Evolutionsbiologie Zahme Füchse fürs Wohnzimmer

Ein gezähmter Fuchs auf dem Gelände einer Fuchs-Farm nahe Akademgorodok
Bildrechte: Institute Cytology and Genetics/The Institute of Cytology and Genetics/dpa

Wie wurde aus dem wilden Wolf der zutrauliche beste Freund des Menschen und welche biologischen Mechanismen wirkten bei der Zähmung der Wildtiere? Das wollte der russische Biologe Dmitri Beljajew vor rund 60 Jahren wissen und startete zusammen mit der Biologin Ludmila Trut ein einmaliges Langzeitexperiment in Sibirien. Ihr Forschungsobjekt: der Fuchs.

Gefährliche Neugier

Zu einer Zeit, in der Genforschung in Russland streng verboten war, begann Beljajew damit, Silberfüchse zu studieren. Da er in der Pelzindustrie arbeitete, hatte er Zugang zu den Tieren. Jahr für Jahr wählte er die zahmsten Exemplare der Füchse aus und vermehrte sie weiter. Trut und Beljajew etablierten eine besondere Fuchs-Farm nahe Akademgorodok, einem Wissenschaftsort aus Sowjetzeiten bei Nowosibirsk. Dort reihen sich mehrere Holzhütten aneinander, andere Häuser oder gar Menschen sind weit entfernt. Optimale Lage für ein derartig riskantes Projekt.

Langsame Schritte

Anfangs änderte sich im Verhalten der Füchse nichts. Sie waren weiterhin aggressiv und angriffslustig. Doch das 1963 geborene Fuchsmännchen "Ember" war anders, er wedelte mit dem Schwanz. Bis zu diesem Tag war das Schwanzwedeln als Reaktion auf den Menschen nur bei Hunden beobachtet worden. Mit der Zeit kristallisierten sich bei den Füchsen immer weitere zahme Eigenschaften heraus, sie leckten die Hände ihrer Besitzer, ließen sich den Bauch kraulen und waren verspielter.

Ein evolutionärer Wimpernschlag

Obwohl 60 Jahre in der Evolution keine nennenswerte Zeit sind, haben sie ausgereicht den einzelgängerischen Fuchs immer hundeähnlicher werden zu lassen. Doch wie war die Erschaffung eines zahmen Fuchses in so kurzer Zeit möglich? Beljajew fand in der Theorie der destabilisierenden Selektion eine Antwort auf diese Frage. Bei der Domestikation der Tiere veränderte sich lediglich die Aktivität von Genen, eine Mutation war nicht die Ursache. Das heißt, nicht das Erbgut selbst veränderte sich, sondern nur die Intensität, mit der bestimmte Abschnitte abgelesen und in Moleküle wie Hormone umgesetzt werden. In mehreren Fachjournalen reichte Beljajew Artikel über seine Forschung ein.

Flauschige Freunde

Dmitri Beljajew starb 1985, doch die Fuchsfarm gibt es immer noch. Ludmila Truts hat die Leitung des Projekts übernommen. Zusammen mit Lee Dugatkin, Evolutionsbiologe an der University of Louisville, hat sie nun das Buch "Füchse zähmen" verfasst, in dem sie über das einzigartige Langzeitexperiment berichten.

Und seit einiger Zeit werden die Füchse sogar als Haustiere vermittelt, auch nach Westeuropa und Nordamerika. Doch die Anschaffung ist nicht billig. Rund 4.200 Euro kostet so ein flauschiger zahmer Fuchs. Stubenrein sind die Tiere dann aber noch nicht. Das müssen die neuen Besitzer schon selbst übernehmen. US-Forscher Dugatkin sagt aber, dass die Füchse gut trainierbar sind. Die Wahrscheinlichkeit von einem Fuchs gebissen zu werden, sei im Übrigen auch nicht größer als von einem Hund gebissen zu werden. Nur eine negative Eigenschaft konnten die Füchse nicht ablegen - sie verströmen einen strengen moschusartigen Geruch.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | LexiTV | 04. November 2015 | 15:00 Uhr