Darmpolyp
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Gesundheit Zucker in Softdrinks mitschuldig an Krebs?

Seit 2007 ist das Süßungsmittel Maissirup auch offiziell in der EU erlaubt, allerdings eilt ihm kein guter Ruf voraus. In einer Studie wurde in den USA untersucht, was zuckerhaltige Flüssigkeiten mit dem Mäusedarm machen.

Darmpolyp
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Zucker aus Maisstärke lässt Darmpolypen schneller wachsen. Das haben Forscher in New York bei Versuchen mit Mäusen herausgefunden: Die Kleinstsäuger bekamen täglich eine bestimmte Menge Limonade, die in etwa der Dosis einer handelsüblichen Limo-Dose für Menschen entspricht. Das Ergebnis: Die schon im Darm vorhandenen Polypen wuchsen schneller und entwickelten sich zu Vorstufen von Darmkrebs.

Unklar ist, ob dieser Effekt auch beim Süßen mit Zucker aus Zuckerrohr oder Zuckerrüben auftritt. Die Forscher halten das für möglich, da sich die Saccharose in herkömmlichem Haushaltszucker ähnlich zusammensetzt wie Isoglukose, der Süßungsstoff des Maissirups. Isoglukose setzt sich aus 45 Prozent Glukose und 55 Prozent Fruktose zusammen, bei Haushaltszucker ist das Verhältnis 50:50.

Wie kam es in den USA zum Triumph von Mais über Zuckerrübe und -rohr?

Mit Ende der späten 1960er-Jahre beginnt in den USA der Siegeszug des Zuckerersatzstoffs. Die Vorteile gegenüber herkömmlichem Haushaltszucker aus Zuckerrohr oder Zuckerrüben lagen klar auf der Hand: In der Verarbeitung braucht der Sirup nur noch mit der gewünschten Flüssigkeitsmenge verdünnt werden und bleibt im fertigen Produkt stabil. Herkömmliches Zucker-Granulat dagegen reagiert in Getränken und Verarbeitungsstoffen immer anders. Mais machte als nachwachsender Rohstoff im mittleren Westen der USA unabhängig von den Zucker-Produzenten. Verfügbarkeit und Preise des Rohr- und Rübenzucker-Anbaus schwankten nämlich durch politische Instabilität oder Klimakapriolen in den Exportländern.

Nebenwirkungen und Risiken - wer will das schon so genau wissen

Unabhängig vom Typ des Süßungsmittel in Europa und den USA verdarb in Großbritannien Wissenschaftler John Yudkin der Menschheit beinahe den Spaß am Zucker: In seiner Schrift "Pur, weiß, tödlich" warnte er 1972: "Wäre über irgendeinen anderen Lebensmittel-Zusatzstoff so viel bekannt wie über Zucker, würden sie sofort verboten".

Mann mit Brille
Professor John Yudkin Bildrechte: imago/United Archives International

Er war davon überzeugt, dass Fett und Cholesterin die Übeltäter Nummer eins in der Ernährung sind. Und dass der Zucker-Verzicht oder die Reduktion das Risiko für viele Krankheiten verringern würden. Yudkins schildert im Kapitel "Angriff ist die beste Verteidigung" wie Studien, die sich dem Zucker und seinen Folgen widmen, von wirtschaftlichen Interessen geleitet gelesen werden:

Für eine zweijährige Studie, die 1971 erschien, wurde eine Gruppe Schweine zuckerfrei, die andere zuckerhaltig ernährt. Die Hälfte der Tiere wurde nach einem Jahr getötet und untersucht, die andere nach dem zweiten. Dabei zeigte sich, das mehr zuckerhaltig ernährte Schweine an Arteriosklerose litten als in der Kontrollgruppe, und erhöhte Cholesterinspiegel aufwies. Die International Sugar Research Foundation bezog sich in ihrer Auswertung auf die Untersuchungsergebnisse nach dem ersten Jahr, in der sich keine Hinweise auf erhöhtes Cholesterin oder Arteriosklerose gefunden hätten. Trotzdem verschwand Yudkins Buch in der Versenkung. Der New Yorker Adipositas-Spezialist Robert Lustig erforscht Anfang der 2000er Jahre die Wirkung von Zucker, und ist verblüfft als er feststellt, dass sein Kollege Yudkin schon Anfang der 1970er-Jahre darüber geschrieben hatte.

Zucker ist süß - wie bitter sind seine Nebenwirkungen?

Der gute Ruf des Maissirups ist inzwischen arg ramponiert. Statistiken belegen zwar, dass seit dem Umstieg von Rohrzucker auf Maissirup in den 1970er-Jahren in den USA immer mehr Menschen an Übergewicht und Fettleibigkeit leiden. Allerdings wurden zeitgleich auch im (Vorwende-)Deutschland und anderen europäischen Ländern mehr übergewichtige Menschen registriert – ohne dass Isoglukose hier den herkömmlichen Zucker ersetzt hatte. Der Zuckermarkt wurde erst 2017 liberalisiert und Isoglukose offiziell als Nahrungsmittelzusatz in der EU zugelassen. Ob und welche langfristigen Wirkungen das auf den Gesundheit der Menschen in Europa hat, sehen wir wohl erst in ein paar Jahren.

Fest steht: Erstmals gab es 2016 weltweit mehr Fettleibige als Untergewichtige. Das war 1975 noch umgekehrt. Was genau dafür verantwortlich ist und welche Rolle welche Art von Zucker dabei spielt, wird sich zeigen. Die Folgen der Fettleibigkeit sind dagegen heute schon sattsam bekannt - erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen oder Gelenkschäden durch zu viel Gewicht.

Eine übergewichtige Frau sitzt an der National Mall in Washington DC
Erstmals gibt es auf der Welt mehr Fettleibige als Untergewichtige: Das ergibt eine Studie aus 2016. Bildrechte: Imago/UPi Photo

Wie erkenne ich, welcher Zucker im Produkt steckt?

Das ist gar nicht so leicht. Eine einheitliche Kennzeichnung für die hochkonzentrierte Mischung aus Mais- und Weizenstärke gibt es nicht, sondern mehrere: Isoglukose ist gemeint, wenn auf dem produkt zum Beispiel Maissirup, Glukose-Fruktose-Sirup, Fruktose-Glukose-Sirup oder High Fructose Corn Sirup.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 12. Januar 2019 | 08:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2019, 11:35 Uhr

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