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SelbstwahrnehmungWütende Menschen sind nicht so schlau, wie sie denken

Stand: 24. August 2018, 17:07 Uhr

Wer schnell aufbraust und sich öfter ärgert, überschätzt gern seine kognitiven Fähigkeiten, seine Intelligenz. Zu dem Schluss kommt eine Studie von Forschern der University of Western Australia und der Universität von Warschau. Sie haben die Rolle von charakterbedingter, also durch Veranlagung bedingter Wut bei Bachelorstudierenden in Warschau untersucht.

Wie wurde das untersucht?

Die Teilnehmer mussten Fragen beantworten, mit denen die Forscher Rückschlüsse auf Ärger, mentale Stabilität und Narzissmus gezogen haben. Außerdem sollten die Teilnehmer ihre Intelligenz auf einer 25-Punkte-Sklala selbst bewerten. Anschließend nahmen sie an einem objektiven Intelligenztest teil. Das Ergebnis: Wer öfter wütend wurde, schätzte sich auch als intelligenter ein als er oder sie tatsächlich war.

Das sei auf den ersten Blick schlüssig, man müsse aber differenzieren, sagt Annegret Wolf, Psychologin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zuerst einmal gebe es auch eine gesunde Spielart der Selbstüberschätzung.

Dieses Überschätzungsphänomen, den "overconfidence bias", weisen wir alle in gewissem Maße auf. Das hat damit zu tun, dass wir unseren Selbstwert aufrecht erhalten und stärken wollen. Dazu kommen dann aber manche Persönlichkeitseigenschaften verstärkend oder abmindernd dazu.

Annegret Wolf, Psychologin MLU Halle-Wittenberg

Unsichere Menschen unterschätzen sich eher

Bildrechte: imago/Paul von Stroheim

In der Studie haben die polnischen und australischen Forscher den Zusammenhang von Überschätzung mit drei Eigenschaften analysiert: Ärger, Narzissmus und Neurotizismus. Letzteres sind negative Gefühle der Reizbarkeit, der Angst, Stimmungsschwankungen und Unsicherheit. Dabei haben die Forscher festgestellt: Wer unsicher ist und dazu noch Angst verspürt, wird sich eher realistisch einschätzen oder sogar unterschätzen. Wer aber eher emotional stabil, angstbefreit und dazu ärgerlich ist, der überschätzt sich leichter. Die Angst ist also ein Faktor, der dafür sorgt, ob sich jemand überschätzt, sagt Annegret Wolf. Ein anderer Faktor für Selbstüberschätzung - schon fast eine Binsenweisheit - ist eine Veranlagung zu Narzissmus. Auch das steht in direktem Zusammenhang damit, wie oft jemand wütend wird . Man müsse aber auf jeden Fall noch zwischen Ärger und Wut unterscheiden:

Aus psychologischer Sicht ist Wut nicht gleich Ärger. Wut ist eine intensive, nicht mehr kontrollierbare und meist auf den Moment bezogene Form von Ärger, die auch nicht mehr gesund ist. Ärger empfinden wir alle, es ist eine natürliche und meist auch gesunde Emotion, solang sie auch kontrollierbar bleibt.

Was hat die Persönlichkeit mit Intelligenz zu tun?

Eine wichtige Neben-Erkenntnis der Studie ist laut Wolf, dass die Persönlichkeit nicht so viel mit objektiver Intelligenz zu tun hat. Wenn man zum Beispiel im Fernsehen Bilder von wütenden, aggressiven Schlägertypen oder Straftätern sieht, neigt man dazu, ihnen eine niedrigere Intelligenz zuzuschreiben. Aber ob jemand intelligent ist oder nicht, das kann man nicht unmittelbar aus dem Verhalten herauslesen. Auf gut deutsch: Nur, weil jemand herumwütet, heißt das noch nicht, dass er dumm ist.

Also: Die Forscher in Australien und Polen haben einen wichtigen Zusammenhang herausgestellt, er muss aber immer zusammen mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen und natürlich auch der konkreten Situation gesehen werden, so Psychologin Wolf. Daher sind die Ergebnisse eher für die klinische Praxis geeignet. So zeigt die Studie, dass Ärger nur ein Symptom sein kann und oft nicht das ist, was eigentlich adressiert oder behandelt werden muss. Und diese Erkenntnis kann Psychologen und Psychiatern z.B. bei der Behandlung von Menschen mit narzistischen Persönlichkeitsstrukturen helfen.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | 23. August 2018 | 17:37 Uhr