Mann vor Rohrleitung
Boyan Slat vor einem der Schwimmkörper des Ocean Cleanup, mit denen er Plastikmüll aus dem Meer holen will. Bildrechte: OceanCleanup

Plastikmüll Kann "Ocean Cleanup" wirklich die Meere reinigen?

Der Niederländer Boyan Slat entwickelte ein schwimmendes Gerät mit riesigen Fangarmen, dass das Meer vom Plastikmüll befreien soll. Am 8. September 2018 startet "The Ocean Cleanup" mit seinem Aufräumprogramm in der Bucht von San Francisco. Doch wie wirkungsvoll ist das System und können daraus gar Nachteile für das Ökosytem Ozean entstehen? MDR Reporter Nico Stubbe hat mit der Meeresbiologin Dr. Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut über das Projekt gesprochen.

Mann vor Rohrleitung
Boyan Slat vor einem der Schwimmkörper des Ocean Cleanup, mit denen er Plastikmüll aus dem Meer holen will. Bildrechte: OceanCleanup

Überall im Meer lässt sich Plastikmüll finden, im Nordpazifik ist es sogar ein riesiger Müllteppich, der sogenannte Great Pacific Garbage Patch. Dort soll ein riesiger Meeresfilter seine Arbeit aufnehmen. "The Ocean Cleanup" - entwickelt vom 24-jährigen Niederländer Boyan Slat - startet am 8. September 2018 von der Bucht von San Francisco aus zu seiner Mission: die Meere vom Müll zu befreien. Bewerkstelligen soll das ein riesiger Schwimmkörper mit zwei 600 Meter langen "Fangarmen", die sich um den Müllberg legen. Ist der Müll zusammengetrieben, soll er über Schiffe abtransportiert werden. Mit seinem ehrgeizigen Projekt eroberte Boyan Slat die Social Media Kanäle und Nachrichten im Sturm. Sein Engagement hat dazu beigetragen, das wir uns dieses Problems überhaupt bewusst sind, sagt der Wiener Meeresbiologe Gerhard Herndl, der zum wissenschaftlichen Beraterteam des Projektes gehört.

Doch es gibt auch Kritik. Zum Beispiel von Dr. Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut. Nico Stubbe hat für das MDR SPUTNIK Tagesupdate mit ihr gesprochen.

Frau Bergmann, halten Sie das Ocean Cleanup-Ziel für realistisch?

Ich denke 50 Prozent des Mülls aus dem Meer zu beseitigen ist insgesamt völlig unrealistisch, denn er zielt ja auch nur auf den Müll ab, der an der Oberfläche treibt. Man geht davon aus, dass das nur ein Prozent des Mülls ist, der in unseren Ozeanen schwimmt. Der Großteil befindet sich wahrscheinlich in Bereichen, von denen wir gar nicht wissen, wo sie genau sind. Das könnte am Meeresboden oder in der Wassersäule sein - das ist der Teil zwischen Meeresoberfläche und Meeresboden - aber auch an Stränden.

Portrait einer Frau
Meeresbiologin Melanie Bermann vom Alfred-Wegener-Institut Bildrechte: Alfred-Wegener-Institut / Kerstin Rolfes

Kann man ausmachen, welcher Müll, welches Plastik im Meer am gefährlichsten ist?

Das kann man nicht so einfach sagen. Sicherlich Teile aus der Fischerei, wie zum Beispiel Netze, die gerade dort im Pazifik einen großen Teil des Mülls ausmachen. Darin können sich Tiere verheddern und zu Tode kommen. Besonders, wenn sich vielleicht eine Schildkröte oder Robbe in tieferen Wasserschichten darin verheddert und nicht mehr in der Lage ist, zum Atmen an die Oberfläche kommen kann. Es gibt aber auch genügend Teile, die verschluckt werden und im Organismus zu Schäden führen können. Sei es, dass es im Inneren zu Verletzungen kommt oder dass sie ein falsches Sättigungsgefühl hervorrufen, wenn sie nicht wieder ausgeschieden werden. Außerdem kann der Müll giftig werden, wenn er schon längere Zeit im Wasser treibt.

Rohrleitung im Wasser
600 Meter lang sind die Fangarme, die den Plastikmüll aus Meer einsammeln sollen. Bildrechte: OceanCleanup

Und trotzdem glauben Sie nicht, dass die Ocean Cleanup-Methode hilfreich ist. Was kommt da auf die Tierwelt zu?

Es ist nicht hinreichend belegt, dass es keine Probleme gibt. Solche Strukturen, die an der Wasseroberfläche treiben, ziehen eine bestimmte Community von Tieren an, zum Beispiel Fische, die dort Schutz suchen, damit sie von Räubern nicht gesehen werden. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Die Strukturen des "Ocean Cleanup" werden besonders diese Organismen anziehen, zusammentreiben und auch mitfangen. Darüber hinaus zieht der Biofilm, der auf dem Plastik vorhanden ist, durch seinen Geruch Fische und Vögel an. Es riecht für sie wie Futter. Außerdem ist der Müll zum Teil besiedelt. Wenn der Müll entfernt wird, kann es dazu führen, dass auch die Tiere entfernt werden.

Was wären Ihrer Meinung nach die besten Maßnahmen, um den Plastikmüll im Meer zu verhindern?

Die Experten sind sich eigentlich einig, dass der beste Weg ist, dass man Strände und Flussufer vom Müll befreit und er so nicht ins Meer gelangt. Das Meer selbst zu säubern, hält keiner für eine gute Idee, weil man immer das Problem hat, dass man Tiere entfernt. Wichtiger ist, dass man den Hahn zudreht, dass wir den Plastikkonsum, der sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt hat, stark reduzieren und da, wo Plastik unersetzbar sein sollte, Materialien verwendet, die recycelbar sind.

Was halten Sie ganz persönlich von diesem Projekt?

Wenn man an die Bilder von den dichten Plastikteppichen denkt, glaubt man leicht, dass es reicht, wenn man einmal durchfährt und damit ist es gut. So ist es aber nicht. Das Plastik ist über weite Gebiete verteilt. Der charismatische junge Mann hatte eine gute Startupidee und hat es geschafft, mit seiner Vision die Herzen zu erobern. Ob das nun technisch alles sinnvoll ist, sei dahingestellt. Das Problem ist auch, dass es vom wichtigsten Augenmerk ablenkt. Die Leute glauben, dass man hier nur einfach mal sauber machen muss und dann ist das Problem gelöst. Ist es aber nicht. Wir müssen unseren Konsum drosseln, wir müssen darauf achten, wie wir uns in der Natur bewegen.

Dieses Thema im Programm: MDR SPUTNIK | Tagesupdate | 07. September 2018 | 18:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2018, 19:46 Uhr