"Aktuelle Kamera" – Das Sprachrohr der SED

Am 21.12.1952 geht die "Aktuelle Kamera" auf Sendung. Als erste TV-Nachrichtensendung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Punktsieg für die DDR. Denn die "Tagesschau" feiert erst fünf Tage später Premiere.

21. Dezember 1952: Aus dem Versuchszentrum für Fernsehübertragungen in Berlin Adlershof sendet der Deutsche Fernsehfunk die erste TV-Nachrichtensendung Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein Punktsieg für die DDR im Wettstreit mit der Bundesrepublik. Denn deren Nachrichtenflaggschiff "Tagesschau" feiert erst fünf Tage später seine Premiere. Noch ahnt niemand, dass die "Aktuelle Kamera" den Menschen in der DDR fast 40 Jahre lang die Fernsehnachrichten ins Haus liefern und mehr als 30.500 Mal auf Sendung gehen wird. Zunächst läuft die "AK" unregelmäßig zehn Minuten lang, ab Oktober 1957 dann täglich um 20 Uhr – zeitgleich mit der "Tagesschau". Der Wettstreit der Systeme führt 1960 dazu, dass die "AK" eine viertel Stunde früher gesendet und deutlich umfangreicher wird. Wenig später hat die nun halbstündige "Aktuelle" ihren endgültigen Sendeplatz gefunden: täglich um 19:30 Uhr.

Ein Geburtstagsgeschenk für Stalin

Gebäude der Nachrichtensendung Aktuelle Kamera in Adlershof, 1988
Von hier kam die "AK" 38 Jahre in die ostdeutschen Wohnzimmer: Sendezentrum in Berlin Adlershof Bildrechte: IMAGO

Der Tag der ersten Sendung fällt übrigens nicht zufällig auf den 21. Dezember: Es ist der Geburtstag des sowjetischen Diktators Stalin. Ein Zeichen dafür, wohin die Reise gehen wird. Staatliche Verkündigungen statt Journalismus. Und tatsächlich: Am 17. Juni 1953, als unzufriedene Arbeiter auf die Barrikaden gehen, wird der Aufstand in der "Aktuellen Kamera" mit keinem Wort erwähnt. Thema des Tages ist stattdessen der Wohnungsbau. Glückliche Menschen in der Berliner Stalinallee.

"Herr Köfer, man sieht Sie gar nicht mehr!"

Ein Massenmedium ist das Fernsehen in den frühen 1950er-Jahren noch lange nicht. Kaum jemand besitzt ein TV-Gerät. Und so können zunächst nur einige hundert Zuschauer die "Aktuelle Kamera" sehen. Die Konsequenzen einer so geringen Reichweite kriegt auch der Schauspieler Herbert Köfer bald zu spüren. Er ist der erste Sprecher der "AK". Als Theaterschauspieler schon populär und bekannt, verschwindet er nun gewissermaßen wieder von der Bildfläche. Klar wird Köfer der Ernst seiner Lage, als sein Fleischermeister, ein eifriger Theaterbesucher, eines Tages meint: "Was machen Sie eigentlich, Herr Köfer? Man sieht Sie gar nicht mehr!"

"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"

Es geht sehr provisorisch zu in den ersten Jahren. Kameras sind rar, bewegte Bilder die Ausnahme. Dias werden eingeblendet und Text eingesprochen. Doch das Medium Fernsehen entwickelt sich auch in der DDR rasant. Ab 1960 sind die täglichen Nachrichten um halb acht auf DDR 1 schon eine Institution: täglich schauen mehr als 1 Million Menschen die "Aktuelle Kamera". Auch das macht die Nachrichtensendung zum Liebling der SED-Führung. 1961 lässt sie in der "AK" die wohl berühmteste Lüge der deutschen Nachkriegsgeschichte verbreiten. In einer Sondersendung am 15. Juni 1961 geht der legendäre Satz von SED-Chef und Staatsrats-Vorsitzenden Walter Ulbricht über den Äther: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Als der "Antifaschistische Schutzwall" zwei Monate später dann doch gebaut wird, verkündet die "Aktuelle Kamera" das Ereignis in elf Sonderausgaben. Vom Mauerbau sind offenbar selbst die Macher der "AK" überrascht. Klaus Feldmann, AK-Sprecher von 1961 bis 1990, bekommt kein Manuskript in die Hand, sondern muss Ausschnitte aus der SED-Zeitung "Neues Deutschland" vorlesen.

Die Daumenschrauben werden angezogen

Haben die Redakteure der "Aktuellen Kamera" trotz aller Einmischung der SED-Führung zunächst noch kleine Freiräume, werden die Daumenschrauben 1968, nach dem Prager Frühling, angezogen. Denn anders als im Westen, im dem freie Medien als "Vierte Gewalt" als Korrektiv zur politischen und wirtschaftlichen Macht agieren, gilt in der DDR der Grundsatz "Journalismus ist die stärkste Waffe der Partei." Erste Tabulisten hängen in der Redaktion aus. Veröffentlichungen über die Bildung von Kombinaten sind verboten, ebenso die Berichterstattung über den Neubau von Interhotels und über Exporterlöse der DDR-Wirtschaft. Und als das Fleisch in der DDR gerade einmal wieder knapp ist, dürfen in einem Bericht von einem Berliner Weihnachtsmarkt keine Menschen an der Bockwurstbude gezeigt werden. Das strenge Regime scheint sich etwas zu lockern, als Erich Honecker 1971 die Macht im Lande übernimmt. Für kurze Zeit darf die "Aktuelle Kamera" Hintergrundberichte zeigen, in denen auch Widersprüche nicht ausgeblendet werden. Doch die "Tauwetterperiode" dauert keine zwei Jahre. Dann ist alles wieder beim Alten.

Im siebten Himmel: AK-Redakteure als freie Berichterstatter

Katastrophenwinter 1978/79. Schneechaos in der DDR. Nichts geht mehr. Ausnahmezustand. Kommandos aus der SED-Zentrale bleiben aus. Die Redakteure der "Aktuellen Kamera" sind sich selbst überlassen und nutzen ihre Chance. Sie fahren zu den Brennpunkten, berichten ungeschminkt über die Lage vor Ort. Ulrich Meier, AK-Chefredakteur von 1978 – 1984, erinnert sich: "Das war eine sehr zwiespältige Situation für mich. Einerseits fühlte man mit den Betroffenen, für die Schnee, Eis und Kälte zum Teil die Hölle war, und zum anderen war es für uns, die wir darüber berichteten, fast wie im siebten Himmel. Denn wir konnten völlig frei, völlig realitätsbezogen die DDR in diesem Winter so zeigen, wie sie wirklich war."

Katerstimmung

Ab Anfang der 1980er-Jahre werden die Redakteure der "Aktuellen Kamera" endgültig zu Statisten degradiert. Das Zentralkomitee der SED kümmert sich nun um jedes Detail. Jede Woche flattert der AK-Redaktion ein Telex mit Vorgaben auf den Tisch. Das geht soweit, dass Interviewpartnern in den Volkseigenen Betrieben Textpassagen komplett in den Mund gelegt werden. Produktionserträge müssen bis zur 3. Stelle hinterm Komma aufgesagt werden.

1982 fällt ein wenig freundlicher Glamour auf die "Aktuelle Kamera" als RIAS-Mitarbeiters Klaus Heilbronner einen Song über die AK-Sprecherin Angelika Unterlauf macht. "Was Du sagst, das klingt banal, aber darauf kommt's  nicht an. Gerne würde ich die fragen, ob ich Dich mal treffen kann …", trällert Heilbronner alias "Lonni". Doch mit so viel Spaß können die DDR-Staats-und-Parteilenker nicht umgehen. Angelika Unterlauf muss sich rechtfertigen und braucht lange, um glaubhaft zu versichern, dass sie keine Liaison mit dem Westsänger hat.

Grenzenlose Freiheit - Am Schönsten ist es am Schluss

1989 wendet sich auch für die Macher der "Aktuellen Kamera" das Blatt. Während am 7. Oktober noch ausschließlich über die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR berichtet wird, statt über die niedergeknüppelten Demonstranten in Plauen und Leipzig, lässt die "AK" drei Tage später einen Kampfgruppen-Kommandeur zu Wort kommen, der sich mit den friedlichen Demonstranten solidarisch zeigt. Am 17. Oktober flimmert sogar eine handfeste Medienkritik über den Bildschirm. Die bis dahin parteipolitisch vereinnahmte Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens beginnt unabhängig und kritisch zu berichten. Sie begleitet den Fall der Mauer, den "Runden Tisch" und die ersten freien Wahlen. Man will sich erneuern, startet Ende Oktober 1989 eine Spätausgabe im Zweiten Programm des DDR-Fernsehens. Sie wird auf 3sat ausgestrahlt und erreicht so ein riesiges Publikum. Obwohl für die "Aktuelle Kamera" bereits der Abspann läuft, erleben viele Macher der Nachrichtensendung nun ihre schönste Zeit im Adlershofer Funkhaus. So wie Redakteur Michael Schmidt. "Unterm Strich", meint er, "haben wir das erste Mal richtig erlebt, was Journalismus heißt." Am 14. Dezember 1990, um 19:30 Uhr, geht die "Aktuelle Kamera" ein letztes Mal auf Sendung. AK-Redakteur Hans-Joachim Jahn verabschiedet sich bei den Zuschauern: "Meine Damen und Herren, wie Sie es sicherlich schon wissen werden: Dies war die letzte 'AK am Abend'."

AK "on the rocks"

Das, was von der DDR-Fernseh-Nachrichten-Sendung noch übrig ist, liegt jetzt im Archiv des Deutschen Rundfunk Archivs gewissermaßen auf Eis. Die Filmrollen lagern in speziellen Klimaschränken bei einer Temperatur von 5,4 Grad Celsius. Das hält sie frisch, denn als Dokumente der Zeitgeschichte sind und bleiben sie wichtig.

(bpb,rbb,voq)


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV-Magazin "Zeitreise", am: 05.04.2016 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2018, 10:29 Uhr