um festzustellen, in welchen Regionen die Vorbehalte am größten sind, haben Wissenschaftler für eine Studie die Angaben von 284.000 Erwachsenen in 149 Ländern ausgewertet. Die Daten wurden in den Jahren 2015 bis 2019 erhoben.

Impfungen sicher - sagt eine knappe Mehrheit in Deutschland

Das in "The Lancet" veröffentlichte Ergebnis der Untersuchung bestätigt: Viele Europäer sind Impfskeptiker. Die Vertrauensrate reicht von 19 Prozent In Litauen bis zu 77 Prozent in Nordmazedonien. Deutschland liegt mit 50,77 Prozent mittendrin und hat sich gegenüber 42,8 Prozent im Jahr 2015 sogar gesteigert. Überhaupt hat das Vertrauen in den meisten europäischen Ländern in den letzten Jahren zugenommen. Spitzenreiter sind jedoch Uganda mit über 87 Prozent, Bangladesch mit 85 Prozent und Liberia mit über 83 Prozent Vertrauen, dass Impfungen sicher sind, wie die interaktive Weltkarte zeigt.

Wie steht es um die Impfbereitschaft gegen SARS-CoV-2?

Wie viele Menschen sich freiwillig mit einem neuen Impfstoff gegen SARS-CoV2 immunisieren lassen würden, das ist noch nicht erforscht. Die Autoren der Studie gehen jedoch davon aus, dass ihre Ergebnisse zumindest eine Tendenz erkennen lassen. Auch in Zukunft wollen sie das Impfvertrauen weltweit dokumentieren.

Wenn wir wissen, wo das Vertrauen absinkt, können wir gezielt Aufklärungsarbeit leisten, um lebensrettende Impfstoffe gegen neue Krankheiten bei möglichst vielen Menschen anwenden zu können.

Prof. Heidi Larson, Vaccine Confidence Project
Kinderimpfung in einer indischen Krankenstation 2007
In Indien vertrauen 82,37 Prozent der Befragten den Impfstoffen - Tendenz steigend. Bildrechte: imago images / JOKER

Während die Wissenschaftler für Europa viele Chancen sehen, das Vertrauen weiter auszubauen, schätzen sie die Lage in Staaten mit politischer Instabilität und religiösem Extremismus als schwieriger ein. Dort würden gezielte Fehlinformationen die Skepsis gegenüber den Impfstoffen steigern und Impfprogramme behindern. Darüber hinaus könne auch Unwissenheit zu Zweifeln führen. Aufklärung sei deshalb besonders wichtig, so Studienleiterin Heidi Larson.

Männer lassen sich seltener impfen, Krankenschwestern vertrauen auf Fachwissen

Die Studie betrachtete unter anderem auch Herkunft, Geschlecht, Bildungsstand, Beruf, sozialen Status und religiöse Zugehörigkeit der Teilnehmer. Das Ergebnis: männliche und weniger gebildete Probanden hatten ein geringeres Vertrauen in Impfstoffe als andere. Menschen in Gesundheitsberufen informieren sich über Impfungen meistens durch Fachquellen und tauschen sich weniger mit Familie oder Freunden darüber aus - mit dem Ergebnis, dass sie großes Vertrauen in die Impfungen haben.

Studie mit kleinen Schönheitsfehlern, aber großer Bedeutung.

Die Autoren der Studie räumen selbst Mängel im Hinblick auf das Studiendesign ein: So seien zum einen die Umfrageantworten mit extremen Kategorien wie "stark einverstanden" oder "stark nicht einverstanden" vorgegeben und ließen damit keinen Aufschluss über den Grad und Gründe der Unsicherheit bei den Probanden zu. Zum anderen kann vom abgefragten Impfstatus der Erwachsenen nicht gefolgert werden, ob sie als Kind, als sie die Impfung erhielten, wirklich überzeugt von der Sicherheit des Impfstoffes waren. Dennoch können die Erkenntnisse über den Vertrauensstatus in den einzelnen Regionen auch für eine mögliche Sars-CoV-2-Impfung gelten.

Wenn die Menschen kein Vertrauen in einen Sars-CoV-2-Impfstoff haben, wird dieser nie sein Potential entfalten.

Dr. Daniel Salomon, John Hopkins Bloomberg School of Public Health

Vorausgesetzt natürlich, sie durchlaufen alle Prozesse der Zulassung. Wenn sichergestellt sei, dass die Vorteile der Impfung überwiegen sei das den Menschen auch mit schnellen und flexiblen Kommunikationsstrategien nahe zu bringen, so Salomon. Vor allem dort, wo laut der aktuellen Studie das Vertrauen der Menschen in Impfstoffe generell sehr gering ist.

(krm)

2 Kommentare

MDR-Team am 12.09.2020

Liebe Maria A.,
auch in der DDR gab es Impfgegner. Diese hatten in der Einparteiendiktatur allerdings nur wenig Möglichkeiten dies auszuleben.
Heute wird niemand zum Impfen gezwungen und gerade die neuen Medien bieten den Menschen schier unzählbare Möglichkeiten sich zu informieren aber auch Fakenews zu verbreiten oder krude Theorien in die Welt zu tragen. Es gibt mehr Möglichkeiten, sich mit Gleichgesinnten zusammenzufinden und seine Anliegen offensiv vorzutragen. Die pauschale Bahauptung, Impfskepsis "schwappte nach der Wende mit herüber" lässt sich wissenschaftlich nicht belegen.
Freundliche Grüße aus der MDR Wissen-Redaktion.

Maria A. am 11.09.2020

Merkwürdige Frage, MDR. Gelebte DDR-Bürger haben sicherlich kaum Probleme damit, sich impfen zu lassen. Man erinnert sich dahingehend sofort an die Schulzeit, wo vom Klassenleiter früh die lapidare Mitteilung kam, dass man sich auf dem Gang in einer Reihe anzustellen hatte, weil geimpft würde. Natürlich gab es ab und an ein Kind, was vor Angst umfiel, aber es wurde trotzdem nicht "verschont". Und so gab es bei späteren Impfungen auch keinen Protest. Was auf dem Plan stand, wurde widerstandslos hingenommen. Dieses Hin und Her, das Geziere bis strikte Ablehnen, war vermutlich schon damals in der BRD üblich und schwappte nach der Wende mit herüber. Aber wohl eher in gemäßigter Form, oder?