Das Gehirn als Grafik.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neurologie Hirnschaden: Plötzlich kriminell - oder ein Genie?

Das Hirn ist Zentrum unseres Handels, Denkens und Seins. Wird es verletzt, kann das schwere Folgen haben. Nicht nur der Körper ist betroffen, sondern auch unser Wesen. Selten kommen sogar ungeahnte Talente zum Vorschein.

von Jennifer Schollbach

Das Gehirn als Grafik.
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US-Wissenschaftler der Harvard Medical School haben herausgefunden, dass Hirnverletzungen möglicherweise ein kriminelles Verhalten auslösen könnten. Bei Untersuchungen von 17 Straftätern mit Läsionen am Gehirn stellten die Forscher fest, dass die Schäden alle im gleichen neuronalen Netzwerk auftraten - dem Netzwerk, das für unsere moralischen Entscheidungen verantwortlich ist. Können Hirnschäden also Auswirkungen auf unser Wesen haben, könnten sie gar eine völlig andere Person aus uns machen?

Ein Schlag auf den Kopf erhöht das Denkvermögen

Die Amerikaner Lachlan Connors oder Jason Padgett würden diese Frage mit einem entschiedenen Ja beantworten. Sie sind Beispiele dafür, dass Gehirnverletzungen ungeahnte Veränderungen hervorrufen können.

Padgett wurde 2002 bei einer Kneipenschlägerei heftig am Kopf getroffen. Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Gehirnerschütterung. Als Padgett am nächsten Morgen aufwachte, nahm er seine Umwelt anders wahr. Plötzlich sah er in allem, was ihn umgab, sich ständig wiederholende geometrische Formen. In der Mathematik werden sie Fraktale genannt. Padgett wurde von einem auf den anderen Tag zum Mathe-Genie.

Plötzlich Genie

Heute ist bekannt, dass Padgett einer der wenigen Menschen mit Savant-Syndrom ist. Savant - das ist französisch und bedeutet Wissender. Weltweit gibt es nur etwa 100 Menschen mit diesem Syndrom, das auch als Teilleistungsstärke oder Inselbegabung bezeichnet wird. Das bedeutet, dass diese Menschen in einem kleinen Teilbereich, z.B. Mathematik, eine unglaubliche Begabung besitzen. Die meisten von ihnen sind autistisch veranlagt und leiden oft unter starken sozialen Defiziten. Bei den anderen Savants können neuropsychologische Hirnerkrankungen oder ein Schädel-Hirn-Trauma die Ursache für die Begabung sein.

Auch Lachlan Connors entwickelte ungeahnte Talente. Nach einem Sportunfall interessierte er sich plötzlich für Musik, begann Klavierstücke zu spielen und zu komponieren, obwohl er nie sonderlich musikalisch war. Heute beherrscht er 13 Instrumente und ist als professioneller Musiker unterwegs.

Vorkenntnisse erforderlich

Das klingt alles unglaublich und sogar Hollywood bediente sich schon in etlichen Filmen wie "Phenomenon", "Rain Man" oder "The Mercury Puzzle" an diesem Stoff.

Prof. Dr. med. Hellmuth Obrig vom Max-Planck-Institut für Kognitions-und Neurowissenschaften in Leipzig hält von der Theorie, dass ein Mensch plötzlich zu einem Genie wird, allerdings nichts. Eine Verletzung am Hirn bedeutet immer den Verlust von Hirnsubstanz. Dadurch wird das Gehirn nicht leistungsstärker. Allerdings versucht es den Verlust zu kompensieren.

Neuronen sind kein Programm, dass sie im Paket kaufen können. Es handelt sich dabei um ein komplexes Netzwerk, das an verschiedenen Orten im Gehirn sitzt.

Prof. Hellmuth Obrig

Obrig meint damit, dass in unserem Gehirn meist viele verschiedene Strategien zur Lösung eines Problems verankert sind. Geht eine dieser Strategien verloren, wird eine andere bereits vorhandene Strategie angewandt, um zum Ziel zu gelangen. Diese war uns bisher einfach nur nicht bewusst, weil wir das Problem eben immer auf altbewährte Weise gelöst haben und es so funktioniert hat.

Auch bei Jason Padgett könnte das der Fall gewesen sein. Durch den Unfall hat sein Gehirn andere Wege gefunden, mathematische Probleme zu betrachten. Er ist also nicht aus heiterem Himmel schlau geworden, sondern sein Gehirn arbeitet seit dem Unfall nur anders.

Junge Frau mit einem Fragezeichen
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Schwerwiegende Folgen: Der Fall Phineas Gage

Ein Schlag auf den Hinterkopf erhöht also nicht das Denkvermögen, wie das alte Sprichwort es uns weismachen will. Ganz im Gegenteil, eine Hirnverletzung hat meistens schwerwiegende Folgen. Dabei kann es nicht nur zu körperlichen Ausfällen kommen, sondern auch unser Wesen kann sich verändern.

Das wohl älteste und bekannteste Beispiel für eine Persönlichkeitsveränderung aufgrund einer Hirnschädigung ist wahrscheinlich der Fall Phineas Gage. Bei einem Unfall 1848 bohrte sich eine Eisenstange durch seinen Kopf. Sie trat von unten durch den linken Wangenknochen ein und durch den vorderen Schädel wieder aus.

Gage überlebte diese schwere Verletzung. Intelligenz, Sprachfähigkeit, Motorik, alles blieb erhalten. Das allein war schon bemerkenswert. Doch noch mehr Aufsehen erregte seine auffällige Persönlichkeitsveränderung. Er war plötzlich ein impulsiver, unbeständiger, ausschweifender Mensch mit starken Stimmungsschwankungen. Heute spricht man in der Neurologie von einem Frontallappensyndrom, sagt Prof. Dr. med. Emrah Düzel von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Unsere Persönlichkeit ist im Grunde eine Ansammlung von Entscheidungen, die wir treffen. Ist der Bereich der Entscheidungsfindung, der Frontallappen, verletzt, kann es zu Veränderungen in unserer Persönlichkeit kommen.

Prof. Emrah Düzel

So etwa klagen Angehörige von Hirntumor- oder Schlaganfallpatienten häufig darüber, dass es sich plötzlich um völlig andere Menschen handle. Sie wären aggressiver, impulsiver, hätten eine verminderte Selbstkontrolle.

Steckt in jedem von uns ein Krimineller?

All das könnte die Vermutung nahelegen, dass Menschen mit einer Schädigung bestimmter Hirnbereiche auch dazu neigen, ein kriminelleres Verhalten an den Tag zu legen. Steckt womöglich in jedem von uns ein krimineller Geist, der durch einen Hirnschaden entfesselt werden kann?

Grafische Darstellung der Position der Amygdala im Gehirn
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Unser Verhalten, unsere Entscheidungen hängen von sehr vielen Komponenten ab - in verschiedenen Arealen des Hirns. Die Amygdala zum Beispiel spielt eine große Rolle bei der emotionalen Wahrnehmung und Bewertung von Situationen. Würde man diese beschädigen, wäre es möglich, dass der Betroffene weniger ängstlich und risikobereiter ist.

Prof. Emrah Düzel

Das heißt aber noch lange nicht, dass Menschen mit Hirnschäden in bestimmten Regionen tatsächlich krimineller sind als andere. Zu diesem Schluss kommen auch die US-Forscher der Harvard Medical School. Zwar hätten ihre Probanden alle einen Hirnschaden erlitten. Aber das mache einen Menschen nicht automatisch kriminell. Auch Genetik, Umwelt und nicht zuletzt soziale Einflüsse seien ebenso ausschlaggebend. Das Gehirn ist und bleibt ein spannendes Forschungsfeld, in dem es noch unendlich viel zu entdecken und verstehen gibt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lexi TV | 23. Juni 2014 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2018, 17:44 Uhr