August Hermann Francke

(1663-1727)

August Hermann Francke kam am 22. März 1663 in Lübeck zur Welt. Er wuchs in Gotha auf und besuchte die Universitäten Erfurt, Kiel und Leipzig, wo er schließlich 1685 promovierte und Vorlesungen hielt.

1686 gründete er als Magister das "Collegium philobiblicum" in Leipzig, das den theologischen Nachwuchs für den Pietismus gewinnen wollte. Nachdem ihm wegen seiner pietistischen Überzeugung die Lehrtätigkeit untersagt worden war, ging er 1691 als Professor der griechischen und hebräischen Sprache nach Halle. Durch ihn wurden die Friedrichs-Universität sowie das einst streng lutherisch-orthodoxe Halle zum Mittelpunkt und Hort des Pietismus, der große Anziehungskraft auch über Deutschlands Grenzen hinaus gewann.

Seinen Leistungen als Professor der 1694 neu gegründeten Friedrichs-Universität in Halle für die geistige Welt steht sein Einsatz für die arme und Not leidende Bevölkerung dieser Gegend in nichts nach. Francke übte neben seiner Professur das Pfarramt in der Hallenser Vorstadt Glaucha aus. Dort sah er sich täglich mit dem Elend der Menschen konfrontiert. Seine Sorge galt vor allem den verwaisten und verwahrlosten Kindern. Für sie gründete er eine Armenschule und das Waisenhaus. Außerdem gehen auch die Gründung des "Pädagogium" und der Lateinschule auf sein Wirken zurück.

Dem Waisenhaus wurden bald eine Buchhandlung, ein Verlag, eine Druckerei, eine Apotheke, die Cansteinsche Bibelanstalt und die Ostindische Missionsgesellschaft angegliedert. Die für die damalige Zeit hochmoderne Anstalt zur Erziehung der Jugend zog Schüler aus ganz Europa an. Die religiöse Unterweisung, die Erziehung zu Gehorsam gegenüber Eltern und Lehrern sowie die Abwendung von materiellen weltlichen Gütern und Freuden standen im Vordergrund der Ausbildung. Kerntugenden pietistischer Gesinnung wie Liebe zur Arbeit, Dienst am Nächsten und Ehrlichkeit bestimmten das pädagogische Ziel Franckes.

Die Anfänge, die Ende des 17. Jahrhunderts mit dem Aufbau einer Armen- und Waisenanstalt gemacht wurden, weiteten sich Mitte des 18. Jahrhunderts zu einer beispiellosen Schullandschaft, bestehend aus Armen- und Waisenschulen, Bürgerschulen, einer Mädchenschule, der Latina und dem königlichen Pädagogium sowie einer ökonomischen Infrastruktur aus, die den Einrichtungen ermöglichte, sich wirtschaftlich selbst zu versorgen. Die Ausrichtung auf den Pietismus und progressive Lehrmethoden machten die Stiftungsschule auch für das europäische Ausland anziehend. Darüber hinaus schuf August Hermann Francke Anfang des 18. Jahrhunderts in Halle die Basis für ein zukunftsreiches Zeitungswesen und einen Nachrichtendienst: Seit 1708 erschien die im Waisenhaus gedruckte "Hallische Zeitung".

Am 8. Juni 1727 ist der evangelische Theologe und Pädagoge in Halle gestorben.

Im 19. Jahrhundert reformierte man das Schulsystem der Franckeschen Erziehungsanstalten: Die staatliche Unabhängigkeit der Stiftungsschulen wurde aufgegeben und das preußische Schulsystem in den Lehrplan integriert. Diese Maßnahme führte zu einem enormen Aufschwung der Schulen, dem Anstieg der Schülerzahlen und finanzieller Absicherung durch die nun staatlich reglementierte Unterstützung. Die später nach ihrem Gründer benannten Franckeschen Stiftungen haben die Entwicklung des Erziehungswesens in Deutschland nachhaltig beeinflusst.

Trotz zunehmender Verstaatlichung der Schulen und dem damit zusammenhängenden Verlust der Autonomie konnte dennoch bis ins 20. Jahrhundert die Gründungsabsicht Franckes, die Vermittlung christlicher Werte, erhalten bleiben. Nach der Machtergreifung Hitlers arrangierten sich die Leiter der Einrichtungen mit dem nationalsozialistischen Regime, um den Fortbestand des Lehrbetriebs zu gewährleisten.

Seit 1945 waren die Stiftungen dann vollständig in staatlicher Hand. 1946 wurden sie aufgehoben und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit ihrem gesamten Vermögen angegliedert. Die verschiedenen Schulen der Stiftungen fasste man unter dem Namen "August Hermann Franke" zusammen. Bildung und Unterricht verloren ihren christlichen Hintergrund und Erziehung erfolgte nun im Sinne des Sozialismus.

Seit 1992 existieren die Franckeschen Stiftungen als Stiftungen des öffentlichen Rechts wieder, allerdings ohne eigenes Stiftungskapital. Der Wiederaufbau aus öffentlichen und privaten Mitteln ist in den letzten Jahren kontinuierlich vorangeschritten.