Porträt Prof. Wieland Huttner - Hirnforscher aus Leidenschaft

Der Hirnforscher Prof. Wieland Huttner und sein Team vom Max-Planck-Institut für Zellbiologie und Genetik in Dresden haben einen Teil der Frage beantwortet, warum wir Menschen ein so großes Hirn haben. Immerhin ist es dreimal so groß wie das unseres nächsten Verwandten, des Schimpansen. Die Antwort: Ein Gen sorgt für das enorme Wachstum. Doch was treibt einen Menschen dazu an, nach so etwas zu suchen? MDR Wissen-Reporter Karsten Möbius hat Prof. Wieland Huttner getroffen.

Zufall-Mensch
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Mit der Erkenntnis, dass eine Genmutation wesentlich daran beteiligt war, unser Hirn vor etwa zwei Millionen Jahren sprunghaft wachsen zu lassen, ist Prof. Wieland Huttner und seinem Team ein Durchbruch gelungen, auch wenn der Wissenschaftler selbst es wesentlich dezenter formulieren würde. Denn für ihn gibt es keine Superlative, nichts Absolutes. Wissenschaft ist nicht einfach, sondern komplex. Und die Suche nach Antworten nie zuende. Doch bei aller Zurückhaltung: Diese Forschungsergebnisse sind auch für den gestandenen Hirnforscher persönlich etwas Besonderes:

Unsere Arbeiten über die Vergrößerung des menschlichen Gehirns in der Evolution sind sicherlich das Highlight in meiner beruflichen Laufbahn.

Das Gehirn faszinierte den gebürtigen Hannoveraner von frühester Jugend an. Er habe sich bereits vor dem Abitur mit seinen Klassenkameraden darüber gestritten, ob man das menschliche Gehirn je verstehen würde. Huttner war damals überzeugt: Man wird! Er selbst hat mit seiner Arbeit zu diesem Verständnis beigetragen. Doch der Weg zu seinem Traumberuf war lang und führte über Umwege.

Hirnforschung - mit dem Umweg über die Leber

Der studierte Mediziner Huttner wollte schon für seine Promotion am Hirn forschen. Das Gehirn von Ratten durch eine Nährlösung am Leben zu erhalten, das war die Idee seines Doktorvaters. Doch dann kam es anders und er arbeitete an der Leber. Nach seinem Studium in Hamburg und Oxford ging er für einen Forschungsaufenthalt in die USA.

Mit dem späteren Nobelpreisträger und Neurowissenschaftler Paul Greengard in Yale zu arbeiten, war natürlich augenöffnend, weil ich dort zum ersten Mal erfahren habe, was wirkliche Topforschung bedeutet.

Ein Mann mit Brille sitzt an einem Tisch
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Das war Hirnforschung, wie Huttner sie sich immer vorgestellt hatte. Er konnte sich mit Eiweißen beschäftigen, die bei den Verbindungen der Hirnzellen, den Synapsen, eine Rolle spielen. Später ging er nach München und Heidelberg zum Europäischen Molekularbiologischen Labor und stand dem Institut für Neurobiologie der Universität Heidelberg vor.

Dort begannen wir das, was meine Pulsrate immer höher steigen lässt: die Forschung über die Evolution des menschlichen Neokortex.

Jede Erkenntnis ein Steinchen im Mosaik

Huttners Wechsel zum Max-Planck-Institut für Zellbiologie und Genetik und sein Umzug nach Dresden führten dann zur Entdeckung des Mechanismus, der unser Hirn größer werden ließ als das aller anderer Primaten. Und damit zu einer möglichen Antwort auf die Frage, warum wir uns trotz hoher genetischer Übereinstimmung doch von unseren nahen Verwandten unterscheiden. Wenn man mit Huttner über die Ergebnisse seiner Forschung redet, dann spürt man den seriösen Wissenschaftler alter Schule ständig. Für ihn sind die Erkenntnisse immer nur ein Schritt auf einem langen Weg, immer nur ein Steinchen eines großen Mosaiks. Mehr als vierzig Jahre hat er daran mitwirkt.

Da kann man dann durchaus mit einer gewissen Zufriedenheit sagen: Okay, das war meine Forschungstätigkeit und irgendwann ist es dann auch mal gut.

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