Dauerfrost in Deutschland Auch die Zugvögel hat es kalt erwischt

Kraniche und Störche am Himmel: Trotz zweistelliger Minusgrade und Dauerforst sind viele Zugvögel schon aus ihren Winterquartieren zurückgekehrt. Sie kommen, um in Deutschland zu brüten. Wir mummeln uns bei Kälte dick ein, füllen Wärmflaschen und heizen – wie aber gehen die Vögel mit den eisigen Temperaturen um?

Zugvögel fliegen vor dem Mond am Himmel entlang.
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Die gute Nachricht gleich vornweg: Trotz eisiger Temperaturen sind derzeit hierzulande noch keine Vogelpopulationen in akuter Lebensgefahr. Großvögel wie Kraniche oder Störche finden noch ausreichend Fressen und Schutzräume. Sollte es allerdings sehr viel länger kalt bleiben, könnte es dem einen oder anderen Vogel schlecht ergehen, meint Wolfgang Fiedler, Experte für Vogelzug am Max-Planck-Institut für Ornithologie.

Es ist natürlich für einen Vogel ein Risiko, im Frühjahr früher zu kommen. Wenn das Frühjahr gut verläuft, hat der Vogel einen Vorteil, dann ist er schneller im Brutgebiet, kann früher anfangen. Im Moment ist es noch nicht wirklich spät im Winter und was jetzt an Vögeln angekommen ist, das sind beispielsweise nicht die hoch spezialisierten Insektenfresser. Das kann dann Ende März passieren, dass Vögel wie Hausrotschwanz, Zilpzalp oder Bachrotschwanz zurückkommen und dass die dann wirklich ohne Futter da sitzen, weil wirklich nochmal Schnee liegt oder der Boden gefroren ist.

Wolfgang Fiedler, Max-Planck-Institut für Ornithologie

Kraniche und Störche können also gut noch ein paar Tage auf den Frühling warten. Denn die Zugvögel starten ja nicht ohne Grund in den Norden. Sie scheinen zu wissen, ob es sich lohnt oder nicht. Das weiß man, weil man seit rund 100 Jahren die Vögel mit Ringen zur Identifikation ausstattet und so mehr über ihre Flugwege erfahren hat.

Bei vielen Zugvögeln beobachten wir das: Wenn die mal starten im Winterquartier, dann fliegen die in einem Rutsch durch, wenige Tage und sind dann bei uns. Aber was die Vögel wahrscheinlich genauso wenig wie wir können, das ist jetzt vier oder fünf Wochen in die Zukunft gucken. Also, wenn die Anfang Februar beschließen, nach Rheinland-Pfalz zu fliegen, dann können die nicht sehen, ob Rheinland-Pfalz dann noch eine Kälteperiode kriegt oder nicht. Da können die auch schon mal kalt überrascht werden.

Wolfgang Fiedler

Mittlerweile gibt es einen eindeutigen Trend: Die Vögel kommen immer eher in die Brutgebiete - bis zu zwei Wochen. Allerdings ist die Entscheidung, ob sie fliegen und wie weit, nicht endgültig. Die Vögel sind laut Lars Lachmann vom NABU Deutschland sehr flexibel. Manche Arten teilen sich auf: Einige bleiben, der Rest fliegt in den warmen Süden.

So balanciert eine Art die Gefahren des langen Fluges gegen die des Überwinterns aus. Zu den neuerlichen Phänomenen gehört der so genannte Zugstau – dabei unterbrechen die Tiere auf dem Rückweg aus dem Süden ihren Zug an der Kaltwettergrenze.

Wenn es also im Frühjahr, wenn die Vögel anfangen zurückzukommen, solche Wetterverhältnisse gibt wie jetzt, dann kommt es zu einem so genannten Zugstau. Das sind also Vögel, die schon zurückkehren, aber an der Wettergrenze, wo es dann plötzlich ganz kalt ist, dann feststellen: 'Hm, hier ist noch gar kein Frühling, da fliege ich mal lieber nicht weiter.'

Wolfgang Fiedler

In seltenen Fällen kann es sogar zu einem Umkehrzug kommen. Bei Kranichen passiere das sogar regelmäßig, erklärt Vogelexperte Fiedler.

Wenn es dann wirklich nochmal kalt wird, dann ziehen sie doch noch mal wieder weg und kommen dann erst mit der nächsten Warmfront wieder. Das heißt:, unsere früh zurückkehrenden Zugvögel sind solche späten Wintersituationen gewöhnt und können entsprechend reagieren.

Wolfgang Fiedler

Die  Kraniche entscheiden also jetzt, ob sie bleiben oder nochmal ins Warme fliegen. Das heißt wir müssen uns um die Vögel keine Sorgen machen. Ähnlich sieht das übrigens auch bei anderen heimischen Wildtieren aus: Auch sie trotzen der Kälte in der Regel. So verharren Igel und Bilche gerade noch im Winterschlaf. Auch Amphibien, Reptilien und Insekten verweilen bei den aktuellen Temperaturen weiterhin in Kältestarre und warten auf wärmere Tage.

Selbst die Fische lassen es ruhig angehen: "Sie ziehen sich zum Gewässergrund zurück und fallen in eine Form der Winterstarre mit reduziertem Stoffwechsel, wie zum Beispiel Karpfen und viele andere Weißfische. Die Kälteanomalie des Wassers sorgt dafür, dass zumindest etwas tiefere Gewässer nicht zufrieren, sondern sich am Grund eine Temperatur von etwa vier Grad einstellt“, sagt NABU-Meereschutzexperte Kim Detloff.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 27. Februar 2018 | 06:21 Uhr