Winterspeck Sind wir Opfer von Evolution und Hormonen?

Alle Jahre wieder beschleicht uns zu Jahresbeginn das schlechte Gewissen: Wieder ein paar Kilo mehr auf der Waage! Das ist die Evolution, schließlich wollen wir den Winter überleben – sagen die einen. Das sind die Hormone – irgendwie müssen wir ja gegen den Winterblues ankämpfen, sagen die anderen. Was ist dran an diesen Thesen und wie werden wir wieder Herr (oder Dame) über unseren eigenen Körper?

Weihnachtstafel
Beim Blick auf die Waage hat diese Erinnerung (die erst wenige Tage zurückliegt) bei manchen einen deutlichen Beigeschmack. (Symbolfoto) Bildrechte: Colourbox.de

Wenn es Winter wird, brauchen wir eine Speckschicht, die uns wärmt. Diese Aussage scheint plausibel, schließlich überleben Robben so im eiskalten Wasser. Doch Säugetiere, die an Land leben, schützen sich durch Fell vor Kälte, wir Menschen inzwischen durch Kleidung. Sollte das Fett uns warm halten, bräuchten wir es an Armen und Beinen, denn dort sind wir am kälteempfindlichsten. Stattdessen lagern wir es bekanntlich an anderen Stellen an. Zum Warmhalten brauchen wir den Winterspeck also nicht.

Depots für magere Zeiten?

Nehmen wir zu, weil es früher auch für uns Menschen im Winter weniger zu essen gab? Immerhin legen Igel und Bär auch eine Reserve an, um die kalte und nahrungsarme Jahreszeit zu überleben. Der Unterschied ist nur: Winterschläfer nehmen bereits im Spätsommer zu. Zu diesem Zeitpunkt haben wir Menschen jedoch nachweislich das geringste Körpergewicht. Wissenschaftler der Universität Tampere in Finnland haben im Rahmen einer Studie herausgefunden, dass wir Deutschen im September sogar am leichtesten sind. Erst ab Oktober nehmen wir zu, da befinden sich Igel und Bär schon fast im Winterschlaf. Wir hingegen können weiterhin auf ein verlockendes Nahrungsangebot zugreifen, was sich spätestens ab November bei vielen auf der Waage zeigt.

Schlafender Igel
Igel brauchen ein Fettdepot für ihren Winterschlaf. Bildrechte: imago images / blickwinkel

Trostpflaster gegen den Winterblues?

Der Lichtmangel in den Wintermonaten führt dazu, dass unser Körper vermehrt Melatonin ausschüttet, ein Hormon, das die Stimmung dämpft und uns müde sogar antriebslos werden lässt. Zugleich sinkt durch die zunehmende Dunkelheit unser Serotoninspiegel. Dabei macht uns dieses Hormon glücklich, mindert Aggressionen und Angstzustände. Was ist dran an der Aussage, dass wir unserem Körper durch süße und kohlehydratereiche Lebensmittel Serotonin zuführen können? Nichts! Zwar sind in einigen Lebensmitteln tatsächlich Spuren des Botenstoffs enthalten, doch die Mengen sind gering und gelangen nicht ins Gehirn, wo Serotonin für gute Stimmung sorgen könnte. Unser Denkorgan schützt sich gegen viele Stoffe von außen:

Portät Uwe von Renteln
Bildrechte: Jens Beulich

Durch einen speziellen Mechanismus in den Adern, der sogenannten Blut-Hirn-Schranke, werden bestimmte Substanzen wie körperfremdes Serotonin herausgefiltert und gelangen so gar nicht erst ins Hirn.

Uwe von Renteln, Ernährungsberater

Serotonin, das durch Nahrung aufgenommen wird, prallt ab. Wasser, Zucker und bestimmte Aminosäuren gelangen jedoch hindurch.

Das Glücksgefühl beim Essen unterliegt einem Lerneffekt

Dass wir dennoch beim Genuss mancher Lebensmittel ein Glücksgefühl empfinden, dafür sind Lerneffekte verantwortlich. Wenn uns zum Beispiel ein bestimmter Geschmack an ein positives Erlebnis erinnert und wir uns dadurch an einen glücklichen Moment erinnern. Dabei spielt der Botenstoff Dopamin eine Rolle. Auch er wird im Gehirn selbst erzeugt, vor allem dann, wenn wir das sogenannte Belohnungssystem ansprechen. Das ist eine Gruppe von Hirnregionen, die reagiert, wenn wir ein Ziel erreichen, einen Geistesblitz haben oder uns etwas Gutes tun – wie eben Schokolade zu essen. Essen macht also doch glücklich, nur anders als wir denken.

Bissen-Wissen-neu 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Frage der Bilanz

Wie sich unser Körpergewicht entwickelt, ist letztlich eine Frage der Bilanz. Wie viel Energie nehme ich zu mir und wie viel bewege ich mich im Gegenzug? Wer also mit Wintereinbruch die Turnschuh in die Ecke stellt und dafür öfter die Plätzchendose öffnet, dessen Waage wird irgendwann unweigerlich weiter ausschlagen. Müssen wir uns also die süßen Trostpflaster in der trüben Jahreszeit verkneifen? Nein, meint Ernährungscoach Uwe von Renteln:

Wer sich das ganze Jahr über bewusst ernährt und ausreichend bewegt, muss auf Süßes, Glühwein, Gänsebraten und Gemütlichkeit nicht verzichten.

Uwe von Renteln

Der Winterspeck bahnt sich lange an

Vom Genuss in der Weihnachtszeit allein nehmen nicht alle Menschen deutlich und nachhaltig zu, so die Einschätzung von Uwe von Renteln. Wer ansonsten bewusst isst und Sport treibt, dem können die zusätzlichen Kalorien rund um die Feiertage nicht viel anhaben. Spürbar werden sie eher für all jene, die sich auch das ganze Jahr über gern zu etwas mehr Essen und etwas weniger Bewegung verleiten lassen.

Zu Weihnachten selbst nur geringe Gewichtszunahme

Die gute Nachricht: An den Weihnachtsfeiertagen und über den Jahreswechsel nehmen wir gar nicht so viel zu. Laut einer Studie von Rolando Giovanni Díaz Zavala (Universität Sonora/Mexico) und seinen Kollegen stieg das Gewicht der erwachsenen Studienteilnehmer nur um 0,4 bis 0,9 kg. Die Studie der Universität Tampere/Finnland kommt für ihre 760 deutschen Probanden zu dem Ergebnis, dass sie im Durchschnitt 0,8 Kilogramm zunahmen. Entscheidend ist, ob die überflüssigen Funde im Laufe der nächsten Wochen und Monate wieder verschwinden oder sich von Jahr zu Jahr summieren.

Joggerin im Schnee
Wer sich das ganze Jahr über bewegt, muss Winterspeck nicht fürchten. Bildrechte: imago images / Panthermedia

Was gegen den Winterspeck hilft

Wer bewusst genießt und langsam isst, kann hoffen, dass für ihn das Sättigungsgefühl schneller einsetzt und er gar nicht in Versuchung kommt, übermäßig zu Schlemmen. Der Spaziergang nach dem Essen sorgt vielleicht für ein gutes Gefühl, nicht aber dafür, die Energie eines Gänsebratens zu verbrennen. Der bringt es samt Klößen, Sauce und Rotkohl auf etwa 1.650 kcal, ein halbstündiger Spaziergang in mittlerem Tempo verbrennt gerade mal 124 kcal.

Ausbalancieren lässt sich ein Festessen nur mit ausdauernder und intensiver sportlicher Betätigung. Und zwar nicht nur kurzfristig, sondern regelmäßig.

Uwe von Renteln, Ernährungsberater

Das Rezept des Ernährungsberaters gegen den Winterspeck: Wer sich das ganze Jahr über bewusst ernährt und sich ausreichend bewegt, dem kann weder der Winter- noch der Feiertagsspeck etwas anhaben.

(krm)

Abnehmen 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK