Wiederbelebung Wilde Mulde: Fluss gesund, Natur geheilt

Zu DDR-Zeiten verseuchten chemische Abwässer die Mulde. Heute gehört der Fluss zu den wenigen in Deutschland, deren ökologischer Zustand gut ist. Wir haben nachgefragt, welche Maßnahmen den Erfolg im Naturschutz gebracht haben.

Die Vereinten Nationen (UN) haben die Mulde im Rahmen Ihrer Dekade "Biologische Vielfalt" kürzlich als "Pilot-Projekt mit Vorbildwirkung" ausgezeichnet. Damit ehrten sie unter anderen die Umweltschutzorganisation WWF und das Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), die die Renaturierung des Flusses vorangetrieben haben. Dass die Mulde zwischen Bitterfeld-Wolfen und Dessau heute Teil eines UNESCO Biosphärenreservats ist, konnte sich der Landschaftsarchitekt Heiko Schrenner früher nicht vorstellen.

Wenn man hier am Wehr in Dessau stand, dann schwamm auf dem Fluss – je nachdem, was in Bitterfeld-Wolfen abgelassen wurde – mal gelber, mal blauer, mal roter Schaum. Und wenn der Wind von Osten kam, flogen auch mal so ein paar Schaumfetzen durch die Stadt. Das war gespenstisch.

Heiko Schrenner, Landschaftsarchitekt

Schritt 1: Fluss befreien

Eine der ersten Maßnahmen der Naturschützer war, den Fluss aus seinem Korsett zu befreien. Früher waren die Ufer mit Steinen befestigt worden. Weil die Mulde eines der am schnellsten fließenden Gewässer Europas ist, grub sich die starke Strömung immer tiefer in das Flussbett ein. Die Folge: Die Auen am Ufer trockneten langsam aus.

Also haben Arbeiter die Steine entfernt. Dadurch kann das Wasser das Ufer wieder formen. Von selbst bilden sich wieder Kiesbänke in Flusskurven und steile Abbruchkanten, wo das Wasser ein Ufer unterspült. In letzteren graben unter anderen Eisvögel heute ihre Bruthöhlen. "Hier haben wir knapp 600 Meter Ufer revitalisiert", sagt UFZ Forscherin Christiane Schulz-Zunkel. "Das ganze Projekt-Gebiet sind insgesamt ungefähr 24 Fluss-Kilometer."

Schritt 2: Neue Barrieren schaffen

Damit sich Wasserlebewesen wieder ansiedeln konnten, musste der Fluss buchstäblich abgebremst werden. Dafür wurden sogenannte Rau-Bäume, zumeist Pappeln, in der Aue ausgegraben, im Flussbett versenkt und gut verankert – mit dem Wurzelteller gegen die Strömung. Dort entstehen so schnell neue Lebensräume.

Wir sprechen bei Bäumen, die im Fluss liegen, von den Korallenriffen des Süßwassers. Die werden von Algen bewachsen, da siedeln sich Schnecken an, Fliegenlarven finden ihre Kinderstube und natürlich auch Fische ihr Futter. Die Bäume selbst verändern die Strömung. Dadurch bilden sich neue tiefe oder flache Stellen, wo Fische wieder Verstecke finden. Und es bilden sich Kiesbänke aus. So wird der Fluss strukturreich und bietet vielen Arten Lebensräume.

Heiko Schrenner, Landschaftsarchitekt

Schritt 3: Artenvielfalt kehrt zurück

Fluss Mulde bei Dessau
Renaturierte Mulde bei Dessau. Bildrechte: imago/imagebroker

Neue Bewohner der Mulde sind unter anderem Grundwanzen. Wo sie leben, ist der Sauerstoff-Gehalt am Boden sehr hoch. Deshalb sind sie ein Anzeiger dafür, dass die Ökologie im Gewässer stimmt.

Der neue Artenreichtum macht sich aber vor allem auch bei den Fischen bemerkbar. Die Biologen dokumentieren ihre Vorkommen mit Hilfe von Unterwasserkameras. Die Ergebnisse haben die Forscher überrascht. Mehr als 20 heimische Arten fühlen sich hier offensichtlich wieder wohl, darunter die selten gewordenen Bitterlinge, Rapfen oder Steinbeißer.

Schritt 4: Wasser für die Aue

In der Nähe von Dessau haben Landschaftsarbeiter eine Nebenader frisch ausgebaggert. Lange Zeit war das kleine Gewässer verlandet. Heute verbindet es wieder Mulde und Elbe. "Hier ging es nicht nur um einen alten Seitenarm, sondern ein ganzes Gebilde aus verschiedenen Flutrinnen und Nebengewässern", erklärt Heiko Schrenner. "Sie kriegen nun wieder regelmäßig Wasser."

Das heißt, wann immer die Mulde ansteigt, werden die Auen mit Frischwasser versorgt. Gleichzeitig wird der Wasserstand im Fluss reguliert. Ein natürliches Hochwasserschutzsystem, so, wie es ursprünglich einmal war. Gerade einmal acht Prozent der Flüsse in Deutschland befinden sich gemäß EU-Wasserrahmen-Richtlinie in einem ökologisch guten Zustand. Die Wilde Mulde gehört jetzt dazu - dank ihrer Re-Vitalisierung.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 2 | 28. August 2019 | 14:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2019, 13:22 Uhr