Istanbul von oben
Bildrechte: Marco Bohnhoff/GFZ

Geoforschung Istanbul: Forscher warnen vor Superbeben

Stellen Sie sich vor, es gibt ein Erdbeben, und keiner bekommt es mit. Das ist möglich, sagen Potsdamer Geoforscher. Sie haben jetzt so ein Erdbeben bei Istanbul entdeckt. Es hat fast zwei Monate gedauert. Für die Forscher eine völlig neue Erfahrung aber auch ein Warnhinweis. Denn ein großes Beben in Istanbul ist überfällig.

Istanbul von oben
Bildrechte: Marco Bohnhoff/GFZ

Woran denken Sie beim Wort Erdbeben? Eine Katastrophe, die in wenigen Sekunden ungeheure Schäden anrichtet. Doch Erdbeben geht auch anders, haben Wissenschaftler vom Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) nun erstmals gemessen. Südlich von Istanbul ist es im Sommer 2016 nach ihren Untersuchungen zu einem großen Erdbeben gekommen, das allerdings so langsam vonstatten ging, dass niemand es bemerkte.

Messungen im Marmarameer

Eine neu entwickelte Methode der Datenauswertung machte es den deutschen Geoforschern und ihren Partnern vom Türkischen Katastrophenschutz (AFAD) und dem UNAVCO-Institut aus den USA möglich, das ultra-langsame Beben unterhalb des Marmarameeres zu messen. Die Daten stammen von sogenannten Deformationsmessgeräten in Bohrloch-Messstationen im seismisch aktivsten Teil des Gebietes auf der Armutlu-Halbinsel im Marmarameer. Sie wurden in einer Tiefe von 62,5 Metern an 50 Tagen ab dem 25. Juni 2016 gemessen.

"Dadurch konnte das langsame Kriechsignal identifiziert werden, das innerhalb der Erdkruste auftrat und die gleiche Größe hat wie das größte jemals gesehene derartige Signal, das entlang der San-Andreas-Verwerfung in Kalifornien auftrat", so Dr. Martínez-Garzón vom GFZ. Sie ist Hauptautorin der Studie über das gemessene Beben, die die Forscher in der Fachzeitschrift "Earth and Planetary Science Letters" veröffentlicht haben.

Martínez-Garzón und ihre Kollegen beschreiben das so: Die Bewegung der Erdkrustenplatten erzeugt eine kontinuierliche tektonische Belastung. Dadurch wird entlang einer Verwerfung täglich eine elastische Energie aufgebaut. Und die kann in zwei Formen freigesetzt werfen: Seismisch - dann erleben wir ein Erdbeben; aseismisch - ein langsames Verformungskriechen in der Tiefe. Wenn die Forscher die Wechselwirkung zwischen beiden Phänomenen verstehen, könnten sie daraus die Erdbebengefährdung und das daraus resultierende seismische Risiko in städtischen Gebieten bestimmen.

Superbeben für Istanbul

"Das regionale seismische Risiko besser zu verstehen und zu quantifizieren", so Prof. Marco Bohnhoff vom GFZ, Mitautor der Studie, könnte für Istanbul von entscheidender Bedeutung sein, "vor allem im Hinblick auf das bevorstehende Starkbeben". Denn die Gefahr eines solchen Bebens besteht offenbar akut, ein großes Beben sei sogar überfällig, heißt es in der GFZ-Mittelung.

Tektonische Platten Das Gebiet im Nordwesten der Türkei gehört zur nordanatolischen Verwerfung. Die Bruchzone trennt Eurasien und die Anatolische Platte. Ein Teil davon reicht bis nach Istanbul. Dort kommt es immer wieder zu zerstörerischen Erdbeben. 1999 starben 20.000 Menschen, als bei Izmit die Erde bebte.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Dezember 2018 | 15:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Januar 2019, 16:47 Uhr